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Düsseldorf
Sven Regener auf "Magical Mystery Tour" im Zakk

Düsseldorf. Es war die Magie des Vorlesers, die im Kulturzentrum "Zakk" den großen Saal für anderthalb Stunden zum Staunen brachte. Und dann zu langen Ovationen. Sven Regener, Erfinder der millionenfach gelesenen "Lehmann"-Romane, hatte sein aktuelles Buch zu den Düsseldorfer Literaturtagen mitgebracht. Es heißt "Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt" und ist, wie Elke Heidenreich schwärmte, "herzzerreißend schön". Wie eine Sprach- und Stilrakete wirkt der Roman vor allem, wenn der Autor ihn mit eigener Stimme unters Volk bringt. Dazu mit einer großen Gestik, die das Hörerlebnis zur Bühnenshow steigert. Von Claus Clemens

Wie gelingt es dem Romanhelden, aus einem Eiscafé, einer "grottigen Gastro" im tristen Hamburger Stadtteil Altona, mehr noch, aus den Gruppenzwängen einer drogentherapeutischen Einrichtung ins pralle Roadie-Leben aufzubrechen? Wie schafft Regener es, auch mit dieser neuen Ansammlung von Alltags-Absurditäten einen ganzen Stimmungskosmos zu erschaffen? Dazu mit relativ banalen Figuren, die relativ banales Zeug plappern, schwätzen oder faseln. Bei Sven Regener geht das unglaublich gut. Seine Helden sind merkwürdige Idealisten, die man mit größtem Vergnügen durch ihre Eskapaden begleitet.

Karl Schmidt, Opfer eines depressiven Nervenzusammenbruchs am Tag der Maueröffnung, wird von seinen alten Berliner Kumpels in Hamburg wiedergefunden. Als inzwischen von Alkohol- und Drogensucht geheilter Althippie soll er für eine "Magical Mystery Tour" mit den Techno-Freaks durch Deutschland den nüchtern bleibenden Chauffeurpart übernehmen. Seine Altonaer WG aus Alt-Achtundsechzigern darf hiervon nichts erfahren, denn das Fernbleiben vom wöchentlichen "Einnordungs"-Plenum wäre eine Todsünde.

Stakkatoartig raste Sven Regener bei der Lesung durch diese Reise in über 40 Kapiteln. Dazu fehlerfrei, denn der Autor schien den ganzen Roman in Kopf und Herz präsent zu haben. Ein Stromausfall im "Zakk" konnte diesen Deklamier-Marathon denn auch nur nur für Sekunden stoppen. Besonders deftige Beschreibungen wie die von Gudrun, der "Charity-Haubitze", verbrämte der in Bremen geborene Mittfünfziger mit dem Lokalkolorit lustvoll gedehnter Vokale. Am besten aber waren die Dialoge, von diesem Stimmvirtuosen in grellste Tonarten zerlegt.

Und dann noch Köln. Eine Viertelstunde vor Leseschluss fand sich die Handlung Regeners "Magical Mystery"-Tour tatsächlich für einen Auftritt der Hauptfiguren in der Domstadt wieder. An einem Mittwoch, den die geschäftstüchtigen Betreiber der Altstadtkneipen zum "kleinen Samstag" erklärten. "Easy going" hieß die Parole für die Musiker, als man ihnen zur Begrüßung ein obergäriges Gesöff in Stangen servierte.

Quelle: RP
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