| 00.00 Uhr

Analyse
Therapiesitzungen für die Kultur

Analyse: Therapiesitzungen für die Kultur
Düsseldorf. Bald starten die Workshops für den Kulturentwicklungsplan. Das Projekt mit dem sperrigen Namen soll Ideen für die Zukunft der Kulturszene bringen - und Frust abbauen. Der Projektleiter hat schon einiges darüber erfahren, was die Kreativen in Düsseldorf stört. Von Arne Lieb

Einige Begriffe hat Patrick S. Föhl in letzter Zeit häufig gehört. "Haltung" und "Mut" zum Beispiel. Das sind zwei Dinge, die Künstler, Museumsleute, Schauspieler und andere Kulturschaffende in der Düsseldorfer Kulturpolitik vermissen. Auch einen anderen Mangel beklagten viele seiner Gesprächspartner: Die Kultur müsse sich mehr einmischen in die Stadt. Düsseldorf braucht mehr "Kontroversen" - auch dieses Wort hat Föhl häufig gehört.

Patrick S. Föhl ist Kulturberater, kommt aus Berlin und ist engagiert worden, um den ersten Kulturentwicklungsplan für Düsseldorf zu erstellen. 250.000 Euro lassen sich SPD, Grüne und FDP das Projekt mit dem sperrigen Namen kosten, es ist ihr ambitioniertestes in der Kulturpolitik. Befürworter erhoffen sich Antworten auf wichtige Fragen, in denen Düsseldorf nicht vorankommt. Skeptiker erwarten, dass am Ende sehr viel Zeit, Atem und Papier verloren sind. Bald weiß man vielleicht mehr: Am 19. Mai findet der erste Workshop statt, zu dem die Öffentlichkeit eingeladen ist - der offizielle Startschuss für den Prozess. In einem Dreivierteljahr soll dann das Papier vorliegen.

Hinter den Kulissen arbeitet Föhl bereits seit einigen Monaten. Er hat Gespräche mit 85 ganz unterschiedlichen Akteuren aus der Kulturszene geführt, um sich ein Bild zu machen, was es in der Stadt gibt und was fehlt. Der Prozess soll unter möglichst breiter Mitwirkung ablaufen, diese Bedingung hat die Politik gestellt. Die Inhalte einzelner Gespräche bleiben vertraulich - so können die Befragten ehrlich antworten. Föhl kann aber verraten, dass einige Themen immer wieder aufgekommen sind. Sie dürften den weiteren Prozess bestimmen.

Zum Beispiel haben viele den Eindruck, dass der 124 Millionen Euro schwere Kulturetat nicht gerecht und nach transparenten Kriterien verteilt wird. Viele Befragte bemängeln "Klientelpolitik" und eine Dominanz weniger Akteure. Warum bekommen manche Kulturinstitute oder manche freien Träger traditionell ihre Wünsche erfüllt und andere nicht? Eine heikle Frage in einem Bereich, in dem nahezu alle Akteure am Tropf von Subventionen hängen.

Ein anderes brennendes Thema, das Föhl bereits ausgemacht hat, ist die Frage, wie die Kultur sich breitere Zielgruppen erschließen kann. Wie können die Kulturinstitute mehr Teilhabe ermöglichen? Wann kommt endlich ein hausübergreifendes Marketingkonzept? Und natürlich drängt die Debatte um die Zukunft der Spezialmuseen - dazu gibt es sogar einen eigenen, ausgelagerten Workshop. "Man muss die wichtigen Fragen diskutieren, bevor sich die Spardebatte zuspitzt", meint Föhl.

Am Ende des Prozesses, verspricht der Kulturberater, stehen konkrete Ideen. Die Stadt Ulm hat sich bei einem ähnlichen Prozess mit Föhl zum Beispiel eine Online-Börse überlegt, bei der Kulturbesucher nach Begleitern suchen können - das soll ganz gut klappen und neue Zuschauer gewinnen.

Wenn man Föhl folgen will, geht es aber vor allem um Kommunikation. Er hat viel Frustration wahrgenommen bei Kulturschaffenden, die ihre Bedürfnisse nicht gesehen fühlen. Die Workshops sollen das Vertrauen zwischen den Akteuren aus Kultur und Politik verstärken und sie dazu bringen, eine "gemeinschaftliche Haltung" einzunehmen, wie der Berater sagt. Kurz: Der Prozess ist auch eine Art Therapie für die Kultur. Föhl findet den Begriff nicht abwegig.

Die Voraussetzungen dafür, dass die Therapie anschlägt, sind allerdings nicht unbedingt ideal. Im Rathaus laufen derzeit diverse Prozesse, mit denen es Überschneidungen gibt, etwa die Suche nach einem Marketing-Konzept. Immerhin: Marketing-Chef Frank Schrader sitzt im Beirat für den Kulturplan.

Vor allem aber kommt der Kulturentwicklungsplan zu einer Zeit, in der die Zeichen im Rathaus massiv auf Sparen stehen. Ausgerechnet im Herbst, wenn die Gespräche konkreter werden, stehen Haushaltsberatungen an. Föhl dürfte dann einiges dafür tun müssen, dass aus neu gefundenen Verbündeten nicht schnell wieder Gegner werden.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Analyse: Therapiesitzungen für die Kultur


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.