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Kolumne Heimatreport
Tiefenentspannt an der Lorettostraße

Kolumne Heimatreport: Tiefenentspannt an der Lorettostraße
Beate Schmidt vor dem Eingang zur "Ich Oase" in einem Hinterhof der Lorettostraße FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Unser Autor hat sich in Unterbilk umgesehen und viele lokale Läden entdeckt. Darunter die ultimative Entspannungslounge.

Reporter zu sein, ist Tiefenentspannung. Selten war diese Behauptung so richtig wie an dem Tag, als ich die Lorettostraße in Unterbilk besichtigte. Mit dieser hat es Besonderheiten auf sich, die einen Hobby-Surrealisten wie mich unwiderstehlich anziehen: Erstens ist sie die Fortsetzung der Neusser Straße. (Neusser Straße - meine Heimat! Allerdings in Köln.) Dann: Es gibt an der Lorettostraße, Ecke Düsselstraße, eine Weinbar namens D'vine. (Meine Kölner Stammbar liegt ebenfalls an einer Straßenecke und heißt Divinebar). Eine Filiale meiner Krankenkasse ist an der Lorettostraße vertreten, ebenso eine Volvowerkstatt (ich fahre Volvo, seit 100 Jahren, alle 500.000 Kilometer muss man Verschleißteile wechseln). Und dann ist da noch die Sache mit den Bärten.

Ohne Vollbart kann man sich ja als Mann heutzutage kaum noch blicken lassen. Vollbart ist sowas von in, dass man glattrasiert so was von out ist. Neulich habe ich ein Bild meines aktuellen Lieblingssängers Rodrigo Amarante, Jahrgang 1979, gegoogelt. Was trägt der Mann? Vollbart. Allenthalben eröffnen Barbershops (an der Lorettostraße hat sich "Captain's Barbershop" einen Namen gemacht), zudem schießen Modeboutiquen für Männer aus dem Boden. Und zwar für echte Männer. Für "Männer in Freilandhaltung" (den Ausdruck habe ich vom Autor Thomas Edlinger). Für vollbärtige Kerle, die auf robuste Vintageklamotten stehen und maximal viele Tattoos. Dass ein breitbeinig daherkommender Machismo, angereichert mit neomännlicher Empfindsamkeit und Willen zum Styling, angesagt ist, zeigt sich am Erfolg von "The Heritage Post", einem "Magazin für Herrenkultur", das von sich behauptet, es stelle sich den "weichgespülten Männermagazinen breitbeinig in den Weg". Sogar bei uns, im modemäßig traditionell gleichgültigen Köln, liegt es in zig Läden aus, und ich habe mich immer schon gefragt, wer liest das eigentlich? Wer macht das?! Und damit zur Preisfrage: Wo entsteht dieses Hochglanzheft, das nach altem Leder und Pomade förmlich duftet und das Männer in Szene setzt, die aussehen, als hätten wir 1949 und sie wollten sich für eine Rolle in John Fords Western "Rio Grande" bewerben? An der Lorettostraße.

426 Schritte ist die Lorettostraße lang, wenn ich mich nicht verzählt habe. Einst von reizloser Anmutung, ist sie heute ein Biotop für Zeitgeistforscher und Connaisseure inhabergeführter Lifestyleläden. Hier gibt es das "Romantiklabor" für Fans von verspieltem Interior Design, denen kein Detail zu marginal ist, als dass es sich nicht mit Design optimieren ließe. Es gibt hübsche Cafés, Restaurants und eine "Chocolaterie", und wer in die Hinterhöfe spaziert, findet ein "Keramikatelier". So taugt die Lorettostraße auch als Konsumtherapie für die, die von der Filialistendichte der Kö-Luxusmarken genug haben und sich lieber in lokalen Firmen-Eigengewächsen aufhalten. Vergleiche mit der Kö hört man an der Lorettostraße aber nicht gerne. Die Sorge geht um, dass so die Preise steigen könnten.

Ich lief in den Laden von Uwe van Afferden, dem Gründer und Herausgeber der "Heritage Post". Im hinteren Teil entsteht das Heft, der vordere ist eine Männermodeboutique. Der Verkäufer: vollbärtig, tätowiert bis zu den Fingernägeln, gut aussehend. Auf einem Tisch nahe am Eingang: eingeschweißte Ausgaben des 50 Euro teuren Oversize-Lifestylemagazins "#59", auf dem Cover: Robert de Niro, mit Vollbart. Je länger ich stöberte, umso intensiver sah ich mich selbst mit langem Bart und grober Strickjoppe pfeiferauchend in einem Schaukelstuhl. Ich fragte den Verkäufer: "Kann man die Sachen auch tragen, wenn man keinen Bart hat?" - "Wie bitte?", antwortete er und fügte mit Blick auf meine fehlende Gesichtsbehaarung an, glattrasiert sei auch schön. Ich probierte eine rostfarbene Vintagelederjacke an, stellte beim Blick in den Spiegel aber fest, dass ich Michael Jackson oder wenigstens David Bowie sein müsste, um mich darin wohl zu fühlen. Uwe van Afferden saß derweil auf einem Hocker im hinteren Teil des Ladens. Die Heritage Post, die es auch in einer Version für Frauen gibt, komme in der Welt gut herum, erzählte er. Es gebe sie sogar in China. Durchs Fenster schaute ich in den Hof, wo ein Mini neueren Baujahrs geparkt war, mit The-Heritage-Post-Logo drauf. Der Wagen war von vorne bis hinten und von oben bis unten verrostet, oder sah zumindest so aus. Auf eine stylische Art, wie ich es noch nicht gesehen hatte.

Wenn man eine Reise unternimmt, merkt man schnell, wie wenig man von der Welt weiß. Die Gegend kann noch so überschaubar sein, du findest immer etwas, das du nicht kennst, weshalb es gar keinen Sinn macht, die ganze Welt entdecken zu wollen, das klappt sowieso nicht, außerdem ist es sauteuer. Expeditionen ins Weltall sind besonders sinnlos. Selbst Städtetrips sind eigentlich schon viel zu komplex. Ich plädiere daher für Straßentrips. Die Lorettostraße ist für Straßentrip-Debütanten ideal - sie ist nicht zu lang, bietet aber richtig viel.

Gegenüber von "Captain's Barbershop" liegt die "Ich Oase". Sie heißt im Untertitel "Entspannungslounge" und verspricht eine "Relax Revolution". Zu finden ist sie in einem kleinen, wunderbar heruntergerockten Hinterhof. Der Name "Ich Oase" passt perfekt in die dank Facebook und Selfiewahn von einem heftigen Narzissmusfieber gepackte Gesellschaft, die zugleich Wege sucht, dem dauernd sich selbst spiegelnden Ich Momente der Erholung zu gönnen. Die Idee zu der Oase hatte Folkert Schmidt, der als "systemischer Coach" arbeitet. Die Entspannungslounge eröffnete er auch, weil man bessere Gespräche führe, je entspannter man sei, sagte er. Die Relax Revolution findet auf schweren Massagesesseln statt. Ich nahm Platz und wählte ein 20-Minuten-Einsteiger-Programm (15 Euro). Setzte den Kopfhörer und die "brainLight"-Brille auf, die die Augen mit einer Art Lichtblitz-Stakkato traktiert. Eine Frauenstimme hauchte zu sphärischen Wellnessklängen in meine Ohren, dass ich nun zu mir selbst finden werde. Der Sessel knetete meinen Rücken. Das Spiel der Lichtblitze war angenehm, fast wie Hypnose. Nach acht Minuten hauchte die Frau: "Ich werde Sie nun mit Du ansprechen." Nach 15 Minuten versprach sie, die Sitzung werde meine Fähigkeiten "in allen Lebensbereichen" verbessern. Kurz darauf war es, als würde ich eine Wolke besteigen und davon schweben. Ich verließ die Lorettostraße tiefenentspannt, besser und fähiger als jemals zuvor. Und mit einer einzigen Frage im Kopf: Wie fähig wäre ich erst mit Vollbart?

Quelle: RP
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