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725 Jahre Düsseldorf
"Toni, Du bist ein Teufelskerl"
Das Wunder von Bern am Flinger Broich
Das Wunder von Bern am Flinger Broich FOTO: ufa-palast
Düsseldorf. Der Torwart Toni Turek ist das größte Sportidol der Nachkriegszeit - und seit vergangenem Jahr Namensgeber des Clubheims der Fortuna. Von Arne Lieb

Es ist eines der großen Rätsel der Lokalpolitik der vergangenen Jahre, warum das Gedenken an Toni Turek so viel Ärger ausgelöst hat. 2004 kam aus den Reihen der Rheinbahn die Idee, eine Straße in Düsseldorf nach dem Fußballidol zu nennen, bis heute hat das nicht geklappt.

Beim Amt für Verkehrsmanagement soll die bloße Erwähnung des Themas inzwischen für schlechte Laune sorgen. Auch Tureks Nachfahren sollen nach dem ganzen Ärger kein großes Interesse an der Ehrung mehr haben. Und das ausgerechnet bei Toni Turek - dem vielleicht populärsten Sportidol, das in Düsseldorf im vergangenen Jahrhundert gewirkt hat.

In den 50er Jahren pilgerten die jungen Fußballfans zum Flinger Broich, um ein Autogramm ihres Idols zu ergattern, heute sind diese einstmals jungen Fans längst alte Männer, hüten die alten Autogramme und schwärmen immer noch von diesem Torwart, der zu den besten der Nachkriegszeit gehörte und für seine risikofreudige Spielweise bewundert und kritisiert wurde.

Turek ist den Düsseldorfern in Erinnerung geblieben als Torwart der Fortuna von 1950 bis 1955, aber natürlich vor allem als Teil der deutschen Nationalmannschaft bei ihrem vielleicht legendärsten Fußballspiel am 4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion, als der gebürtige Duisburger zu einem der "Helden von Bern" wurde.

Der Radioreporter Herbert Zimmermann trug seinen Teil zur anhaltenden Popularität des Torwarts bei, als er nach dessen wagemutiger Parade gegen den Ungarn Zoltan Czibor ins Schwärmen geriet und die berühmten Wörter in den Äther rief: "Toni, du bist ein Teufelskerl. Toni, du bist ein Fußballgott."

Der legendäre Auftritt in Bern, bei dem Turek mit 35 Jahren der älteste Spieler im deutschen Aufgebot war, ist der Höhepunkt und zugleich das letzte große Spiel in Tureks Karriere gewesen. Der am 18. Januar 1919 geborene Torwart hatte sie rund 20 Jahre zuvor in der Kreisliga beim Duisburger Spielverein 1900 begonnen.

Sein Talent blieb nicht lange unbemerkt. Schon als 17-Jähriger hatte er bei einem Vorspiel zum Länderspiel gegen Luxemburg die Aufmerksamkeit des damaligen Assistenztrainers der Reichsauswahl, des späteren Bundestrainers Sepp Herberger, erregt und als Ersatztorhüter am letzten Spiel der DFB-Auswahl vor Ende des Krieges teilgenommen. Als Soldat kämpfte Turek in Frankreich, Italien und Russland.

Zweimal wurde er verwundet. Er hatte großes Glück, als ein Granatsplitter seinen Stahlhelm durchschlug: Als er 1954 Weltmeister wurde, steckte der immer noch im Kopf. An die Kriegsjahre hat sich Turek später nicht gerne erinnert: "Meine beste Zeit habe ich im Krieg verpasst", sagte er einmal. In der Nachkriegszeit nahm die Fußballkarriere Fahrt auf. Turek spielte für Duisburg, Frankfurt und Ulm, wo der gelernte Bäcker seinen Lebensunterhalt unter anderem als Sportlehrer eines Gefängnisses verdiente.

1950 wechselte er zur Fortuna, mit der er 133 Oberligaspiele bestritt. In dieser Zeit bestritt er mit wenigen Ausnahmen auch die Länderspiele der Nationalmannschaft - obwohl dem Bundestrainer seine provokante Spielweise nicht immer gefiel. Turek ignorierte Bälle, die das Tor knapp verfehlten, und machte keinerlei Anstalten zu einem Abwehrversuch. "Natürlich ist das auch mal schiefgegangen" gestand er später. "Aber den Zweck der Sache habe ich meistens erreicht: Die Stürmer wurden nervös und demoralisiert und schossen dann schlechter."

Dass Turek beim legendären Berner Finale überhaupt spielte, lag auch daran, dass Trainer Herberger die Alternativen fehlten. In einem vorherigen Spiel des Turniers hatte er Turek durch Heinrich Kwiatkowski von Borussia Dortmund ersetzt, der aber gegen den späteren Finalgegner Ungarn gleich acht Gegentore kassierte.

Die Kritik des Trainers geriet aber nach dem Finalsieg genau so in Vergessenheit wie die Tatsache, dass Turek beim zwischenzeitlichen 2:0 der Ungarn im Wankdorf-Stadion alles andere als eine glückliche Figur gemacht hatte. Nach seiner Rückkehr wurde der Weltmeister frenetisch gefeiert. Wie viele andere Fortuna-Spieler kam Turek nach der aktiven Sportlerzeit bei der Rheinbahn unter, wo er die Registratur - also die Verteilung der internen Post - leitete.

Er sei als Vorgesetzter wie als Torwart gewesen, erinnert sich Wolfgang Fiand, der 1962 als Lehrling bei der Rheinbahn begann und zeitlebens Kontakt zu Turek und seiner Familie hielt. "Nichts hat ihn aus der Ruhe gebracht." Turek sei kein beredter Mensch gewesen, eher schweigsam, immer freundlich. "Er war ein Typ ohne Allüren", sagt Fiand. Trotzdem wusste jeder im Unternehmen, dass der Abteilungsleiter ein besonderer Mitarbeiter war. Am Wochenende traf sich Turek oft mit den alten Weggefährten wie Fritz Walter und brachte dem jungen Mitarbeiter Fiand Autogramme oder Werbegeschenke mit.

"Ich habe noch immer eine große Sammlung", erzählt Fiand, der inzwischen 66 Jahre alt und im Ruhestand ist. Und wenn Turek am Nachmittag Zeit hatte, beantwortete er in seinem Büro im Rheinbahn-Haus am Hauptbahnhof viele Briefe mit Autogrammwünschen, die ihn auch Jahre später noch erreichten. Turek wohnte mit Frau und zwei Kindern im Umland - erst in Erkrath (wo es heute ein Turek-Stadion gibt), später in Kaarst.

Gesundheitlich hatte der Weltmeister kein Glück: 1973 befiel ihn eine Lähmung abwärts der Hüfte, die nicht mehr vollständig heilte. Nach einem Herzinfarkt 1983 und einem Schlaganfall im folgenden Jahr verstarb er mit 64 Jahren am 11. Mai 1984. Die Posse um die Turek-Straße in Düsseldorf begann viele Jahre nach Tureks Tod im Jubiläumsjahr des Weltmeister-Titels 2004.

Die Rheinbahn würdigte ihren prominenten Mitarbeiter damals mit einem Sonderwagen, an dem unter anderem das berühmte Zitat mit dem "Fußballgott" (das Reporter Zimmermann seinerzeit viel Ärger mit christlichen Kreisen einbrachte) angebracht wurde. Die Idee mit der Turek-Straße gefiel dem damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin sofort, noch im selben Jahr wurde in einem Neubaugebiet in Unterrath die Toni-Turek-Straße eingeweiht - allerdings nie bebaut.

Auch die Gestaltung des 2006 nach Turek benannten Straßenplatzes scheiterte, weil Anwohner protestieren (was mit Turek nichts zu tun hatte). Im vergangenen Jahr kam Turek dann zumindest bei seinem alten Verein zu Ehren: In Beisein von rund 70 Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten benannte die Fortuna ihr Clubheim am Flinger Broich in Toni-Turek-Haus.

Quelle: rl/can
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