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Tour de France 2017
Sportstadt Düsseldorf - zum Davonlaufen

Tour de France 2017: Sportstadt Düsseldorf - zum Davonlaufen
Spuren des Düsseldorfer Marathons - Sinnbild für die Sportstadt? FOTO: Christoph Göttert
Düsseldorf. Sollte die Bewerbung für den Tour de France-Auftakt 2017 in den nächsten Wochen auf lokaler Ebene scheitern, wäre der Schaden immens. Für die Veranstalter von Großereignissen wäre der Standort Düsseldorf für viele Jahre verbrannt. Von Christian Herrendorf

Wenn die Sportstadt Düsseldorf ein realer Ort wäre, dann sähe sie so aus: In der Mitte der Sportstadt gibt es einen Dorfplatz. Dort wachsen ein paar Pflanzen so vor sich hin, die eher braun und grau als grün erscheinen. Am Rande des Platzes stehen zwei Denkmäler, die etwas grüner als die Pflanzen wirken, weil ihr Metall schon ansetzt. Die beiden Statuen zeigen einen Ski-Langläufer und einen Rennfahrer.

Auf dem Platz tummeln sich vor allem zwei Gruppen von Dorfbewohnern. Die einen halten auf ihren Spaziergängen gerne mal vor den Denkmälern an und beginnen ihre Sätze dann immer mit "Weißt Du noch...". Die anderen sind reger. Sie stehen in der Mitte des Platzes, sprechen jeden an, der vorbeikommt, und verteilen Handzettel. "Unser Dorf soll schöner werden", steht darauf. Am Rande des Ortes haben sie passend dazu eine große Tafel aufgebaut, auf der ein neuer Teil des Dorfes gezeichnet ist, der dort sehr bald entstehen soll. Dahinter liegt ein Stück Steppe.

Tour de France - Das sagen unsere Leser zur Bewerbung

Die nostalgischen Dorfbewohner sind diejenigen, die den Rausch der frühen 2000er Jahre noch spüren oder sich zumindest daran erinnern. Sie haben erlebt, dass Düsseldorf ernsthaft als Austragungsort für die Olympischen Spiele im Rennen war und wie das Logo der Kampagne sowie der dazugehörige Schwung nach dem Scheitern der Bewerbung im Projekt "Sportstadt Düsseldorf" aufgingen. Aushängeschilder dieser Sportstadt waren der Ski-Weltcup auf der Rheinuferpromenade und die Präsentation des Deutschen Tourenwagen Masters auf der Kö. Sie brachten Düsseldorf bundesweit in die Nachrichten und zogen Gäste aus den Nachbarländern an.

Da das letzte Ereignis dieser Dimension (Ski-Weltcup) mittlerweile gute vier Jahre zurückliegt, hat das Rathaus einen neuen Anlauf genommen, um das Projekt zu beleben. Mitte August präsentierten Oberbürgermeister Thomas Geisel und zahlreiche Mitstreiter die neue Sportstadt Düsseldorf: mit hochdramatischer Musik und Szenen, die den Eindruck vermitteln, die Olympischen Spiele fänden hier jedes Jahr statt. Die passenden Ereignisse gibt es bisher leider kaum. Düsseldorf ist in zwei Jahren Austragungsort der Triathlon-Europameisterschaften und der Tischtennis-Weltmeisterschaften. In beiden Fällen handelt es sich aber um Sportarten, die in TV-Sendern zu sehen sind, für die man mehrere Tasten auf der Fernbedienung drücken muss. Die Tischtennis-WM hat zudem den Nachteil, dass sie in der Halle ausgetragen wird, Düsseldorf als Stadt also auf den Fernsehbildern nicht zu sehen sein wird.

Die Bewerbung um den Auftakt der Tour de France 2017 ist die Lösung für all die hier beschriebenen Probleme. Die ist das bedeutendste, jährlich stattfindende Sport-Großereignis der Welt. Sie würde Düsseldorf mehrere Hundert Stunden TV-Präsenz bescheren und das mit einem Freiluft-Ereignis, das entlang aller Vorzüge dieser Stadt führt. Der Schub für den Tourismus entspräche dem gewaltigen Schub des Eurovision Song Contest 2011, die Wirkung auf Veranstalter aus diversen Sportarten wäre entsprechend.

Die Frage, ob man Radsport mag, ist in diesem Zusammenhang etwa so relevant wie die Frage, was es am betreffenden Wochenende 2017 zu essen gibt. Die Tour ist angesichts ihres Rangs eine höchst seltene Chance, sich als mögliches Reiseziel und Austragungsort zu präsentieren. Letztlich ist der Sinn des Projekts Sportstadt, Düsseldorf eine (Teil-)Marke zu geben, sie unterscheidbar zu machen und im Sinne der internationalen Vermarktung einzusetzen. Alle übrigen Punkte, die zur neuen Sportstadt zählen, vom Breitensport bis zur Nachwuchsförderung, können dies nicht leisten.

Bleibt die Frage, ob es denn so schlimm wäre, wenn die Sportstadt Düsseldorf diese Chance verpasst. Die Antwort lautet Ja, denn wenn die Stadt jetzt noch im Bewerbungsprozess scheitert, bleibt hinter dem Ankündigungsschild am Rande des Dorfes etwas übrig, das mit Steppe noch euphemistisch umschrieben ist. Bisher hat die Sportstadt noch Glück gehabt, weil sich Nachrichten selbst im Internetzeitalter nach einem gnädigen Prinzip verbreiten. Je weiter sie sich vom Ausgangspunkt entfernen, desto stärker werden sie auf ihren Kern reduziert. Das heißt, der Eklat im Stadtrat ist auf lokaler und vielleicht noch auf regionaler Ebene ein großes Thema. Jenseits dessen ist gestern nur die Meldung angekommen, dass Düsseldorf sich bewirbt.

Noch steht die Sportstadt also gut da. Wenn aber die kommunalpolitischen Machtspielchen dazu führen, dass die Bewerbung in einer der nächsten Phasen steckenbleibt, kehrt dies die Wirkung ins Gegenteil. Dann wird als Botschaft übrigbleiben, dass Düsseldorf die Stadt ist, die es nicht kann, die erst eine große Klappe hat und dann nicht liefert. Das würde dann leider all zu gut zu den Vorurteilen vom vielen Schein und vom wenigen Sein passen, die Menschen überall in Deutschland über Düsseldorf pflegen. Veranstalter, die einen Standort suchen, hätten dann innerhalb von Sekunden das Bild der Sportstadt vor Augen, die ein Sportereignis nicht stemmen kann oder will.

Auf dem Dorfplatz werden dann nur vom Wind losgerissene Dornbüsche für Bewegung sorgen.

Quelle: RP
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