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Steuermehreinnahmen durch Grand Depart
"Das Gutachten zur Tour ist nicht haltbar"

Hunderttausende Fans säumen die Tour-Strecke
Hunderttausende Fans säumen die Tour-Strecke FOTO: Christoph Reichwein
Düsseldorf. Der Wirtschaftsprofessor Jürgen Schwark hat die angeblichen Steuermehreinnahmen durch den Grand Départ der Tour de France in Düsseldorf überprüft - und bezweifelt die Zahlen.

Herr Schwark, die Stadt hat ein Gutachten zum wirtschaftlichen Nutzen des Tour-de-France-Starts vorgelegt. Das Papier besagt, dass der Grand Départ Düsseldorf zusätzliche 2,3 Millionen Euro an Gewerbesteuer gebracht hat. Wie bewerten Sie dieses Gutachten?

Jürgen Schwark Ich halte diese Zahl für viel zu hoch. Das Gutachten, das die Stadt bei den Wirtschaftsprüfern Deloitte/Hollasch in Auftrag gegeben hat, ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Woran machen Sie das fest?

Schwark Wenn man die Effekte einer Veranstaltung prognostizieren will, gibt es viele Stellschrauben, an denen man drehen kann. Denn objektiv kann man viele Fragen vorab noch nicht beantworten. Hier wurden diese Stellschrauben bis an die Grenze und teilweise deutlich darüber ins Positive gedreht. Um es mal mit einem Bild aus dem Sport zu sagen: Es gibt Elfmeter, die kann man geben. Und es gibt welche, die sind keine.

Wie lautet denn Ihre Schätzung?

Schwark Ich habe bewusst sehr wohlwollende Werte angesetzt. Ich habe sogar die Multiplikatoreffekte einberechnet - das tut das Gutachten seltsamerweise nicht. Also: Wenn ein Düsseldorfer Unternehmen eine Tribüne für den VIP-Bereich aufgebaut hat, erzeugen seine Gewinne und die Einkommen der Beschäftigten weitere Effekte, die auch noch mal Steuern bringen. Alles in allem komme ich auf zusätzliche Gewerbesteuer in Höhe von höchstens 800.000 Euro - also rund ein Drittel des Wertes aus dem Gutachten.

Wirtschaftsprofessor Jürgen Schwark. FOTO: Jürgen Schwark

Wo sehen Sie Mängel im Gutachten?

Schwark Nehmen Sie zum Beispiel die Schätzung dazu, wie viel Geld jeder Zuschauer ausgegeben haben soll. Während des Grand Départ wurde aus meiner Sicht eine viel zu kleine Gruppe befragt - 489 Zuschauer und 100 Übernachtungsgäste - mit einem Wert von 48 Euro. Dieser Wert ist aus meiner Sicht viel zu hoch. Beim Grand Départ in Utrecht zwei Jahre zuvor haben die Kollegen der Universität mit 22,50 Euro für Einheimische und 40 Euro für Ausländer gerechnet. Man muss bedenken: Viele Zuschauer kamen aus der Region, und wer etwa aus Krefeld anreist, geht nicht unbedingt in Düsseldorf nach dem Rennen noch essen. Was auch fehlt, sind die Kaufkraftverschiebungen und Verdrängungseffekte.

Was bedeutet das?

Schwark Die Düsseldorfer, die an einem Stand gegessen haben, sind an diesem Tag nicht zu ihrem Stamm-Italiener gegangen. Dadurch fällt Umsatz an anderer Stelle weg. Auch viele Shopping-Besucher dürften wegen der Sperrungen lieber etwa nach Köln gefahren sein. Dazu kommt, dass Gewinne zu hoch angesetzt sind.

Fans und Fahrer trotzen dem Regen beim Grand Départ FOTO: afp

Was meinen Sie?

Schwark Das Gutachten geht zum Beispiel von einer Gewinnspanne von 23 Prozent in der Gastronomie aus. Das ist viel zu viel! Ich gehe von einer Quote von zwölf Prozent aus, und das ist noch großzügig. Das Gutachten ignoriert zudem die sogenannten anlagebedingten Kosten von Gastronomen und Hotels. Das heißt: Es wird so getan, als wären für dieses Event nicht die üblichen Kosten wie Miete oder Abschreibungen angefallen. Dabei ist es wirtschaftlich egal, ob man Tourbesucher bewirtet oder eine Hochzeitsfeier.

Solche Gutachten gibt es heutzutage häufig. Sind sie in jedem Fall abzulehnen?

Schwark Nein, überhaupt nicht. Es gibt viele gute Studien, an denen man sich orientieren kann. Aber ich habe den Eindruck, dass oft nur ein großer Name eingekauft wird, ohne zu schauen, was sozusagen hinter der Bühne passiert.

Warum befassen Sie sich überhaupt jetzt noch mit dem Gutachten?

Schwark Ich schreibe an einem Lehrbuch zu wirtschaftlichen und sportfachlichen Auswirkungen von Großevents und nehme die Tour als Beispiel. Ich habe dafür auch Interviews mit Mitgliedern des Sportausschusses und Oberbürgermeister Thomas Geisel geführt.

Heute präsentiert Thomas Geisel die Abrechnung zur Tour, die Stadt wird wohl 7,5 Millionen Euro zahlen müssen. Würden Sie sagen, dass die Tour-Bewerbung insgesamt ein Fehler war?

Schwark Nein, das finde ich nicht. Gerade als Landeshauptstadt muss man sich solche Höhepunkte leisten. Und man kann viele positive Bezüge nennen, vom Breitensport über die zahlreichen Kulturveranstaltungen bis zur Debatte um den Radverkehr. Ich fand die Tour toll, ich war auch selbst mit meinen Kindern an der Strecke. Ich finde es nur sehr ärgerlich, wenn falsche Zahlen in den öffentlichen Raum geworfen werden. Ein Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes hat mal ironisch gesagt: "Be happy and pay the deficit."

ARNE LIEB FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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