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Interview mit Andrea Kumpfe/Axel Ziegler
Düsseldorf muss Rheinvorteil besser nutzen

Tourismus und Marketing: "Düsseldorf muss Rheinvorteil besser nutzen"
Andrea Kumpfe leitet mit ihrem Mann die Jugendherberge in Oberkassel, Axel Ziegler ist der Generaldirektor des Hyatt. Die beide stehen auf der Terrasse der Hotelbar. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Die Chefin der Jugendherberge und der Direktor des Hyatt im Hafen diskutieren über Tourismus und Vermarktung der Landeshauptstadt.

Axel Ziegler Ich muss gestehen, ich habe mir eine Herbergsmutter anders vorgestellt.
Andrea Kumpfe Danke für das Kompliment. Ich stelle mich aber tatsächlich so vor.
Ziegler Was ist denn aus der Jugendherberge geworden? Ich erinnere mich an Schlafsäle mit zwölf Betten und Hagebutten-Tee aus der Stahlkanne.
Kumpfe Das gibt es alles nicht mehr. Wir haben 26 Doppelzimmer und maximal Vier-Bett-Zimmer, in denen für Familien auch ein Doppel- und ein Hochbett stehen. Wir haben Tagungsräume von bis zu 200 Quadratmetern und eine Tiefgarage mit 54 Plätzen.

Wie wird es in den Zimmern und Tiefgaragen Ihrer beider Häuser in den nächsten Monaten aussehen? Stehen Ihnen schwierige oder schöne Monate bevor?

Ein Doppelzimmer in der Jugendherberge. FOTO: DJH

Kumpfe Die letzten drei Monate des Jahres sind für uns die erfolgreichsten. Wir haben viele Tagungskunden, etwa Auszubildende und Abiturienten, die sich auf ihre Prüfungen im nächsten Jahr vorbereiten. Und viele Weihnachtsmarktbesucher.
Ziegler Es ist eine Zeit, in der wir wenig über die Belegungszahlen nachdenken müssen und in der wir sehr kreativ sein können, zum Beispiel rund um das Thema Weihnachten.

Wie fällt Ihre Bilanz für die zurückliegenden Monate des Jahres 2015 aus?

Ziegler Wir hätten angesichts des schwächeren Messejahres damit gerechnet, unter den Zahlen des Vorjahres zu liegen, haben diese - und damit unsere Erwartungen - aber übertroffen. Es gab viele gute Veranstaltungen in der Stadt, insbesondere im Congress-Center.
Kumpfe Es war für uns ein gutes Jahr, aber nicht ganz so gut wie 2014. Wir hatten viele namhafte Firmen, die mit ihren Azubis bei uns waren, aber von Kongress-Gästen profitieren wir nicht.

Welche Zielgruppen hätten sie gerne überhaupt oder verstärkt in Ihren Häusern?

So sieht ein Doppelzimmer im Hyatt aus. FOTO: Hyatt

Kumpfe Schulklassen. Unser großer Konkurrent in diesem Punkt ist Köln. Jeder kennt die Stadt mit dem Dom, folglich müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Schüler auch hierher zu bewegen. Düsseldorf tut sich schwer, sich gegen diesen Konkurrenten zu behaupten und zu positionieren.
Ziegler Wir hatten im vergangenen Jahr zwei Mal die Fußball-Nationalmannschaft zu Gast, wir haben also in diesem Jahr Gäste vermisst, die den Platz vor dem Hotel füllen. Im Ernst: Wir liegen zwar bei den Wochenend-Gästen inzwischen auf Platz eins in der Stadt, sehen bei diesen sogenannten Leisure-Gästen aber immer noch Potenzial. Es ist genau, wie Sie sagen: Im Vergleich mit Köln tun wir uns schwer. Köln hat mehr Events und Attraktionen, die bekannt sind.

Wie kann Düsseldorf sich verbessern?

Kumpfe Ich habe in der Jugendherberge eine riesige Mappe angelegt mit Attraktionen für Familien. Das hilft, man merkt aber auch, wie sehr man da in die Tiefe gehen muss. Wir haben kein Odysseum, keinen Musical-Dome, kein Phantasialand, kein Schokoladenmuseum. Wir haben vom Wildpark über die Kulturhäuser bis zu den Grünanlagen tolle Attraktionen, sie sind aber bei weitem nicht so bekannt.

Wo ist Düsseldorf stärker als Köln?

In der Jugendherberge: Fast wie im Hotel FOTO: dpa, mjh htf

Ziegler Eindeutig bei der Messe, die einen tollen Job macht. Sie hat es verstanden, sich mit den Hoteliers und anderen Interessensverbänden zu verständigen und passende Angebote für die Besucher zu schaffen.
Kumpfe Das kann ich bestätigen. Sie tauschen sich auch mit uns intensiv aus, obwohl wir für sie nur eine Randerscheinung sind.

In der Vermarktung einer Stadt kann man zwei, maximal drei Punkte nehmen, von denen man hofft, dass sie im Gedächtnis möglicher Touristen hängenbleiben. Welche sind das aus Ihrer Sicht?

Ziegler An erster Stelle ist aus meiner Sicht das Shopping zu nennen, das spielt für 85 Prozent der Gäste eine wichtige Rolle und wird an Bedeutung noch zunehmen, wenn das gesamte Projekt Kö-Bogen fertiggestellt ist.
Kumpfe Ich würde die Kultur nennen. Düsseldorf hat viele tolle Häuser, die keinen Vergleich scheuen müssen. Die Aktivitäten und die Attraktivität müssten allerdings stärker gebündelt herausgestellt werden. Und ich empfinde Düsseldorf als sehr kompakt, als Stadt der kurzen Wege. Ziegler Ich habe lange in Berlin gelebt und kann das bestätigen. Wenn man in der Tiefgarage in der Altstadt parkt, kann man zu Fuß alles erreichen. In anderen Städten müssen Sie für jede Attraktion wieder ins Auto steigen.

Sie argumentieren sehr rational, Touristen entscheiden aber eher mit dem Bauch. Wie lässt sich das emotionalisieren?

Ziegler Sie müssen nur ein Bild aus der Altstadt nehmen. Man kommt hin, ist sofort in einer tollen Atmosphäre, kann ein Bier trinken und wird offen aufgenommen. Da müssen Sie nichts planen, da ist schon sicher, dass Sie einen super Nachmittag erleben. Gleiches gilt für den Carlsplatz. Da können Sie locker zwei Stunden verbringen und haben schon Ihr Event.
Kumpfe Dasselbe würde ich für das Japanische Viertel sagen. Wir haben ein Angebot für unsere Gäste entwickelt, das "Eine Woche in Klein-Tokio" heißt und für das wir die japanischen Attraktionen zusammengestellt haben. Auch das lässt sich mit einem einzigen Bild emotionalisieren. Und das kann keine andere Stadt bieten.

Welche Rolle spielt der Rhein in der Außendarstellung?

Ziegler Eine wichtige. Köln hat zum Beispiel nicht verstanden, den Rhein zu nutzen. Düsseldorf könnte es noch mehr tun. Wir haben eine sehr gute Ausgangsposition mit der Rheinuferpromenade und dem Medienhafen, aber wir müssten mehr Aktivitäten auf dem Wasser schaffen. Wir haben hier im Hotel einige Wassersportangebote, aber die müsste es stärker und für alle geben. Auch eine Schiffsverbindung von Kaiserswerth über die Altstadt bis in den Hafen wäre toll.

Warum gibt es die nicht?

Ziegler Wir versuchen seit zwei Jahre, einen Steiger zu bekommen. Es sind aber so viele Behörden involviert, dass dies ein extrem aufwendiger Prozess ist. Es fehlt gar nicht am Willen der Beteiligten, es ist nur sehr kompliziert, weil der Rhein bei uns ja auch eine hochprofessionelle und stark genutzte Wasserstraße ist.
Kumpfe Dieses Problem kennen wir auch. Unsere Gäste sind begeistert vom Rheinufer in Oberkassel und wir nutzen das für viele Aktivitäten, etwa zum Drachensteigenlassen. Wenn wir aber aufs Wasser wollen, müssen wir die Gäste mit Bussen in den Hafen oder an den Unterbacher See bringen.

In Düsseldorf wird gerade diskutiert, ob man sich für den Tour-de-France-Auftakt 2017 bewirbt. Wie schätzen Sie den Wert eines solchen Events für die Vermarktung ein?

Ziegler Man kann die Power, die hinter so einem Event steckt, eigentlich nicht nicht erkennen. Da hat die ganze Stadt etwas von, das würde den Standort in der internationalen Vermarktung super platzieren.
Kumpfe Der Eurovision Song Contest 2011 hat uns einen enormen Schub verpasst. Wir hatten viele Fans zu Gast und haben auch lange nach dem Event gespürt, dass Düsseldorf als Ziel stärker wahrgenommen wird. Diese Welle ebbt nun langsam ab und würde durch die Tour de France neuen Schwung erhalten.

Welche anderen Events wünschen Sie sich für Düsseldorf?

Ziegler Was verbinden Sie mit Hamburg außer dem Hafen? Vermutlich die Musicals. Hamburg hat sich da super positioniert. Düsseldorf braucht auch eine solche feste Einrichtung, die man dauerhaft vermarkten kann. Wir haben das beeindruckende Apollo, das Weltklasse Capitol oder das grandiose Düsseldorf Festival, aber sie werden national einfach nicht gebührend wahrgenommen.
Kumpfe Wir haben Gäste, die fahren mit einem extra gemieteten Bus zum "Starlight Express" nach Bochum statt einfach über die Brücke ins Apollo zu laufen. Und das liegt nicht am Apollo.

Wie wird 2016?

Kumpfe vielversprechend, da wir sehr gute Vorausbuchungen für 2016 haben.
Ziegler Es wird ein starkes Messe-Jahr und ist damit ideal, um gute Attraktionen für 2017 zu planen, zum Beispiel eine Tour-de-France-Etappe.

CHRISTIAN HERRENDORF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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