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Unbegleitete Flüchtlinge in NRW
Muhammad wartet auf sein neues Leben

Unbegleitete Flüchtlinge in NRW - Muhammad wartet auf sein neues Leben
Der 17-jährige Muhammad stammt aus der syrischen Stadt Aleppo. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Der 17-jährige Syrer ist ohne Eltern nach Deutschland geflohen. Er lebt derzeit in einer Turnhalle – und fragt sich, wann es für ihn endlich weitergeht. Die unbegleiteten Flüchtlinge werden jetzt auf alle Kommunen in NRW verteilt. Von Arne Lieb

Muhammad traf auf seiner Flucht einen großen Soldaten mit blauen Augen. Der bewachte ein Lager in Mazedonien, und er schlug sofort zu, wenn Muhammad und die anderen sich nicht auf dem Boden zusammenkauerten. Das war nur eine von vielen dramatischen Situationen, die der Jugendliche erlebt hat. Mit einem Boot brachten ihn Schleuser illegal über die Grenze nach Griechenland. Dort wurde er festgenommen, irrte nach seiner Freilassung wenige Stunden später eine Nacht lang durch einen Wald. Er hat auch viele chaotische Szenen auf überfüllten Bahnhöfen auf dem Balkan erlebt. Im Gedrängel hat er sich festklammert, damit er die Familie nicht verliert, der er sich auf der Flucht angeschlossen hatte.

Der 17-jährige Syrer ist als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling gekommen. Das Familienministerium schätzt, dass in NRW inzwischen 10.000 Kinder und Jugendliche leben, die ohne ihre Eltern geflohen sind. Sie sollen laut Gesetz so betreut und gefördert werden wie alle anderen Heranwachsenden. Erst wenn sie 18 Jahre alt sind, stellt sich die Frage, ob sie bleiben dürfen.

Muhammad sagt, er hatte viel Angst. Aber wenn man ihn fragt, ob er die Entscheidung bereut, nach Deutschland geflohen zu sein, muss er keine Sekunde überlegen. "Ich würde es sofort wieder tun."

Hintergrund: Flüchtlinge in Turnhallen

Der junge Syrer hat es jetzt an sein Ziel geschafft – oder zumindest ist er nahe daran. Er lebt mit 19 anderen männlichen Jugendlichen in einer Turnhalle in Düsseldorf. Dort hat die Arbeiterwohlfahrt eine Notunterkunft eingerichtet, weil die Jugendeinrichtungen inzwischen überfüllt sind. Er teilt sich mit einem anderen Syrer einen Zeltpavillon, der für etwas Privatsphäre sorgen soll. Nun wartet er darauf, dass sein neues Leben in Deutschland richtig beginnt.

Bislang galt die Regel: Die Kommune, in der ein jugendlicher Flüchtling aufgegriffen wird, ist für seine Betreuung zuständig. Als Folge kümmerten sich die Jugendämter von sieben Städten, darunter Köln, Dortmund, Aachen und Düsseldorf, um 85 Prozent der Flüchtlinge – und sind völlig überlastet.

Um die Lage zu entspannen, sollen die Kinder und Jugendlichen nun auf alle Kommunen verteilt werden. Der Landtag hat am Freitag das Ausführungsgesetz beschlossen. Seit 1. November gibt es dafür einen "Probelauf". Seitdem haben praktisch alle Jugendämter in NRW unbegleitete Flüchtlinge aufgenommen, nur noch rund die Hälfte befindet sich in den sieben besonders geforderten Städten. Auch Muhammad könnte also in den kommenden Wochen in eine andere Stadt umziehen müssen.

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Er erzählt seine Geschichte auf Arabisch, denn er spricht bislang nur ein paar Brocken Deutsch. Muhammad ist freundlich, lacht viel, die Betreuer schätzen ihn. Manchmal lacht er aber auch über Sachen, die gar nicht lustig sind, sondern vielleicht einfach so unglaublich. Zum Beispiel, wie er an dem Bahnhof in Griechenland festgenommen wurde und in einer engen Zelle landete – und das, obwohl er sich extra seine schicksten Sachen angezogen hatte, um nicht wie ein Flüchtling zu wirken. Und manchmal sagt er Sachen, die für einen 17-Jährigen sehr ernst sind: "Ich wollte nach Deutschland gehen, weil ich für mein Leben verantwortlich bin."

Muhammad stammt aus Aleppo. Er ist der Sohn eines Buchhalters. Bis zur neunten Klasse besuchte er die Schule, sein Lieblingsfach war Mathematik. Dann kam der Krieg. Eine Bombe traf die Schule. Die Familie floh, erst in ihr Ferienhaus, dann weiter weg aufs Land. Vor rund zwei Jahren entschied die Familie, dass Muhammad Syrien verlassen soll. Er sollte eine Perspektive haben. Ein Bruder wohnte bereits in Istanbul, Muhammad fuhr zu ihm. Er arbeitete für zwei Jahre in einer Textilfabrik, sie lebten zu fünft in einem Zimmer. "Das ist keine Perspektive", sagt Muhammad.

Eine Perspektive will er nun in Deutschland finden. Er will die Sprache lernen, einen Schulabschluss machen, Medizin studieren. Aber das neue Leben lässt auf sich warten. Seit zwei Monaten lebt er in der Notunterkunft. Zwei Mal in der Woche fährt er zum Deutschunterricht. In der Schule ist er noch immer nicht, obwohl er eigentlich einen Anspruch darauf hätte.

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Nicht nur Muhammad hat eine dramatische Geschichte mit Krieg und Flucht erlebt, sondern auch die anderen Jugendlichen in der Turnhalle. Einer seiner Mitbewohner leidet unter Bombenverletzungen, viele sind nach der Flucht entkräftet. Manche sind schwer traumatisiert und in psychologischer Behandlung. Deutsch zu lernen fällt Muhammad leichter als vielen anderen, denn das Schulsystem in Syrien war mal gut. Mit den unbegleiteten Flüchtlingen kommen viele Herausforderungen auf die Kommunen zu. Beim Ministerium spricht man von "heterogenen Bedürfnissen", auf die man sich einstellen müsse.

Muhammad will sich aber gerade eigentlich nicht mit Problemen beschäftigen, hat man den Eindruck. Nicht damit, dass er wenig von der Familie in der Heimat hört. Auch nicht damit, dass es noch ein weiter Weg werden wird von den ersten Sätzen in Deutsch bis zum Doktortitel. Er ist entschlossen, das bessere Leben in Deutschland zu finden, von dem er träumt. Kürzlich hat Muhammad sich bei seinem Vormund beklagt, dass es nach all den Wochen in der Notunterkunft nicht voran geht. "Ich bin nicht zum Spaß hier", hat er ihm gesagt.

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Quelle: RP
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