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Düsseldorf
"Unser Leben fängt in Düsseldorf neu an"

Düsseldorf: "Unser Leben fängt in Düsseldorf neu an"
Anderthalb Jahre nach ihrer Flucht wagt die Familie aus dem Irak in Benrath den Neubeginn. Auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung (v. l.): Talya, Clara, Elie, Ribuar und Catya Ilya Daoud. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Aus Angst vor dem Terror des Islamischen Staates flohen die Christen Ribuar und Clara Ilya Daoud vor anderthalb Jahren aus dem Irak. Nachdem ihr Schicksal öffentlich wurde, nahm ihr Leben eine entscheidende Wende. Von Jörg Janssen

Ribuar Ilya Daoud steht auf dem Balkon, schaut über gepflegte Häuser auf die Bäume des Benrather Schlossparks. "Ostern ist nach einer Zeit intensiven Leids das Fest der frohen Botschaft. Meine Familie und ich erfahren das in diesem Jahr in besonderer Weise", sagt der 33-jährige Aramäer aus dem Nordirak, der wie seine Angehörigen der chaldäisch-katholischen Kirche angehört. Dabei klammert er die Finger um das Kreuz auf seiner Brust.

Geflohen ist die Familie vor anderthalb Jahren aus Kirkuk. Nicht nur, weil der Terror des Islamischen Staates gefährlich nah rückte, sondern auch weil Intoleranz und Anpassungsdruck auf der Arbeit und in der Nachbarschaft in den vergangenen zehn Jahren immer größer geworden waren. Als im Sommer 2013 ein Brief durch die Türritze geschoben wurde, in dem stand "Gib uns Deine Töchter, damit wir sie zu Musliminnen machen!", packte die Familie Ilya Daoud ihre Sachen.

Gelandet ist sie damals nach einer gefährlichen Flucht am Ende in einem Heerdter Asylbewerberheim. 30 Quadratmeter für fünf Menschen, keine eigene Kochnische, kein Rückzugsraum, ein Sanitärbereich für die komplette Etage. Eine Herberge für eine Familie auf der Flucht, die Besucher unwillkürlich an die biblische Überlieferung denken lässt. Sohn Elie erblickt hier das Licht der Welt. Ein kleiner Hausaltar mit Marienfigur und Kerzen spendet Trost. Im Dezember letzten Jahres sagt der gelernte Übersetzer, der einen Abschluss in englischer Literatur hat, neben aramäisch auch fließend kurdisch und arabisch spricht: "Wir sind immer noch nicht als Flüchtlinge anerkannt, dürfen keine Deutschkurse besuchen, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Die Nerven liegen in diesem kleinen Zimmer manchmal blank."

Vier Monate später hat sich das Blatt gewendet. Der unermüdliche Einsatz ehrenamtlicher Betreuer rund um Jochen Rzaza und nicht zuletzt ein Artikel in der Rheinischen Post über das Schicksal der Christenfamilie bringen zur Jahreswende die Dinge in Bewegung. Mit spitzen Fingern fasst der Familienvater ein Einschreiben an, das kurz nach Weihnachten im Briefkasten liegt. "Ein Aufenthaltstitel für zunächst drei Jahre - endlich", erinnert sich Ehefrau Clara (30), die einen Abschluss als Ingenieurin für Kommunikationstechnologie hat. Kurz zuvor hatte sich eine pensionierte Lehrerin gemeldet und angeboten, dem Ehepaar kostenlos Deutsch beizubringen. "Eine tolle Geste. Aber nach der Anerkennung als Asylbewerber gehen wir lieber in den offiziellen Integrationskurs, an dem wir jetzt endlich teilnehmen dürfen", meint Ribuar Ilya Daoud. Nur ein Beispiel für die enorme Hilfsbereitschaft der Düsseldorfer. Andere Bürger hatten angeboten, die Familie zu einem Weihnachtsgottesdienst im chaldäischen Ritus zu bringen. Wieder andere stellten Geld zur Verfügung.

Die entscheidende Wende brachte ein Anruf im neuen Jahr. "Eine Frau, die unser Schicksal berührt hatte, bot uns diese Mietwohnung an. Wir waren überglücklich", sagt der 33-Jährige. Mit Hilfe einzelner Spenden aus der Bürgerschaft und vom Sozialamt finanzierten Gebrauchtmöbeln bauten sich Ilya Daouds ihr neues Heim: drei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Für das Ehepaar, das in Kirkuk ein großes Haus hatte, bedeutet das vor allem eins: die Wiederkehr einer schon verloren geglaubten Würde.

Inzwischen hat die junge Familie ihren Alltag neu organisiert. Tochter Catya besucht die Grundschule, die jüngere Talya geht in die Kita. Im Mädchenzimmer der beiden, in dem ein pinkfarbenes Zelt ins Auge fällt, dominiert bereits die deutsche Sprache.

Von einer Rückkehr in die Heimat träumt das Ehepaar nicht. "Mit der Zerstörung der christlichen und antiken Kulturdenkmäler geht unsere 2000-jährige Identität im Nord-Irak verloren. Das ist unumkehrbar", sagt der Vater.

Auch eine Niederlage des IS in der Region würde daran nichts ändern. "Wem in Kirkuk könnten wir noch vertrauen?" Die Zukunft will der Familienvater auf seinem Englischstudium aufbauen. "Mein Traum wäre ein Job an einer Hochschule oder als Lehrer." Weitere Spenden der Düsseldorfer hat er zuletzt abgelehnt. Seine Botschaft: "Gebt sie den Menschen in den Düsseldorfer Flüchtlingsheimen, die das jetzt dringender brauchen als wir."

Quelle: RP
 
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