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Berit Zalbertus
"Unserer Schulpolitik fehlt eine Vision"

Berit Zalbertus: "Unserer Schulpolitik fehlt eine Vision"
"Bildungspolitisch ist es fünf nach zwölf", sagt Berit Zalbertus, Vorsitzende der Elternschaft Düsseldorfer Schüler, und ruft zur Demo auf. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Die Vorsitzende der Elternschaft Düsseldorfer Schulen fordert mehr Lehrer, weniger Unterrichtsausfall und die Rückkehr zu G 9. In Düsseldorf vermisst sie ein Schulkonzept aus einem Guss. Die Investitionen schätzt sie auf eine halbe Milliarde Euro.

Frau Zalbertus, für den 28. Oktober rufen Sie und die von ihnen geführte stadtweite Elternschaft Düsseldorfer Schulen (EDS) zu einer Demonstration vor dem Landtag auf. Warum dort und nicht vor dem Rathaus?

Zalbertus Die EDS ist zwar eine städtische Elternschaft, engagiert sich aber für schulische Themen insgesamt. Auf unserer Demo werden wir mehr Lehrkräfte, mehr Sozialpädagogen für die Inklusion, mehr ausgebildete Fachkräfte im Bereich Deutsch als Zweit-/Fremdsprache für die Integration sowie eine Rückkehr der Referendar-Ausbildung von 24 Monaten fordern. Vieles davon fällt in das Kerngeschäft des Landes.

Was ärgert Sie besonders?

zalbertus Das Land sagt, es fallen nur 1,7 Prozent aller Stunden aus. Diese Zahlen halte ich für Augenwischerei, wenn man sich im Vergleich dazu die Vertretungsstunden anschaut, die von 5,6 auf inzwischen 7,5 Prozent gestiegen sind. Tatsache ist: In den Oberstufen der Gymnasien wird in vielen Fällen, in denen der Fach-Lehrer fehlt, das "eigenverantwortliche Lernen" angesetzt. So wird geschickt umgangen, dass diese Zeiten als Unterrichtsaufall erfasst werden. Ähnlich verhält es sich bei den Zahlen zur Personal-Abdeckung. Ministerin Sylvia Löhrmann sollte das Geld für geschönte Studien lieber in die Neuanstellung von Lehrern investieren.

Die Lage ist also ernst.

Zalbertus Ja. Bildungspolitisch ist es bereits fünf nach zwölf. Und Bildung ist unser Rohstoff für die Zukunft.

Düsseldorf hat den Schulentwicklungsplan 2020 vorgelegt, das dritte Paket "Schulorganisatorische Maßnahmen" (SOM 3) steht unmittelbar vor der Verabschiedung im Rat. Hat es Sie überzeugt?

Zalbertus Wir sind froh, dass die Hauptschule in Benrath erhalten bleibt und gehen davon aus, dass sie im zusätzlichen Paket "SOM 4" berücksichtigt wird. Die Kinder müssen endlich ein vernünftiges Schulgebäude erhalten und aus den Containern rauskommen.

Und was fanden Sie weniger gut?

Zalbertus Dass das Georg-Büchner-Aufbaugymnasium nur in Teilen das bleiben kann, was es bislang war, ist eine Kröte, die man schlucken muss. Wir hätten uns eine andere Lösung gewünscht, hier wird die Durchlässigkeit in höhere Schulformen erschwert, die dafür vorhandenen Plätze werden weniger.

Beim Thema Schulbau ist mächtig Druck im Kessel...

Zalbertus Stimmt. Die Schullandschaft in Düsseldorf ist derzeit verheerend aufgestellt: Es fehlt einfach an Platz. Es müssen mehr Schulen gebaut werden, diesbezüglich fehlt mir noch die Vision innerhalb der SOM-Pakete. Natürlich sehe ich die Problematik, dass jetzt nicht alles auf einmal gelöst werden kann. Ich bin sicher, nein, ich weiß, dass Politik und Verwaltung mit Hochdruck an Lösungen arbeiten und ich hoffe, dass das Folgepaket "SOM 4" bald auf den Weg gebracht wird.

Die Zügigkeit der Schulen steigt -teils gegen deren Willen. Schuldezernent Burkhard Hintzsche sagt: Die Situation erfordert dies, da müssen wir jetzt durch. Stimmen Sie ihm zu?

Zalbertus Ich stimme ihm da schweren Herzens teilweise zu. Schulen lassen sich nicht aus den Rippen schneiden. Aber die Erhöhung der Zügigkeit kann nur eine vorübergehende Lösung sein. Wir brauchen neue Schulen, darunter Gymnasien und Gesamtschulen.

Richtig zufrieden sind Sie nicht.

Zalbertus Insgesamt wünsche ich mir eine Schulvision für Düsseldorf, die nicht so gestückelt wirkt, sondern einen echten langfristigen Plan, ein Konzept, das den Namen verdient und das auf 15 bis 20 Jahre angelegt ist. Es muss die Frage beantworten: Wo wollen wir in Düsseldorf schulisch hin und wie lässt sich das in dieser Stadt am besten erreichen?

Über die Finanzierung der Schulbau-Pakete wurde bisher nichts gesagt. Von 300 Millionen Euro Kosten ist die Rede. Auf der anderen Seite wackelt die Schuldenfreiheit. Woher soll das Geld kommen? Wird es politische Verteilungskämpfe geben?

Zalbertus Die Stadt muss handeln, sie hat gar keine andere Möglichkeit. Die Pakete sind alternativlos. Zugespitzt formuliert: Für mich als Sprecherin der Eltern und deren Kinder ist es irrelevant, woher das Geld kommt. Und ja, es wird Verteilungskämpfe geben.

Da machen Sie es sich jetzt aber ein bisschen einfach.

Zalbertus Schon 2014 haben wir als EDS darum gebeten, Investitionen für Schulbau und -sanierung sowie Investitionen in Lehrmaterialien wie beispielsweise Tablet-Computer von der Schuldenbremse auszuklammern. Bei einem städtischen Haushalt von mehr als zwei Milliarden Euro sollte es über Einsparungen möglich sein, das Geld aus dem laufenden Etat zu bestreiten. Wir leben in einer Niedrigzinsphase, wie es sie in Deutschland noch nie gegeben hat, notfalls müssen eben Kredite aufgenommen werden.

Und was kostet das alles?

Zalbertus 300 Millionen Euro werden nicht reichen. Wenn wir zum Beispiel die Inklusion vernünftig umsetzen wollen, werden wir uns für die nächsten fünf Jahre auf 500 Millionen Euro für die SOM-Pakete einstellen müssen.

Die Benrather Hauptschule, die jetzt doch erhalten bleibt, aber auch das Georg-Büchner- und das Max-Planck-Gymnasium fühlten sich zuletzt überrumpelt. Macht es Thomas Geisel besser als sein Vorgänger?

Zalbertus Das kann und möchte ich nicht bewerten, aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat Oberbürgermeister Geisel bei der Hauptschule auf die "Stimme des Volkes" gehört und die Entscheidung nach dem Protest geändert. Das gefällt mir. Ich baue auf ihn und gehe davon aus, dass nun auch genügend Geldmittel bereit gestellt werden.

Sie wünschen sich eine Rückkehr zu G 9 - warum?

Zalbertus An unserem Schul- und Ausbildungssystem ist schon so viel herumgedoktert worden, dass man schon sagen kann: Unsere Kinder werden als Versuchskaninchen einer fehlgeleiteten Bildungspolitik missbraucht. Auch wenn die Wirtschaft und die Schulministerin dies anders sehen: Der Elternwunsch ist die Wiedereinführung von G 9, und ich plädiere ganz klar dafür.

Warum?

Zalbertus Die Schule sollte ein Ort sein, an dem die persönliche Entwicklung bis hin zur "Reifeprüfung" gefördert wird und kein Ort, an dem nur Lehrpläne abgearbeitet werden, wie es jetzt bei G8 der Fall ist.

Und der europäische Wettbewerb?

Zalbertus Diese Vergleiche nerven mich. Zum einen werden unsere Kinder mit am längsten in der EU arbeiten. Das Rentenalter bei uns beträgt im Schnitt 63 Jahre und wird voraussichtlich bei 67 plus enden. In den Staaten, die ihre Kinder mit 17 in den Job oder auf die Uni schicken, liegt es bei 60, siehe Großbritannien und Frankreich. Außerdem: Wenn Sie sich anschauen, wo wir wirtschaftspolitisch stehen, dann kann unser "altes" Schulsystem nicht so verkehrt gewesen sein. Warum wollen denn alle nach Deutschland?

Apropos. Die Integration von Flüchtlingen hat auch auf die Schulen Auswirkungen. Wie beurteilen Sie diese zusätzliche Herausforderung?

Zalbertus Die Integration der Flüchtlinge wird uns vor nie gekannte Herausforderungen stellen, die noch völlig unüberschaubar sind.

JÖRG JANSSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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