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Flinger Passage in der Altstadt
Unter Tage

Flinger Passage in der Altstadt: Unter Tage
In der Flinger-Passage hasten die meisten Menschen aneinander vorbei, oder sie blicken auf ihre Handys. Viele schauen, dass sie einen der Ausgänge erreichen, zu den U-Bahnen oder nach oben. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Die Flinger-Passage an der Heinrich-Heine-Allee ist grau, kalt und lang. Was ist das für ein Ort, von dem die Menschen bloß weg wollen? Von Henning Rasche

Zweihundertundsechs Schritte ist dieser Gang lang. Und wenn man ehrlich ist, dann gehören auch noch zwei Rempler dazu. Kein Blick zurück, keiner zur Seite, nur nach vorne führt dieser Weg. Wo auch immer vorne ist. Der Herr von eben zum Beispiel, beiger Kurzmantel, hochgeklappter Kragen, schneeweißer Schnurrbart und Hut, der weiß es nicht.

Zwei Taschen trägt er in der linken Hand, die Marken darauf sind fettgedruckt. Mit der rechten Hand wedelt er in der Luft, als sei sie eine Wünschelrute, die ihm den rechten Weg weisen könnte. Tut sie aber nicht: Er ist an das falsche Ende gelangt und macht kehrt. Oben wartet seine Frau, sagt er.

Oben, das ist von hier unten aus betrachtet der Sehnsuchtsort. Dort will der Mensch hin, der sich hierher verirrt hat. Hier, das ist diese Passage, zweihundertsechs Schritte und zwei Rempler lang, die zwar die U-Bahnsteige an der Heinrich-Heine-Allee miteinander verbindet, Menschen aber nicht. Sie hasten aneinander vorbei, schauen auf ihre Handys, weil die Menschen heute ja immer auf ihre Handys schauen. Und die wenigen, die nicht auf ihre Handys schauen, schauen sich nicht an. Als gäbe es die anderen Menschen hier unten gar nicht, als seien sie wie Säulen: Man muss ausweichen, sonst tut's weh.

All die Menschen hier, die wuseln, die telefonieren, die lachen, möchten hier unten nicht bleiben. Sie sehen zu, dass sie einen der Ausgänge erreichen, zu den U-Bahnen oder nach oben, zum pulsierenden Leben und zu den feinen Geschäften. Was ist das nur für ein seltsamer Ort, von dem die Menschen bloß weg wollen?

Früher, als es das Carsch-Haus in seiner ursprünglichen Form noch gab, da hat die Passage zwei klassische Kaufhäuser miteinander verbunden. Im einen gab es das edlere Sortiment und den Champagner an der Bar, im anderen das, sagen wir, gewöhnlichere Sortiment. Heute verbindet die Passage einfach zwei Geschäfte, die zwar das Kellergeschoss teilen, aber darüber anders nicht sein könnten.

Ein bisschen geht es einem ja die ganzen zweihundertsechs Schritte über so. Man sieht Dinge, die, wären sie nicht durch eine Passage verknüpft, nichts miteinander zu tun hätten. Zehn-Cent-Toiletten und das US-Nagel-Studio zum Beispiel. Geschäftsmänner und junge Mädchen, die Selfies machen. Oder eben die Wehrhahn-Linie und alles andere hier.

Der Glanz des Neuen ist ja nicht weit weg. Im Februar 2016 hat die Passage schließlich eine weitere Abzweigung bekommen. Etwas versteckt führt sie nun zur Stammstrecke Drei, den Zügen der Wehrhahn-Linie. Alles ist so glänzend schön auf dem Weg dorthin: weiß, rot und sauber. So sehr, dass man dort fast einziehen oder ein feines Diner abhalten könnte.

Sogar Musik kommt aus den Lautsprechern, jedenfalls ein paar kunstvolle Töne. Wer nun diese riesig-langen Rolltreppen hinab oder hinauf fährt, weiß gar nicht, ob er wirklich noch weg will. Die Wehrhahn-Linie, sie passt so gar nicht zum kühlen Raststätten-Charme des Rests. Warum nur, muss man sich also fragen, haben die Planer damals die Heinrich-Heine-Passage vergessen? Haben sie überhaupt? Die Passage ist kein Bahnhof. Wenn hier ein Zug Verspätung hat, dann kommt halt der nächste in ein paar Minuten.

Es gibt keinen Grund, sich hier aufzuhalten, zu warten, sich die Zeit zu vertreiben. In der Bahnhofsbuchhandlung etwa, wo die Wartenden gern ein paar Zeitschriften durchblättern, aber keine kaufen. Aber hier, in der Passage, gibt es trotzdem Menschen, die hier verweilen. Die meisten von ihnen arbeiten hier. In der Passage teilen sich die Menschen in diejenigen, die eine Jacke tragen, und diejenigen, die keine tragen. Die ohne arbeiten hier und verkaufen etwa in dem großen Geschäft ohne angebrachten Namen Bleistifte und Grablichter. Ein Ort, der ganz wunderbar zu der Passage passt, denn auch von dort will man bloß weg.

Wenn man diese Menschen ohne Jacke also fragt, wie das so ist, an einem Ort zu arbeiten, an dem keiner bleiben mag, dann zucken sie mit den Schultern und sagen Sätze wie: "Naja, wie woanders auch." Und wie ist es woanders? "Auch nicht besser."

Woanders ist auf jeden Fall oben. Oben, da gehen die Leute gleich zwei, drei Schritte langsamer, da schauen sie nach links und rechts, in die Schaufenster, sehen schöne Handtaschen und Kleider. Oben, da drehen sich die Leute auch um, warten ab, staunen. Oben, da riecht es nach Bratwurst und Bier, aber hier unten, hier riecht es nur nach Desinfektionsmitteln. Oben leuchten die Sterne, und unten leuchtet es nicht.

Quelle: RP
 
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