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Düsseldorf
Unterwegs in Klein-Marokko

Düsseldorf: Unterwegs in Klein-Marokko
Mounir Messafi beim Rauchen einer Shisha. Er hält die Asylpolitik Deutschlands für verfehlt. FOTO: David Young
Düsseldorf. Die marokkanische Gemeinschaft wünscht sich mehr Polizei und ein härteres Durchgreifen der Justiz gegen straffällige Jugendliche aus Nordafrika. Schließlich würden die Menschen hier am meisten unter ihnen leiden. Von Torsten Thissen

Es ist kurz vor dem Gebet, und bei einem stark gezuckertem Minztee will man ja auch seine Ruhe haben. Von daher, bittet Nouradin O. um Verständnis, wolle er eigentlich nichts sagen zu diesen Ereignissen in Köln, zu diesen Leuten, die sich dort "wie Tiere" benommen haben. Doch als die Zeit des Gebets dann wirklich gekommen ist und die meisten Männer in dem marokkanischen Café an der Ellerstraße nach und nach in die Moschee gehen, bleibt er doch sitzen.

Weil man ja mal darüber sprechen, ein paar Dinge klarstellen muss, wie er meint, denn natürlich haben die Menschen auch hier, in der Ellerstraße und dem sogenannten Klein-Marokko von Düsseldorf, sich eine Meinung gebildet. Über Köln, über die Flüchtlinge, über sexuelle Übergriffe und nicht zuletzt auch darüber, warum ihr Viertel so einen schlechten Ruf hat. "Bekommen hat", sagt Nouradin O., bestellt sich noch ein Heißgetränk, er süßt es wieder mit viel, viel Zucker.

Draußen ist es dunkel, kalt und es regnet. Deshalb sind die Straßen leer, doch wäre das Wetter besser, könnte man die Gruppen von jungen Männern und Jugendlichen sehen, die inzwischen zum Straßenbild gehören wie die Kisten voll Obst und Gemüse, die von den Händlern mit wachsamen Augen beobachtet werden, wie die orientalischen Süßigkeiten in den Auslagen der Ladenlokale, der Duft nach frischem Brot und Kaffee.

Gedrückte Stimmung nach Übergriffen in Köln

Früher habe es so etwas hier nicht gegeben, herumlungernde Jugendliche, Halbstarke, die sich betrinken und abends in Gruppen in die Altstadt gehen, um Leute auszurauben, sagt er. "Auch wurde hier früher niemand belästigt", sagt Nouradin O. Inzwischen aber sei das üblich, und da sollte man sich auch nicht von dem charmanten Ambiente, den kleinen Cafés, die ihre Tische auf die Straße stellen, sobald auch nur ein bisschen Sonne kommt, täuschen lassen.

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So werden ja nicht nur deutsche Frauen von diesen Jungen belästigt, sagt er. Nein, auch Nouradin O.s Frau traut sich hier nicht mehr hin, "früher konnte sich so etwas hier niemand erlauben, da kannte ja jeder jeden", aber die Situation habe sich eben geändert. Viele Neue sind in Klein-Marokko unterwegs, junge Männer, die sich als Syrer ausgeben, um Asyl zu bekommen, aber Marokkaner oder Algerier sind. "Die sind aber nicht wie wir", sagt Nouradin O., "und trotzdem leidet unser Ruf und der unserer Kinder darunter."

O. ist seit 25 Jahren in Deutschland, arbeitet als Anlagenbauer, verheiratet, vier Kinder. Er sagt, damals sei er in Rostock-Lichtenhagen gewesen, als ein entfesselter Mob ein Wohnheim in Brand steckte. Inzwischen lebt er in Wersten, Düsseldorf ist sein Zuhause, das marokkanische Viertel seine Heimat, Nouradin O. geht es nicht anders als den meisten Deutschen. Er ist schlicht hilflos. Und deshalb fordert das Handeln der Behörden, Polizei, Justiz und Politik ein. Ein Gedanke, den Melut K. gerne aufgreift. Inzwischen sind die Männer aus der Moschee zurück, das Café füllt sich wieder. Melut K. sagt, dass er schon versteht, warum das in Köln passiert ist. "Die Jugendlichen trinken, nehmen Drogen, und Respekt haben die eh nicht vor den deutschen Behörden."

Wie sollten sie auch? Melut K. sieht das beinahe jede Woche: Da wird jemand festgenommen und Stunden später steht er wieder bei den anderen auf der Straße. "Die Polizei und die Staatsanwaltschaft lassen jeden sofort wieder laufen", sagt er, die Jungs lachen die doch aus. Auch Melut K. ist wichtig festzustellen, dass es sich bei den Jugendlichen nicht um einen von ihnen handelt. "Die sind noch nicht lange in Deutschland, aber die treiben sich natürlich hier im Viertel rum, weil sie hier nicht auffallen", sagt er. Er hat Angst um seine Töchter, wenn sie spätabends erst nach Hause kommen. "Am meisten leiden wir unter der Situation. Nicht nur, dass wir ständig Gefahr laufen, beklaut zu werden, unsere Frauen werden andauernd belästigt und unsere Söhne werden mit denen in einen Topf geschmissen, wenn sie sich um einen Ausbildungsplatz bewerben. Es ist eine Schande", sagt Melut K., der seit 33 Jahren in Deutschland lebt.

Spricht man mit den Menschen im marokkanischem Viertel, mit den Händlern und Passanten, betonen die meisten, weil lange sie schon in Deutschland sind, wie gut sie sich integriert haben, wie sehr sie das Land und die Stadt, in der sie leben schätzen. Kaum jemand aber will sich fotografieren lassen oder seinen vollen Namen in der Zeitung lesen. Das Thema ist politisch, Politik ist heikel, das hält man sich lieber raus, sagt ein Fischhändler. Der Betreiber eines Restaurants sagt, er rede schon regelmäßig mit der Polizei, bittet sie oft, irgendetwas zu tun gegen die jungen Männer, die "auf gar keinen Fall aus Syrien kommen, auch wenn sie das bei den deutschen Behörden angegeben haben", aber die Polizei schiebe den Schwarzen Peter eben der Justiz zu. Oder der Politik.

Auch in Oberbilk sind die Ereignisse von Köln das Gesprächsthema Nummer eins. FOTO: David Young

Mounir Messafi sitzt in einer Shisha-Lounge und sagt, dass es offenbar ein Fehler war, jeden in Deutschland aufzunehmen. Blauäugig sei das gewesen. Er arbeitet in der Altstadt-Gastronomie und hat nur einen Rat. "Wir brauchen ein Verfahren, um die so schnell wie möglich abzuschieben." Die neue deutsche Toleranz sei ja gut, aber Vergewaltigungen zu tolerieren, das gehe dann doch zu weit.

Quelle: RP
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