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Düsseldorf
V-Mann: DDR finanzierte RAF in Düsseldorf

Düsseldorf: V-Mann: DDR finanzierte RAF in Düsseldorf
Polizeieinsatz 1988 in der Kiefernstraße: Zwei Wohnungen werden geräumt. FOTO: Werner Gabriel
Düsseldorf. Christian W. kundschaftete Linksextremisten und ihre DDR-Beziehungen aus. Bis der Verfassungsschutz den V-Mann fallen ließ. Von Ulli Tückmantel

Christian W. heißt weder Christian noch W., aber auch mehr als 20 Jahre nach seinem letzten Einsatz fürchtet der 65-Jährige noch immer um seine Sicherheit. Wenn Christian W. die aktuellen Diskussionen um die "V-Leute" des Verfassungsschutzes verfolgt, kommt Bitterkeit hoch. "Ich kann nur jeden jungen Menschen davor warnen, sich mit diesen Behörden auf einen Deal einzulassen", sagt der Rentner, "die haben mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel."

Von 1978 bis 1989 horchte und spähte W. für die Staatsschutz-Abteilung der Düsseldorfer Polizei Personen, Wohnungen und Verstecke aus. Er hatte, so bestätigt das Schreiben eines damaligen Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, "Verbindung zu Personen aus dem terroristischen Umfeld der RAF und in diesem Zusammenhang Informationen für das K 14 des Polizeipräsidiums Düsseldorf beschafft".

Das seien "Waschkörbe von Informationen" gewesen, sagt Christian W. leise. W. und seine Auftraggeber interessierten sich unter anderem dafür, welche Linksextremisten ihren Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung in der NRW-Landeshauptstadt lieber mit Bomben als mit Flugblättern geführt hätten.

Unterschlupf auf Dachboden der Börse

Christian W., im Hauptberuf einfacher Angestellter des Landes, langjähriger Funktionär einer linken Jugendorganisation, fiel in der Hausbesetzer-Szene nicht auf. In Häusern an der Neusser Straße, die 1981 kurzfristig besetzt waren, will der V-Mann Anleitungen sowie eine Werkstatt zum Bau von Rohrbomben entdeckt haben. Christian W.: "Andere Extremisten hatten einen Unterschlupf auf den Speichern der alten Börse gefunden, um dort Sprengstoffanschläge auf die Bundesbahn vorzubereiten."

Schließlich, so Christian W., habe er Zugang zu einem Postscheckkonto gehabt, von dem aus Zahlungen zur Unterstützung bereits inhaftierter RAF-Mitglieder geleistet worden seien. Die blutige Terrorspur der RAF führte nicht erst mit der Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder am Ostermontag 1991 nach Düsseldorf. Im September 1978 wurde der RAF-Terrorist Willy Peter Stoll von Zivilfahndern in einem China-Restaurant an der Oststraße 156 erschossen. Gäste hatten den Gesuchten erkannt. Als die Polizei eintraf, zog Stoll eine Pistole.

Bewohner der Kiefernstraße im RAF-Umfeld

Bis 1988 wurden allein sechs Bewohner der besetzten Kiefernstraßen-Häuser wegen Terrorverdachts verhaftet. Der damalige CDU-Generalsekretär Helmut Linssen bezeichnete die Kiefernstraße im NRW-Landtag als "das Zentrum des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland schlechthin". Unter anderem will W. Zugang zu Unterlagen mindestens eines Kiefernstraßen-Bewohners gehabt haben, der 1986 mit einer weiteren Bewohnerin und der RAF-Terroristin Eva Haule in Rüsselsheim verhaftet wurde.

Der Verfassungsschutz, bei dem auch die Informationen von Christian W. landeten, schätzte damals, fünf bis zehn Kiefernstraßen-Bewohner seien dem engeren Umfeld der RAF zuzuordnen, zusätzliche 20 dem weiteren Kreis, gegen andere bestehe ein Vorfeldverdacht.

Diese Konzentration erschien auch der damaligen Bundesregierung, "außergewöhnlich hoch." Christian W. und seine Auftraggeber vom Düsseldorfer Staatsschutz interessierte daher auch, wer die potentiellen Terroristen finanzierte. Christian W.: "Als wir herausfanden, dass in Düsseldorf die DKP die volle logistische Unterstützung aus der DDR bekam, um die RAF zu unterstützen, waren wir mehr als überrascht. Alle Veranstaltungen der Sympathisanten der RAF wurden logistisch durch die DKP und Agenten der DDR unterstützt."

Daher habe der Staatsschutz zum Beispiel ein besonders Augenmerk dafür gehabt, welche Personen sowohl in der damaligen Bundeszentrale der Deutschen Kommunistischen Partei an der Prinz-Georg-Straße 77 als auch an der Sternwartstraße 31 ein und aus gingen. Die heutige Adresse der Staatsanwaltschaft war in den 80er Jahren der Sitz einer "Handelsmission" der DDR. Während der "Spiegel" 1969 den Betrieb des Vorgänger-Büros an der Graf-Adolf-Straße als lustiges diplomatisches Kuriosum beschrieb, installierte die Hauptabteilung III der Ost-Berliner Staatssicherheit in der "Handelsmission" einen Stützpunkt namens "Steuerung 1c", der den Telefon- und Funkverkehr von westdeutschen Ministerien, Politikern und Unternehmen abhörte.

Bis zu 500 000 D-Mark monatlich brachten Kuriere der DKP laut Verfassungsschutz aus Ost-Berlin nach NRW. Die Stasi kontrollierte Firmen in Düsseldorf, mit deren Produkten sie Handels-Beschränkungen unterlief. Und mutmaßlich half sie mit, Terroristen und ihre Unterstützer zu finanzieren. Irgendwann bot Christian W. seine Dienste direkt dem Bundesamt für Verfassungsschutz an. Dort habe man ihn aber ausgelacht, als er seine Erkenntnisse über die Verbindungen von Ostberlin über die DKP zur RAF vortrug. "Der Zusammenhang DKP, RAF und SED bestand definitiv", sagt W., "das kann ich beeiden."

Von der Stasi angesprochen

W. bat die Verfassungsschützer, ihm eine andere Tätigkeit im öffentlichen Dienst zu besorgen, da er sich nicht mehr sicher fühlte. "Ich habe natürlich auch gehofft, dadurch als V-Mann in eine bessere Gehaltsstufe aufzurücken." Doch das Bundesamt zeigte kein Interesse. Bei einem letzten Treffen, so das Bundesamt für Verfassungsschutz, habe man W. unterrichtet, dass aus dem neuen Job nichts werde und eine Zusammenarbeit unter diesen Umständen nicht möglich sei. W. sei eindringlich angehalten worden, "jegliche Informationsbeschaffung im terroristischen Umfeld im Interesse seiner eigenen Sicherheit einzustellen". Doch drei Wochen später habe er wieder angerufen und neue Informationen angeboten.

Dann wurde es hässlich. Bei einem Besuch in Ost-Berlin, wo Christian W. eine Frau kennengelernt hatte, wurde er von Stasi-Mitarbeitern angesprochen: "Ob ich nicht Lust hätte, für sie zu arbeiten." Für seine Reisekosten habe ihm die Stasi 500 Mark angeboten – mit denen er am nächsten Tag gleich beim Verfassungsschutz vorstellig geworden sei. Dort habe man ihm erklärt, er solle das Geld ruhig behalten, so Christian W., und ihn anschließend wegen Agententätigkeit angeschwärzt; das Verfahren wurde eingestellt, doch W. flog auf.

Dass das der Dank dafür sein solle, dass er jahrelang die RAF und deren Umfeld zum Wohle des Rechtsstaats ausgespäht habe, kann Christian W. nicht verwinden. Ausgezahlt habe sich das alles für ihn nicht. Vom Staatsschutz habe er in all den Jahren vielleicht 4000 Mark bekommen, vom Verfassungsschutz 600. Schwer herzkrank sei er heute. Manchmal schreibt er immer noch lange Briefe an Behörden und Regierungsstellen: "Ohne V-Leute könnten Polizei und Verfassungsschutz ihre Pforten schließen." Man brauche doch Leute mit Zivilcourage wie ihn, sagt Christian W., "gegen die, die mit dem Leben anderer Menschen spielen".

(RP/top)
 
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