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Düsseldorf
Verein ist Kriegsverbrechen auf der Spur

Düsseldorf: Verein ist Kriegsverbrechen auf der Spur
Pfarrer Derdziuk zeigt den Düsseldorfer Besuchern in Krasnobrod seine Klosterkirche, in der das 67. Reservepolizeibataillon vor 72 Jahren ein Gelage feierte. FOTO: Geschichte am Jürgensplatz e.V.
Düsseldorf. Im Januar 1943 ermordeten Düsseldorfer Polizisten 150 Bewohner eines polnischen Dorfs. Ihrer Opfer gedachte jetzt der Verein "Geschichte am Jürgensplatz", der das dunkelste Kapitel der Polizeigeschichte aufarbeitet. Von Stefani Geilhausen

Es ist ein sommerlicher Herbsttag, als im ostpolnischen Dzieraznia ein Bus aus Krakau an der Hauptstraße hält und deutsche Touristen bringt. Das geschieht nicht oft, und auch an diesem Tag kommen die Dorfbewohner heraus, um nachzuschauen, wer da zu ihnen kommt. Es ist, dolmetscht Reiseleiterin Anna Kiesell für einen alten Herrn, der Düsseldorfer Verein "Geschichte am Jürgensplatz", der die Vergangenheit der Düsseldorfer Polizei erforscht. Und die ist mit Dzieraznia untrennbar verbunden.

Im Januar 1943, da ist das Reservepolizeibataillon 67 im Dorf eingefallen, hat die einfachen Holzhütten gestürmt und die Frauen, die Kinder und die Alten erschossen. "Befriedung" nannten sie das, eine Vergeltung für die Ermordung eines deutschen Gendarmen durch Partisanen. 150 Menschen werden niedergemäht, ihre Hütten zerstört.

72 Jahre später legt der Verein am Denkmal für die Opfer Blumen nieder. Das 67. Bataillon der Reservepolizei, das waren Reservisten, mehr oder minder freiwilliges Hilfspersonal der Polizei, und es waren 30 Düsseldorfer Polizeibeamte, die sie anführten. Männer, die daheim in Golzheim oder Oberkassel als Schutzmänner respektiert und geachtet waren - und in Polen gnadenlose Mörder, Brandstifter und Plünderer wurden.

Vereinsgründer ist Klaus Dönecke, selbst ein Schutzmann, dessen Arbeit zur Polizeigeschichte weit über Düsseldorf hinaus Beachtung findet. Gemeinsam mit Autor Hermann Spix, einem pensionierten Lehrer, ist er den "67ern" gefolgt. Feldpostbriefe eines Essener Verkäufers, der nur zu gerne Polizist geworden ist, als dem Nazi-Regime die echten Polizisten langsam knapp wurden, helfen dabei. Denn Kurt Dreyer hat in mehr als 150 Briefen nach Hause sehr detailfreudig vom Alltag der Reservepolizisten im besetzten Polen berichtet.

Nach dem Massaker in Dzieraznia etwa machten sie im Kloster von Krasnobrod Quartier: "Haben auch großen Spaß in der wunderbar eingerichteten Klosterkirche gehabt. Auf der Orgel wurden Soldatenlieder gespielt und jede Glocke und Glöcklein probiert. Na, es war ein wüster Zauber", schreibt Dreyer nach Hause. Und nun stehen die Polizisten und Geschichtsvereinsmitglieder auf denselben Schachbrettfliesen, über die Dreyer und seine Kameraden damals mit ihren Soldatenstiefeln marschierten. Heute führt Pfarrer Derdziuk die Gäste gern durch sein Haus. Spix und Dönecke sind nicht zum ersten Mal hier, haben auch mit Zeitzeugen gesprochen, die miterlebten, wie in Krasnobrod Reservepolizisten Menschen in ein Haus trieben, um es anzuzünden. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat 20 Jahre später die Ermittlungen zu diesen und anderen Morden des Düsseldorfer Reservepolizeibataillons eingestellt - es fehlte an Beweisen.

Die wollen Spix und Dönecke finden. Sie arbeiten an einem Buch über das Bataillon. Um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen und den Opfern zu Gerechtigkeit. In Polen wird das Engagement des Vereins gerne gesehen. Sogar der Bürgermeister von Zamosc, wo das Bataillon zeitweise stationiert war, hat die Gruppe aus Düsseldorf empfangen und Hilfe auch bei der Recherche in den Archiven zugesagt. Die örtliche Zeitung hat über die Spurensuche der Düsseldorfer berichtet. Und auch der alte Mann in Dzieraznia, der zwei Jahre nach dem Massaker in seinem Dorf geboren wurde, gibt gern weiter, was er von klein auf darüber weiß. Auch, dass in seinem Nachbarhaus einem einzigen Mann die Flucht gelang, weil ein deutscher Polizist ihn absichtlich übersah.

www. geschichte-am-juergensplatz.de

Quelle: RP
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