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Serie So Wohnt Düsseldorf
Verliebt in eine Siedlung

Serie So Wohnt Düsseldorf: Verliebt in eine Siedlung
Rudi Heyne und seine Frau Brigitte schätzen die großzügigen Räume und die Terrasse an der Rückfront, wo früher der Kaninchenstall war. FOTO: Bauer
Düsseldorf. Vor fast 100 Jahren wurde sie geplant, und noch heute gilt die "Freiheit" in Vennhausen als Parade-Beispiel für den Siedlungsbau. Rudi Heyne lebt hier seit seiner Geburt. Von Ute Rasch

Was ist Heimat? "Der Ort, an dem man tief verwurzelt ist." Wenn Rudi Heyne in ein paar Monaten 70 Jahre alt wird, dann wird er immer noch dieselbe Adresse haben wie am Tag seiner Geburt: Vennhausen, Amselstraße 10. Solche Beständigkeit ist selten in unseren mobilen Zeiten. "Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben" - ein Satz, der für die komplette Familie gilt, beide Töchter leben in der Nachbarschaft, auch einer der Schwiegersöhne wurde in der Nähe geboren. Und alle teilen die Zuneigung zu diesem Ort: der Siedlung Freiheit.

Bauprojekte 2015 in Düsseldorf FOTO: ProUrban

Der Erste Weltkrieg war erst ein paar Jahre vorbei, das Geld knapp, die Sehnsucht groß nach einem Ort, an dem es sich friedlich leben ließ. So formte sich eine neue Idee von Wohnen zu einem konkreten Plan: Arbeiter der Fabrik Schöndorff gründeten 1919 einen Bauverein, die Genossenschaft erwarb Wiesen und Äcker zwischen Vennhauser Allee und Eller Forst. Bis Anfang der 1930-er Jahre entstanden auf dem Areal Reihen- und Doppelhäuser mit 300 Wohnungen, für die ein "Nutzungsentgelt" gezahlt wurde. Ein Foto aus jener Gründerzeit zeigt stolze Bewohner: Männer mit Arbeitsschürzen, Schiebermützen, gewaltigen Schnurrbärten - Glasschleifer, Ofenbauer, Schmiede.

Und ein Steinmetz. Das war der Großvater von Rudi Heyne, der mit Frau und drei Kindern eines der ersten Siedlungshäuser bezog - 87 Quadratmeter mit Wohnküche, "guter Stube" und zwei Schlafzimmern. Ein Konsum und ein paar kleine Geschäfte boten die Dinge des täglichen Lebens, und in der "Waldschänke" wurde bei Bockwurst und Kartoffelsalat gefeiert. Überhaupt hielt ein starkes Band die dörfliche Siedlung zusammen. "Die standen politisch alle links", so der Historiker Ulrich Brzosa, "und alle hatten an ihren Häusern selbst mitgebaut." Auf dem heutigen Tennisplatz war eine Wiese mit Gänsen - Gemeinschaftseigentum. Man traf sich in einer Theatergruppe und zum Kartenspielen. Ein Foto aus dem Jahr 1927 zeigt die Damenrunde "Harmlos" beim Skat.

So sieht der erste neue Wohnturm in Düsseldorf aus FOTO: Endermann, Andreas (end)

Hier wurde Rudi Heyne 1946 geboren, hier erlebte er eine "herrliche Kindheit" im nahen Eller Forst und am Unterbacher See, wo er als Junge zeltete. "Und wenn wir dann nach Hause kamen, schmierte die Oma Brote mit Rübenkraut", erinnert sich Heyne. Bei einem Spaziergang durch das Straßengeflecht, lässt sich die Atmosphäre von einst noch heute spüren. Historiker Brzosa: "Die Siedlung ist komplett erhalten, sie wurde nicht von Kriegsbomben getroffen. Und die wenigen neuen Häuser fügen sich durchaus harmonisch ins Bild."

Starke Veränderungen verhindert außerdem eine städtische Gestaltungssatzung. Die legt fest, dass Glasbausteine nicht erlaubt sind, Dachpfannen "Rot bis Rotbraun" sein sollen, und die Fensterläden Kiefergrün zu streichen sind, im Farbton RAL 6028. Das scheint einigen Bewohnern dann doch etwas viel an Vorschriften zu sein, so leuchten an einem Haus die Läden in Mittelmeerblau - farblicher Protest gegen das Regelwerk?

Rudi Heyne konnte das Haus, in dem Großeltern und Eltern noch gegen "Nutzungsentgelt" gewohnt hatten, schließlich 1979 kaufen. In Zeiten vor der strengen Satzung. Und so verwirklichte er - auch teils in Eigenleistung wie seine Vorfahren - einen kühnen Plan: Er baute einen dreigeschossigen Riegel an die Rückfront und ließ sein Zuhause von den einst bescheidenen 87 Quadratmetern auf die dreifache Größe anwachsen. Von der Straßenseite zeigt sich das Haus noch immer ganz in dörflicher Bescheidenheit, tatsächlich aber bietet es dem Versicherungsmakler und seiner Frau Brigitte heute reichlich Wohn- und Arbeitsfläche mit großzügigen Räumen und einer Terrasse an der Rückfront - wo früher der Kaninchenstall war.

Die Läden in der Siedlung existieren schon lange nicht mehr, zu wenig Kundschaft. Auch die "Waldschänke" wurde nach unzähligen Geburtstags-, Kommunions- und Sommerfesten geschlossen, sie soll einem Neubau Platz machen. Dagegen regt sich allerdings der Widerstand einer Bürgerinitiative, deren Argumenten sich mittlerweile auch die Bezirksvertretung angeschlossen hat. Nun soll ein Investor gesucht werden. Ende offen.

Auch Rudi Heyne gehört zu denen, die sich für den Erhalt der alten Schänke stark machen. Zum Abschied sagt er: "Ich bin verliebt in diese Siedlung."

Quelle: RP
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