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Serie Düsseldorf International
Viva Polonia!

Düsseldorf. Über 8000 Polen leben in Düsseldorf und betreiben Restaurants, Läden, Autowerkstätten. Und ein Institut transportiert Kultur und Kreativität. Von Ute Rasch

Wenn Miroslaw Pilichowski mit seiner Frau essen geht, dann muss es schon ein ordentliches Stück Fleisch sein, "wegen meiner polnischen Wurzeln." Dann steuert der Automechaniker das Restaurant "Klußka" an, wo es Bigos gibt, den Topf mit Sauerkraut und Fleisch, viel Fleisch. "Erst wenn der drei Mal aufgewärmt ist, schmeckt er richtig gut", weiß Pilichowski. Wie er leben mehr als 8000 Polen in Düsseldorf. Sie finden in ihrer "Polonia", wie sie ihre Gemeinschaft nennen, eigene Lebensmittelläden, Ärzte, Autowerkstätten und Restaurants, die in ihren Küchen Heilmittel gegen Heimweh zubereiten. Und ein Kulturinstitut, das seit über 20 Jahren die Kreativität Polens an den Rhein transportiert - als Anker für Landsleute, aber vor allem für Deutsche, die mehr erfahren wollen über ihr Nachbarland.

In dieser Woche aber haben die Mitarbeiter eine Premiere gemeistert. Zum ersten Mal präsentierten sie zehn junge polnische Designer auf den Düsseldorfer Mode- und Schuhmessen - auch mit unzähligen Gesprächen und einer Party in dem historischen Domizil an der Citadellstraße. Wie es hier mal ausgesehen hat, lässt sich auf alten Fotos sehen, die eine halbverfallene Ruine zeigen. Bis Spezialisten der Krakauer Werkstätten das marode Gebäude, das heute dem polnischen Außenministerium gehört, in ein architektonisches Schmuckstück verwandelten.

Seit 1993 holen die Mitarbeiter des Instituts einen polnischen Exportschlager in die Düsseldorfer Carlstadt: die Kultur ihrer Heimat. Sie organisieren Ausstellungen, Filmreihen, Lesungen, Konzerte und sind Partner von Festivals - von der Jazz-Rallye bis zur Ruhrtriennale. Seit Jahren kooperieren sie auch mit deutschen Schulen, um die Neugier einer jungen Generation auf Polen zu wecken. Und die hauseigene Bibliothek hält jede polnische Neuerscheinung in deutscher Übersetzung bereit - zum Ausleihen. "Unsere Zielgruppe ist immer ein deutschsprachiges Publikum", sagt Andrzej Kolinski.

Gern gesehene Gäste des Instituts sind aber auch Landsleute, die interessiert daran sind, "was Zuhause kulturell los ist." Wie der Opernsänger Lukasz Konieczny, der regelmäßig vorbei kommt, um sich eine Ausstellung anzusehen. Der 30-jährige Bass gehört seit 2011 zum festen Ensemble der Rheinoper - reist aber auch zu Gastspielen oder großen Musikfestivals in andere Städte und Länder. "Ich genieße die Großzügigkeit der Oper", die solche künstlerischen Ausflüge unterstützt. Und deren Internationalität, "meine Kollegen kommen von überall her." Was ist für ihn typisch polnisch? "Die Spontaneität, in Polen kann man einfach bei Freunden klingeln, ohne verabredet zu sein." Und die Gastfreundschaft. So sei es in vielen Familien noch heute üblich, dass beim großen Weihnachtsessen ein Platz frei bleibt - für einen spontanen Besucher.

"Aber ich fühle mich längst in Düsseldorf zu Hause", sagt Konieczny, der bald eine neue Wohnung in Pempelfort bezieht. Er empfinde die deutsche Gesellschaft als tolerant und die Bürokratie als wesentlich entspannter als in seiner Heimat. Nur dass es hier in den Kinos so selten Filme in Originalsprache mit Untertiteln gibt, gefällt ihm gar nicht. Gelegentlich geht der international ausgerichtete Künstler dann doch in ein polnisches Restaurant wie das "Klußka", "vor allem, wenn ich einem Kollegen zeigen will, was typisch polnische Küche ist." Dort stehen Gerichte auf der Karte, bei deren Original-Namen jeder deutsche Gast ratlos wäre. Aber für "Zurek slaski z jajkiem i kietbasa" wird die Übersetzung gleich mitgeliefert: Sauermehlsuppe mit Ei und Wurst. "Köstlich", lobt das junge Paar am Nebentisch, er ist Deutscher, sie Polin.

Seit knapp einem Jahr tischt das Ehepaar Teresa und Jaroslaw Zieciak in seinen Räumen an der Fischerstraße auf, was die polnische Seele begehrt: schlesische Klöße, gefüllte Piroggen, Schweinebraten mit Meerrettichsoße und Salzgurke - deftige Gerichte, die so ähnlich auch die deutsche Küche kennt, die auf der Zunge aber dann doch eine spezielle Eigenart entfalten. "Polnisch eben", meint der Wirt, der lange in seiner Heimat nach einem geeigneten Koch gesucht hat.

Nun kommen sie alle zu ihm, mittags die deutschen Gäste aus den umliegenden Büros, abends Italiener, Japaner und Chinesen, die die Verwandtschaft zwischen Frühlingsrollen und polnischen Kroketten bestaunen und ihre Geburtstage unter einer riesigen Fotografie des Krakauer Schlosses feiern.

Sonntags nach der Kirche sind im "Klußka" vor allem die polnischen Familien zu Gast. Es sei denn, sie schlemmen Zuhause und haben vorher in einem der zahlreichen polnischen Lebensmittelläden eingekauft. Wie bei "nasz sklep" (übersetzt: "Unser Laden") an der Merowinger Straße. "Deutsch sind bei uns nur Strom, Wasser und die Steuern", witzelt Maximilian Schütz, der das Geschäft mit seiner Frau Anna Monika führt. "Alle Waren aber kommen direkt aus Polen." Wie der Senf, der nach Honig schmeckt und "Cwikla", das Pürree aus roter Beete, das mit Meerrettich geschärft ist, die "Delicje" (Süßigkeiten), der großkörnige Quark, das "Danziger Goldwasser." Und die große Palette polnischer Wurstwaren. Die echte Krakauer und nicht die, die bloß so heißt, die Kabanossi, die Wiejska, die Landwurst mit Fleischstücken.

Seine beliebten Dillgurken legt das Paar selbst ein, "nur zwei, drei Tage, dann sind sie noch knackig und schmecken ganz frisch." Und wenn die deutsche Kundschaft - etwa 50 Prozent - meint, sie seien noch nicht reif, dann leisten die beiden Polen mit dem deutschen Namen Schütz (Maximilians Vater war Deutscher) eben mal Entwicklungshilfe. Was ist typisch deutsch? Er: "Die Uhr ist der Maßstab des Lebens, man kommt lieber zwei Minuten zu früh, als zwei Minuten zu spät. Da musste ich mich am Anfang sehr disziplinieren." Sie: "Die Mittagspause!" Dass viele Läden im Gegensatz zu Polen mittags hier geschlossen sind, das findet sie einfach herrlich.

Ausgedehnte Mittagspausen kennt der Kfz-Mechaniker Miroslaw Pilichowski nicht. Und frühen Feierabend auch nicht. "Ich weiß nicht, wann ich die Werkstatt das letzte Mal schon um 17 Uhr verlassen habe." Macht nichts, denn der Mann mit der eigenen Autowerkstatt an der Münsterstraße bezeichnet seinen Beruf als Hobby. Obwohl er noch nie Werbung gemacht hat, obwohl er keine Internet-Seite hat, hat er reichlich Arbeit. Muss wohl auch daran liegen, dass polnische Handwerker traditionell einen guten Ruf genießen.

Im Alter zurück nach Polen zu gehen, wäre für den 56-Jährigen undenkbar, seine Kinder leben hier, seine Enkeltochter wurde vor vier Wochen hier geboren, "hier bin ich glücklich."

Zu diesem Glück gehört auch eine gelegentliche Prise Polen, nicht nur beim Essen. Mit seiner Frau spricht Miroslaw Pilichowski grundsätzlich in seiner Muttersprache und am Feierabend schaltet er im Fernsehen gern auf einen Heimatsender. "Wegen der politischen Nachrichten, ich will auf dem Laufenden bleiben." Und wegen der alten Filme, "die ein Polen zeigen, wie es früher mal war."

Von Derendorf nach Lörick - ebenfalls ein Stück "Polonia." In einem Bürogebäude an der Hansallee treffen Besucher auf ein ungewöhnlich großes Klingelschild mit lauter polnisch klingenden Namen: Unter dem Dach der Handelsgesellschaft Metalcoop haben zurzeit rund 30 polnische Firmen Büros gemietet - Personal, technische Ausstattung, Konferenzräume inklusive. "Nordrhein-Westfalen ist ein polnisches Land", berichtet Wlodzimierz Jasniak, Geschäftsführer des Firmen-Pools, allein in Düsseldorf seien 1000 Firmen ansässig - vom Ein-Mann-Handwerkerbetrieb wie der Kfz-Werkstatt von Miroslaw Pilichowski bis zur international operierenden Baufirma mit Großaufträgen in ganz Europa.

Sie alle sind potenzielle Mitglieder eines neuen Vereins, den das Polnische Institut gegründet hat, um möglicherweise zusätzliche Geldquellen für seine Arbeit sprudeln zu lassen. Letzte Frage an dessen Mitarbeiter: Was ist typisch polnisch? Andrzej Kolinski: "Die Neigung zu Improvisation." Seine Kollegin Lidia Helena Jansen ergänzt: "Die starken Bindungen in den Familien." Und was ist typisch deutsch? "Die Vielfalt der Mentalität. Ein Kölner denkt anders als ein Stuttgarter. Und in vielen Regionen ist die Sprache stark durch Dialekte geprägt, das bereichert eine Gesellschaft."

Quelle: RP
 
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