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Serie So Wohnt Düsseldorf
Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen

Serie So Wohnt Düsseldorf: Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen
Norbert Kaiser vor seinem "Doppelhaus" der besonderen Art: das linke mit der Metallhülle wird zum Wohnen genutzt, das rechte mit der Holzfassade zum Arbeiten. FOTO: RED
Düsseldorf. Auf einem Grundstück in Lohausen bekam eine Bauhaus-Villa ein puristisches Innenleben. Und nebenan bauten die ehemaligen Besitzer neu. Von Ute Rasch (Text) und Anne Orthen (Fotos)

Unterwegs in Lohausen. Dörfliche Stille, die alle paar Minuten von einem landenden Flugzeug zerfetzt wird. Vorbei an der Kirche und dem Kriegerdenkmal, direkt neben der Bushaltestelle eine Eisenskulptur, dahinter eine schwarze Fassade. Fernsterlos. Ein Mensch mit Mops kommt von links, bleibt stehen, mustert das Haus kopfschüttelnd. "Also auf mich wirkt das wie ein fremdartiger Meteoriten-Einschlag. Was die Besitzer sich wohl dabei gedacht haben?" Genau das wollen wir herausfinden.

Wer sich diesem Ort nähert, wird erst mal auf eine Zeitreise geschickt: 1929 ließ sich Walter Kaesbach, Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, eine dreistöckige Bauhaus-Villa mit Backsteinfassade in Lohausen bauen, nebenan Pferdekoppeln und Kuh-Wiesen. Der Förderer von Kandinsky, Feininger, Klee und etlichen anderen, wohnte dort nur vier Jahre, bis er 1933 von den Nazis aus dem Amt und der Stadt vertrieben wurde.

Jahrzehnte später, im Jahr 1993, kauften der Bauingenieur Norbert Kaiser und seine Frau Rita die 300 Quadratmeter große Villa, um sie zum Wohnen und Arbeiten zu nutzen. Bis ihnen das Haus irgendwann "zu groß war", und sie wohl auch von der Lust auf ein Experiment angetrieben wurden. Sie verkauften das Haus an das Architekten-Paar Jasmin und Wolfgang Sigg, die "Liebe auf den ersten Blick" empfanden. Auch die ehemaligen und die neuen Besitzer verstanden sich auf Anhieb - eine Tatsache, die für die weitere Entwicklung von Bedeutung sein sollte.

Puristisch und klar: Jasmin Sigg und ihr Mann Wolfgang verpassten der ehemaligen Kaesbach-Villa ein neues Innenleben. FOTO: RED

Denn Rita und Norbert Kaiser zogen zwar aus, aber nicht weg. Sie erwirkten eine Genehmigung, um vorn an der Straße neben der alten Garage neu zu bauen. Und damit begann ein Abenteuer, das von der Nachbarschaft mit Skepsis, von Architektur-Magazinen mit Interesse begleitet wurde. Die Kaisers bauten zwei Häuser, ein Tag- und ein Nachthaus, eins zum Wohnen, eins zum Arbeiten, eins mit einer schwarzen Holzfassade, eins mit einer silbern schillernden Metallhülle - ohne Fenster zur Straße. Und sie bauten selbst.

So entstanden innerhalb von zwei Jahren zwei kompakte Kuben. Das kleinere Wohnhaus besteht aus einer Holzkonstruktion, darüber spannt sich eine Haut aus Zinkblechbahnen, "wie ein übergeworfenes Tischtuch", so Norbert Kaiser. Die Bahnen wurden mit Nieten verbunden - mit 20.000 Stück. Allein daran lässt sich ermessen, wie viel Handarbeit das Paar mit einigen Helfern in seine Vision steckte. "Es ging uns nicht darum, Geld zu sparen, sondern eher um die handfeste, sinnliche Erfahrung, ,Bauherren' im ursprünglichen Sinn zu sein."

Ihr Wohnhaus ist ein Raumwunder, nur 2,40 Meter breit mit einer Grundfläche von 35 Quadratmetern (und einer Schlafempore) - aber mit einer Raumhöhe von sieben Metern. "Wir brauchen nicht mehr Platz", sagt Norbert Kaiser. Entscheidend sei der Blick, das Licht. So hat er die hintere Fassade verglast, auf dem Boden liegt schlichtes Straßenpflaster, das sich draußen im Garten fortsetzt, "so verlängern wir den Raum."

Der frühere Salon der Kaesbach-Villa wurde Schlafzimmer mit einem Würfel aus schwarzem Granit - einem Doppelwaschbecken mitten im Raum. FOTO: RED

Eine Treppe, hinter weißen Stoffbahnen verborgen, führt zu einer Schlafgalerie, am Fuß der Treppe ein sieben Meter hohes Bücherregal, "dessen obere Reihen eher selten gelesen werden", meint der Hausherr schmunzelnd. Aus einem Einbauschrank lässt sich ein Element zum Tisch herausklappen, die Stühle entstanden aus einer geteilten Metallwanne, die schmale Küchenzeile ist hinter Kunst, zum Paravent umfunktioniert, verborgen.

Das Arbeitshaus mit der schwarzen Holzfassade ist nur durch einen schmalen Gang und zwei gläserne Schiebetüren getrennt. Es ist größer (und bietet auch Gästen Platz), fast

ebenso hoch, Licht durchflutet. Auch die Innenwände bestehen aus Holz, aus simplen Dachlatten, die übereinander gestapelt und wieder und wieder mit Sumpfkalk weiß gestrichen wurden. Das gibt ihnen eine lebendige Struktur, auf die eine riesige Akazie Schatten wirft.

Ein schmaler Weg führt in den Garten zu der alten Kaesbach-Villa, einem strengen Backstein-Würfel. Am Eingang treten Besucher die Kunst mit Füßen, dort liegt ein Mosaik, das Heinrich Campendonk geschaffen haben soll. An das Innenleben von einst erinnert sonst nur noch der große Salon in der zweiten Etage. Hier haben die neuen Besitzer Jasmin und Wolfgang Sigg ihr Schlafzimmer eingerichtet - mit wenigen Möbeln: ein Eisenbett, ein Sessel, ein schwarzer Würfel. Kunst? Nein, ein doppeltes Waschbecken aus Granit - mitten im Raum. Ein Material, das sich im Bad fortsetzt - kein Zahnputzbecher stört hier die perfekte Ästhetik.

Diese puristische Klarheit setzt sich fort im übrigen Haus. Wo früher die Etagen zweckmäßig in mehrere Räume unterteilt waren, öffnet sich nun ein riesiger Raum über zwei Etagen, verbunden mit einer weißen, frei schwebenden Treppe. "Wir wollten den Kubus von innen spüren", sagt Jasmin Sigg. Das bedeutet auch hier: wenig Möbel, nichts Überflüssiges. Im Erdgeschoss ein großer Esstisch, eine Küchenzeile aus Beton - kaum als solche zu erkennen, von dem Architektenpaar selbst gebaut. Dezent fügt sich ein Kamin in eine Zwischenwand, Glas zu beiden Seiten gewährt Einsichten ins Feuer. Nichts stört das überwältigende Raumgefühl. "Ich brauche weder Blümchen noch Deko", versichert die Besitzerin.

Gelegentlich treffen sich die beiden Paare im Garten unter einem alten Nussbaum, unter dem schon Walter Kaesbach mit seinen Künstlern saß. Im vergangenen Jahr, zum Tag der Architektur, haben sie ihr Refugium geöffnet: 750 Neugierige nutzten diese Gelegenheit. Nicht mitgezählt die Kühe, die das Spektakel von der Nachbarweide aus betrachteten.

Quelle: RP
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