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Lars Schütt
Warum Kirche auch zum Kino wird

Düsseldorf. Der Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde Oberbilk/Flingern-Süd erklärt, warum es in dem Gotteshaus an der Kruppstraße auch Filmabende mit Popcorn und Bier gibt und er seinen Job und seine Religion immer wieder auf den Prüfstand stellt. Von Semiha Ünlü

Lars Schütt ist vieles - streitbar, engagiert, tolerant, mutig. Zur Christvesper lud er zum Beispiel auf Facebook mit einem Foto von sich mit ausgestreckter, blaugefärbter Zunge und dem Spruch "Teile meiner Predigt werden die Gemeinde verunsichern", zur Passionszeit verwandelte er die Kirche in ein Kino.

Herr Schütt, selbst für die evangelische Kirche geben Sie einen eher unkonventionellen Geistlichen ab. Warum wählen Sie diese neuen Formate und auch Inhalte?

Schütt Um den Menschen, Gott und auch sich selbst näherzukommen, muss man die Dinge manchmal auf den Kopf stellen. Ich muss zum Beispiel für mich immer alles auf Sinnhaftigkeit überprüfen. Schon als Kind habe ich zum Beispiel nicht verstanden, wie Jesus ein menschgewordener Gott sein soll. Das hat Zeit gebraucht, bis ich den Mut fassen und sagen konnte: Das ist nicht mein Jesus-Bild. Er inspiriert mich, aber als Prophet und Rabbi. Auch mit der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist geht es mir so. Das war eine knappe Mehrheitsentscheidung von einigen Bischöfen in der alten Kirche, theologisch hoch umstritten, ist aber konstitutiv geworden.

Sie klingen aufgebracht.

Schütt Ja, das ist etwas, das mich oft ärgert und beschäftigt: Das selbst in der evangelischen Kirche, die dem protestantischem Prinzip verpflichtet ist, manche Dinge faktisch zu Dogmen geworden sind, und die biblische theologische Vielfalt hinter einem Mainstream verkümmert.

Stellen Sie Ihren Beruf in Frage?

Schütt Als Kind wollte ich Pfarrer werden, weil mein Vater einer war. Danach setzte aber ein Emanzipieren vom kindlichen Wunsch ein und ein Infragestellen, das bis heute anhält. Fragen wie: Bin ich hier richtig, was die Religion, aber auch den Beruf angeht? Und das ist sehr wichtig, dass man sich diese innere Freiheit behält. Ich kann meine Arbeit nur so lange machen, wie ich innerhalb dieser Religion auf dem Weg, also auf der Suche nach Gott sein kann. Wenn ich merken sollte, dass diese Religion, diese Kirche dabei eher hinderlich als förderlich ist, müsste ich konsequenterweise sagen: Jetzt höre ich auf.

Laufen Sie nicht Gefahr, mit Aktionen wie poetischen Abendgottesdiensten und Kino-Abenden Menschen auf der Suche nach Unterhaltung, nicht aber unbedingt nach Gott und Spiritualität zu erreichen?

Schütt Oft probiert Kirche solche modernen Formen als Mittel zum Zweck aus. Dann heißt es: Wir müssen was machen, damit wir als Kirche wieder mehr wahrgenommen werden. Wir wollen aber mit einem Format wie dem poetischen Abendgottesdienst nicht den Poetry Slam oder Lesungen verkirchlichen, sondern einen Raum schaffen, der offen ist für die Begegnung von Spiritualität, Tradition und zeitgemäßen Formen. Das gelingt bei den poetischen Abendgottesdiensten schon schön: Ich gebe nichts Theologisches vor, und die Besucher bringen mal mehr, mal weniger Fragen nach Gott und Spiritualität ein. Diese Freiwilligkeit ist mir wichtig, auch theologisch. Vielleicht macht gerade die Freiheit den Erfolg aus: In den Sonntagsgottesdienst kommen im Schnitt 30 bis 60 Menschen, bei den poetischen Gottesdiensten sind es bis zu 70, darunter überwiegend junge.

Wie reagiert die Gemeinde auf die eher unkonventionelle Arbeit?

Schütt Früher gab es hier eine relativ fromme Tradition, daher auch der Jesus am Kreuz, der in den 1980ern extra hergebracht wurde. Aber es gibt nur eine Handvoll Menschen, die sich schwer tut. Viele lassen sich aufs Neue ein, und das finde ich am Schönsten: dass sich die Älteren, die etwas anderes gewohnt sind, die neuen Sachen anschauen und kritisch begleiten. Und Menschen, die der Kirche kritisch oder distanziert gegenüberstehen, aber ein Interesse an Spiritualität haben, kommen zu den Veranstaltungen und sagen: Es ist schön, so eine Veranstaltung zu haben, die erst mal etwas freier ist, also Freigeist zulässt. Und das ist etwas ur-evangelisches! Im Übrigen bleibt der größte Teil der Gemeindearbeit ja traditionell, etwa die Sonntags-Liturgie. Der Anteil dessen, was meine Kollegen und ich infrage stellen und verändern, ist tatsächlich relativ klein.

Welche Aktionen stehen in diesem Jahr an?

Schütt Das Presbyterium hat uns den Auftrag gegeben, ein ordentliches Off-Kultur-Programm aufzustellen, um zu schauen, was für ein Potential vor Ort besteht. Wir werden poetische Gottesdienste machen, eine Reihe mit Lesungen und Diskussionen unter dem Arbeitstitel "Off-Church" mit Live- und vor allem Unplugged-Musik. Auf dem Programm steht auch ein Abend mit dem Improvisationstheater Tatendrang und der Besuch des Chors der jüdischen Gemeinde. Wir werden auch klassische Sachen machen: Unser Posaunenchor wird ein Best-of präsentieren.

SEMIHA ÜNLÜ FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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