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Festnahme 16 Jahre nach Wehrhahn-Anschlag
Ralf S. prahlte: "Denen habe ich es mal richtig gezeigt"

Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn
Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn FOTO: Werner Gabriel
Ralf S. soll vor 16 Jahren den Sprengstoffanschlag in Düsseldorf verübt haben, bei dem zehn Menschen zum teil schwer verletzt wurden. Vor allem neue Zeugenaussagen belasten den Rechtsextremen schwer. So soll er im Gefängnis 2014 gesagt haben, denen habe er es "mal richtig gezeigt". Von Stefani Geilhausen, Düsseldorf

6032 Tage haben sie darauf gewartet: Auf das Klingeln an der Tür und die Polizeibeamten, die den Satz sagen würden: "Wir haben ihn." Am Dienstag hatte die Ungewissheit für die zehn Opfer des Sprengstoffanschlags von Düsseldorf ein Ende. 16 Jahre, sechs Monate und vier Tage nach dem Attentat wurden sie von der Kripo persönlich darüber informiert, was am Mittwoch auch die Öffentlichkeit erfuhr: Der Mann, der am 27. Juli 2000 einen Sprengsatz in eine Plastiktüte packte und in die Luft jagte, ist nach Überzeugung der Ermittler überführt. Ralf S., heute 50, sitzt in Untersuchungshaft.

Video: Wehrhahn-Attentat – so lief der Einsatz vor 16 Jahren

Er soll seine Opfer gekannt haben. Vielleicht nicht persönlich, aber er wusste, dass diese Zwölf, die auf dem Heimweg vom Deutschkursus an dem Geländer vorbeigehen würden, Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion waren. Und Ausländer mochte S. nicht. "Er machte sie pauschal für seine eigene finanzielle Misere verantwortlich, beklagte oft, dass Ausländer vom Staat unterstützt würden und er nicht", berichtete am Mittwoch Udo Moll, der seit 2014 die neuen Ermittlungen zum Wehrhahn-Anschlag leitet.

Sein Laden lief schlecht – und auch das  lastete er den Zuwanderern an

In der knapp 70.000 Seiten starken Akte waren er und sein dreiköpfiges Team auch auf ein mögliches Motiv des gescheiterten Militariahändlers, der sich heute als Detektiv, Sicherheitsexperte und "Survival Coach" bezeichnet, gestoßen: Ende 1999 hatte die Privatschule, an der Einwanderern Deutschkurse vom Arbeitsamt bezahlt wurden, eine Dependance direkt gegenüber von S. Militarialaden unterhalten, in dem sich die seinerzeit sehr umtriebige rechtsextreme Szene Düsseldorfs mit Nazi-Musik und Kampfanzügen eindeckte.

Zwei Skinhead-Typen in langen Ledermänteln sollen sich damals mit Kampfhunden links und rechts vom Eingang der Schule postiert und die Schüler gezwungen haben, zwischen ihnen hindurch zu gehen. Zwei Wochen ließen die sich das gefallen, dann sei es zu einer Gegenaktion gekommen: Während die Skinheads unten standen, hätten sich die Sprachschüler mit verschränkten Armen an den Fenstern des Obergeschosses präsentiert – eine Demonstration von Stärke, nach der die Männer in den Ledermänteln in S. Laden verschwunden und nie wieder vor der Schule aufgetaucht seien.

PK zum Haftbefehl nach dem Wehrhahn-Anschlag

Weil die späteren Opfer nicht Teil der Aktion waren und bis zu dem Anschlag noch mehr als ein halbes Jahr verging, war den damaligen Ermittlern der Vorfall nicht bedeutsam erschienen. Heute glauben ihre Kollegen: S. habe da womöglich einen Hass auch auf die Sprachschule entwickelt. Er selbst hatte Anfang 2000 einen Offenbarungseid ablegen müssen, sein Laden lief schlecht, er hatte hohe Schulden, und auch das lastete er den Zuwanderern an.

Denen habe er es "mal richtig gezeigt", plauderte Ralf S. 2014 aus, während er eine nicht bezahlte Geldstrafe in der JVA Castrop-Rauxel absaß. Detailreich habe er beschrieben, wie er die Bombe gebaut und den Anschlag verübt habe, sagte ein damaliger Mitgefangener unserer Redaktion. Er hatte damals auch die Polizei informiert – nachdem er sich im Internet vergewissert hatte, dass es diesen Anschlag tatsächlich gegeben hat. "Als ich las, was passiert war, habe ich Rotz und Wasser geheult."

Zehn Schwerverletzte, ungeborenes Baby im Mutterleib getötet

14 Jahre zuvor, am 27. Juli 2000, war um 15.03 Uhr der Sprengsatz detoniert, von dem später nur eine Hand voll Krümel gesichert werden konnte. Die Druckwelle zerknickte Geldstücke in den Taschen der Passanten wie Konfetti. Die Splitter zerfetzten ihre Körper. Zwölf Menschen, unter ihnen Tatjana und Michail, die in vier Monaten ihr erstes Baby erwarteten, Boris aus Kiew, Ekaterina aus Kasachstan, befanden sich auf der Brücke, als die Bombe explodierte. Zehn wurden schwerstverletzt, Tatjanas Baby im Mutterleib getötet. Noch während die Rettungskräfte sie in Kliniken brachten, entlud sich ein Hitzegewitter über dem Tatort, und der Regen spülte Blut und Tränen und wichtige Spuren weg.

So sieht der S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf heute aus FOTO: dpa, mku

Jahrelang haben die Ermittler der "Soko Ackerstraße" vergeblich versucht, den Sprengsatz und seinen Zünder zu identifizieren. Es blieb unklar, ob die Opfer gezielt ausgewählt oder zufällig verletzt worden waren. Und Ralf S., den sie damals nicht zuletzt wegen seiner Kontakte zur Neonazi-Szene, seiner Sprengstoffkenntnisse und auch wegen der Wohnung festgenommen hatten, die er nach dem Anschlag aufgab und in der "tatrelevante" Spuren gesichert wurden, hatte ein Alibi. Jeder andere Verdächtige auch.

Prozess wegen zwölffachen Mordversuchs droht

Der Hinweis aus dem Gefängnis im Jahr 2014 hatte die Ermittlungen wieder in Gang gebracht. Nun stand den Kriminalisten eine neue Expertenabteilung zur Verfügung: die Operative Fallanalyse des LKA, besser bekannt als Profiler. Monatelang untersuchte sie alle Fakten des Verbrechens, gaben dann eine Einschätzung des Täters ab. "Sechs hochspezifische Punkte trafen auf S. zu", berichtete Ermittler Udo Moll am Mittwoch.

Ralf S., der sich selbst seinerzeit gern Sheriff von Flingern nannte, mit Hund und Tarnanzug durch den Stadtteil patrouillierte und jeden verabscheute, der nicht deutsch war, bestreitet die Tat, wie er es auch vor mehr als 16 Jahren schon tat. Damals hatten ihm zwei Frauen Alibis gegeben. Die eine sei danach aus panischer Angst vor S. unbekannt verzogen, die andere habe damals eine Beziehung mit ihm gehabt. Inzwischen haben beide ihre Aussagen geändert, damit ist auch das Alibi geplatzt. Jetzt droht Ralf S., der im Internet Kurse in Selbstverteidigung anbot, ein Prozess wegen zwölffachen Mordversuchs.

Was genau die Polizei über die Ermittlungen und die Festnahme von Ralf S. bekanntgegeben hat, lesen Sie hier in unserem Protokoll zur Pressekonferenz.

Einen Kommentar zur Festnahme lesen Sie hier.

Lesen Sie hier ein Feature unserer Autorin über den 15. Jahrestag des Wehrhahn-Anschlags: "Ein fast vergessenes Verbrechen"

 
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