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Auftakt zum Wehrhahn-Prozess
"Eine Wunde, die bleiben wird"

Wehrhahn-Prozess in Düsseldorf: "Eine Wunde, die bleiben wird"
Nach der Verhaftung von Ralf S. entzündeten Demonstranten Kerzen am S-Bahnhof Wehrhahn. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Wehrhahn-Attentäter löst neue Diskussionen um alte Fragen aus. Der Anschlag galt jüdischen Einwanderern. Doch er trifft die Stadtgesellschaft bis heute. Von Stefani Geilhausen

17 Jahre danach sieht der Eingang zum S-Bahnhof an der Ackerstraße noch genauso aus wie an jenem Juli-Tag im Jahr 2000 kurz vor 15 Uhr. Hunderte Menschen gehen täglich an dem Geländer vorbei, das natürlich ein anderes ist, weil das alte zerfetzt worden ist, als die Bombe um 15.03 Uhr explodierte. Zigtausende sind seitdem dort vorbeigegangen, und viele werden darunter sein, die erst jetzt, durch den Prozess, zum ersten Mal davon hören, was damals geschehen ist.

Andere vergessen es nie. Wie Monika Düker, die damals gerade neu in den Landtag gewählte Abgeordnete der Grünen, die in Flingern wohnt, und sich noch an die Möbel im Hotelzimmer erinnert, in dem sie nach schwierigen Koalitionsverhandlungen ihren Urlaub genießen wollte und in dem sie plötzlich im Fernsehen die furchtbaren "Bilder von zuhause" sah. Bis heute kann sie nicht am S-Bahnhof vorbeigehen ohne daran zu denken, "es ist eine Wunde im Stadtteil, die bleibt", sagt sie.

18 Jahre nach Bomben-Anschlag in Düsseldorf: Auftakt im Wehrhahn-Prozess

"Wir haben immer mit so etwas gerechnet"

Auch in der Jüdischen Gemeinde ist die Erinnerung wach. Am Anfang war es Mitgefühl für die Menschen, denen solches Leid zugefügt wurde, "in unserer Stadt", erinnert sich Herbert Rubinstein vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden. Der Schock über das Attentat wurde größer, als klar wurde, dass die Opfer so genannte jüdische Kontingentflüchtlinge sind, die meisten Akademiker, eingewandert aus den ehemaligen GUS-Staaten, "um hier ein besseres Leben zu finden". Überrascht aber, sagt Rubinstein, sei er damals nicht gewesen. "Wir haben immer mit so etwas gerechnet. Der Holocaust war ja kein Platzregen, nach dem der Antisemitismus verschwunden ist."

Bis zu jenem Juli-Tag hatte es die Gemeinde immer wieder mit Schändungen ihres Friedhofs zu tun, mit Hakenkreuzschmierereien an der Synagoge. Der polizeiliche Staatsschutz war oft an der Zietenstraße, unterbesetzt und, wie nicht nur Rubinstein registrierte, mit einer gewissen Hemmung im Umgang mit Juden, und bisweilen mit wenig Gespür für den Unterschied zwischen bloßer Zerstörungswut und gärendem Antisemitismus.

Prozess zum Wehrhahn-Anschlag startet in Düsseldorf FOTO: dpa, fg

In der Stadtgesellschaft war das damals kaum ein Thema. Auch in der Kommunalpolitik blieben die sich häufenden Aktivitäten der rechtsextremen Szene ohne eindeutige Antwort. Selbst nach dem Anschlag schloss sich einer von der linksextrem geprägten Antifa organisierten Protestkundgebung kaum eine engagierte Öffentlichkeit an.

Jüdische Gemeinde erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Erst als bald darauf ein Brandsatz an der Synagoge landete, änderte sich das Bewusstsein. Bundeskanzler Schröder und der in Düsseldorf lebende damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, forderten den "Aufstand der Anständigen". Und die Jüdische Gemeinde war ganz selbstverständlich mit dabei, als es zu einer der größten bürgerlichen Protestkundgebungen in der Stadt kam. Einerseits erhöhte die Gemeinde damals die Sicherheitsvorkehrungen an ihren Schulen, Kindergärten, am Altenheim und an der Synagoge. Zugleich nahm sie selbstbewusst und mit großer Offenheit ihren Platz in der Stadtgesellschaft ein.

Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn FOTO: Werner Gabriel

Die Ermittlungen der Polizei zum Wehrhahn-Anschlag unterdessen liefen ins Leere. Nachdem für den Brandanschlag zwei Palästinenser als Verantwortliche identifiziert worden waren, fand die Theorie vom rechtsextrem motivierten Attentat auf die Juden immer weniger Befürworter. Zehn Jahre nach der Tat schloss man einen politischen Hintergrund sogar nahezu aus.

Eine Fehleinschätzung, wie es heute scheint. Denn der Mann, der seit Donnertag als mutmaßlicher Wehrhahn-Bomber vor Gericht steht, soll aus Fremdenhass gehandelt haben. Auch aus Hass auf Juden? Das ist eine der offenen Fragen in der Jüdischen Gemeinde, die hofft, dass sie im Prozess beantwortet wird. Doch auch andere Fragen sind offen. Etwa die, warum einige Indizien von der ersten Ermittlungskommission übersehen wurden und die, warum der Verfassungsschutz zwölf Jahre wartete, bevor er die Düsseldorfer Ermittler über einen V-Mann informierte, der bis kurz vor dem Anschlag im Umfeld des Beschuldigten aktiv gewesen ist. Letztlich, sagt Monika Düker, sei das womöglich nur durch einen Untersuchungsausschuss im Parlament zu klären.

Erst einmal aber geht es um den Strafprozess. Nur wenige Zuschauer wollten den am Donnerstag im Landgericht selbst beobachten. Dabei sollte er der Stadtgesellschaft wie kein anderer am Herzen liegen. Denn der Anschlag am Wehrhahn galt nicht Juden oder Einwanderern, sondern uns allen.

Quelle: RP
 
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