| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Welches Kind braucht schon Bücher?

Düsseldorf: Welches Kind braucht schon Bücher?
Der Bücherbus - hier auf dem Weg von Angermund nach Stockum - soll bald der Vergangenheit angehören. Viele Bürger sehen das kritisch. FOTO: Bernd Schaller
Meinung | Düsseldorf. RP-Redakteur Sven Grest hat einen Brief an die Stadt geschrieben, die den Bücherbus einsparen will.

Liebe Stadt Düsseldorf,

ich habe vernommen, dass Sie den Bücherbus abschaffen wollen. Für immer. Einfach so. Bisher fährt der große weiß-blaue Mercedes-Bus jede Woche 15 Stadtteile an. Wer möchte, kann dort Bücher, CDs oder Computerspiele ausleihen. 70 Prozent der Nutzer seien Kinder, die das Angebot kostenlos nutzen können, haben Sie der Presse gesagt. Also noch bis zum Ende des Jahres. Denn dann wird der Dienst eingestellt. Aus Kostengründen, wie es heißt.

Klar, ich kann das nachvollziehen. Rund 250.000 Euro kostet es jährlich, den Betrieb aufrecht zu erhalten: Für Fahrer, Bibliothekar, Sprit und Instandhaltung des in die Jahre gekommenen Busses. Ist halt ein Mercedes, da sind die Ersatzteile sicher besonders teuer. Und wenn der alte Bus nicht mehr repariert werden kann, muss ein neuer her. Dafür würden schon wieder 200.000 Euro fällig.

Gut, es sind zwar 50.000 Medien, die jedes Jahr in dem Bus ausgeliehen werden. Für viele Kinder ist der Bus ein Paradies, weil es dort Bilderbücher, Comics und Jugendromane gibt und sie dort regelmäßig ihre Freunde treffen, die dort ebenfalls ausleihen. Und die Stadt hat sich ja schließlich die Leseförderung von Kindern groß auf die Fahnen geschrieben.

Aber es macht ja Sinn, das Geld lieber für andere Dinge auszugeben. Zum Beispiel, um mit der kompletten Zentralbibliothek 500 Meter weiter in ein neues Gebäude umzuziehen. Ich habe gehört, dass dies für 2016 geplant sei. Die Zentralbibliothek am Bertha-von-Suttner-Platz soll demnächst in das leerstehende Postgebäude auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs ziehen. Dort gibt es mehr Platz - zum Beispiel für die Bücher, die momentan alle im Bücherbus untergebracht sind. Irgendwie logisch. Nicht.

Mein Sohn findet das Aus für den Bücherbus nicht so toll, aber das ist eindeutig dem Alter geschuldet. Mit knapp drei Jahren kann man viele Zusammenhänge nicht so überblicken. Er findet es doof, künftig mit der Straßenbahn quer durch die Stadt zur nächsten Stadtbücherei zu fahren. Mit Roller und Fahrrad haben wir bisher immer nur fünf Minuten zum Bücherbus gebraucht. Aber warum soll man nicht eine Stunde Hin- und Rückfahrt in Kauf nehmen, um ein paar Kinderbücher auszuleihen?

Das Wichtigste ist doch, dass es überhaupt Stadtbüchereien gibt. Vor allem, dass Kinder problemlos an ganz viel neuen Lesestoff gelangen können. Bisher war es natürlich toll, dass der Bücherbus alle Stadtteile mit Büchern versorgt hat, die weit außerhalb der Innenstadt und damit der Bücherversorgung liegen: Einbrungen zum Beispiel, Hellerhof und Knittkuhl.

Auf der anderen Seite: Wer es sich leisten kann, so weit aufs Land zu ziehen, kann auch mal in Kauf nehmen, ein paar Kilometer in die Innenstadt zur nächsten Bücherei zu fahren. Ich denke da zum Beispiel an so reiche Stadtteile wie Holthausen, Vennhausen und Mörsenbroich. Oder den Stadtteil, in dem wir wohnen, Volmerswerth.

Jetzt, wo ich drüber nachdenke, passt alles zusammen. Im Wahlkampf hatten Sie, Herr Oberbürgermeister, erklärt, dass Sie vor allem die äußeren Stadtteile Düsseldorfs und nicht immer nur die Innenstadt fördern wollen. "Jetzt sind die Stadtteile dran", sagten Sie wortwörtlich. Mein erster Gedanke war: Und jetzt kapituliert eine der reichsten Städte Deutschlands vor den Reparaturkosten für einen alten Mercedes-Bus? Aber andersherum wird ein Schuh draus: Wenn es den Bücherbus nicht mehr gibt, haben wir endlich Geld für wirklich wichtige Dinge. Ich freue mich auf das, was die nächsten Jahre bringen werden.

Am Mittwoch war der Bus wieder bei uns im Dorf. Natürlich war es ein großes Thema, dass er bald abgeschafft wird. Wussten Sie, dass er manchmal so gut besucht ist, dass man 20 Minuten für die Ausleihe anstehen muss? Aber insgesamt, so heißt es, gehen die Nutzerzahlen zurück. Manchmal muss man die Dinge einfach nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten, dann machen sie plötzlich Sinn.

Ich selbst habe einen nicht unbedeutenden Teil meiner Kindheit in der Gerresheimer Stadtteil-Bücherei verbracht. Stapelweise Comics hatten wir uns ausgeliehen, um sie samstagnachmittags gemeinsam zu lesen, während im Radio die Bundesliga lief: Tim & Struppi, Lucky Luke, alle Asterix-Bände. Jede Woche ein Highlight. Es wird noch eine Weile dauern, bis mein Sohn alt genug ist, um den Weg bis zur Bilker Stadtbücherei alleine mit der Straßenbahn zu fahren. Aber das macht nichts. Denn Tom und ich haben uns jetzt was überlegt. Wir sparen einfach ein paar Jahre. Und dann kaufen wir uns einen eigenen Bücherbus.

Mit freundlichen Grüßen,

Sven Grest

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Welches Kind braucht schon Bücher?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.