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Trend scheint unumkehrbar
Weniger Düsseldorfer in der Kirche

Weniger Düsseldorfer in der Kirche
Zum Vergrößern bitte in die Grafik klicken. FOTO: RP
Düsseldorf. Römisch-katholische und evangelische Kirche verlieren Mitglieder. Eine Umkehr des Trends ist nicht in Sicht. Die beiden Großkirchen haben daraus Konsequenzen gezogen. Zur Verzagtheit besteht ihrer Einschätzung nach kein Anlass. Von Jörg Janssen

Obwohl immer mehr Menschen nach Düsseldorf ziehen, sinkt die Zahl katholischer und evangelischer Christen weiter. Die Statistik für 2014 bestätigt den Trend, der unumkehrbar scheint. Neu-Strukturierungen, teilweise auch Einsparungen sind die Folge.

Im Stadtdekanat Düsseldorf lebten im vergangenen Jahr 190 706 Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, ein Jahr zuvor waren es 192 850. In jedem Jahr verlässt eine vierstellige Zahl an Menschen die Kirche. Zum Vergleich: 2007 lebten noch 200 371 Katholiken in der Landeshauptstadt. Ähnlich ist die Entwicklung in der evangelischen Kirche. Hier sank die Zahl der Gemeindeglieder von 122 329 im Jahr 2007 auf 115 092 im letzten Jahr. "Zum Stichtag 30. Juni 2015 waren es nur noch 113 579", benennt Ulrich Erker-Sonnabend, Sprecher der evangelischen Kirche, die Tendenz.

Erstmals überschritt die Zahl der Austritte bei den Katholiken im vergangenen Jahr die 2000-er Marke – obwohl besonders beachtete Skandale, wie das Missbrauchsthema, nicht mehr die Schlagzeilen beherrschten.

Bei den in der Landeskirche organisierten Protestanten schwankt diese Zahl zwischen 971 im Jahr 2007 und 1710 im vergangenen Jahr (bisheriger Höchststand). Demgegenüber ist die Zahl der Wiederaufnahmen von vormals Ausgetretenen sowie die Zahl der Neueintritte von bis dahin Ungetauften deutlich kleiner. 2014 waren es bei den evangelischen Christen 197 Männer und Frauen, die sich (neu) für die Kirche entschieden, bei den Katholiken 131 Düsseldorfer.

Italien: Papst Franziskus zu Besuch in Turin FOTO: afp, VIP/RT

Dramatische Auswirkungen auf das Kirchensteueraufkommen hat der Schrumpfungsprozess bislang nicht. "Seit rund einem Jahrzehnt liegt der Haushaltsansatz für Düsseldorf bei 18 bis 20 Millionen Euro", sagt Erker-Sonnabend.

Auf relativ stabile Kirchensteuer-Einnahmen verweist auch das Erzbistum Köln (eigene Zahlen für Düsseldorf liegen dort nicht vor). Für 2014 erwartet man bistumsweit "eine für die Aufgabenerledigung verfügbare Kirchensteuer" in Höhe von rund 550 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2008 waren es 546 Millionen Euro, 2011 sogar nur 483 Millionen Euro. "Diese Einnahmen haben viel mit wirtschaftlicher Prosperität und der Entwicklung von Einkommen, dagegen weniger mit der genauen Anzahl der Mitglieder zu tun", erläutert Michael Hänsch, Geschäftsführer der katholischen Kirche in Düsseldorf.

Dennoch ziehen beide Großkirchen Konsequenzen aus dem schleichenden Exodus. So wurden aus mehr als 60 katholischen Pfarreien inzwischen 15 Seelsorgebereiche mit jeweils einem leitenden Pfarrer und einem Seelsorgeteam. "Pläne für weitere Neustrukturierungen gibt es nicht", sagt Hänsch. Positiv aus seiner Sicht: die Einstellung eigener Verwaltungsleiter für die Groß-Gemeinden, die dem leitenden Pfarrer wieder mehr Seelsorge ermöglichen. Auch die Protestanten setzen auf neue Strukturen. "Zukunft Kirche" heißt das Programm. 23 Düsseldorfer Gemeinden werden bis 2020 auf zwölf reduziert. Fast die Hälfte der etwa 60 Pfarrer-Stellen wird eingespart.

Über die Ursachen für den Schwund herrscht bei den Seelsorgern Einigkeit: Fortschreitende Säkularisierung und Individualisierung, Verlust von Glaubenswissen, Überlieferung und Gottesbezug sowie Kirchensteuer-Flucht lauten die Stichworte. Ob die Volkskirche der 1950er und 1960er Jahre bereits Vergangenheit ist, wird unterschiedlich bewertet.

"In der Innenstadt oder den urbanen Vierteln drumherum mag das so sein, aber in Einheiten wie Gerresheim sind wir nach wie vor gut und breit verankert", sagt Dechant Karl-Heinz Sülzenfuß. Gegen Verzagtheit wendet sich auch Pfarrer Uwe Vetter, der in der Johanneskirche die Wiedereintritte koordiniert. "In keiner anderen gesellschaftlichen Organisation machen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung mit." Für Steuer-Flüchtige, die punktuell kirchliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen, hat er wenig Verständnis. "Das ist wie Schwarzfahren. Diese Leute gefährden das Ganze und setzen voraus, dass andere ihr Ticket bezahlen."

Als Strategie empfiehlt er beiden Großkirchen, die Gottesbegegnung wieder stärker ins Zentrum zu rücken. "Kirche muss sich von Party und Kino unterscheiden und mehr bieten als Geselligkeit und soziale Dienstleitungen", sagt der Theologe. "Wenn wir das schaffen, werden auch die Gottfernen verstehen, dass sie sich nicht selbst auf die Welt gebracht haben, sondern von einer Mutter geboren wurden."

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