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Düsseldorf
Weniger Ehen, weniger Scheidungen

Düsseldorf: Weniger Ehen, weniger Scheidungen
Tahssin Mohammad Abdulah wurde im vergangen Jahr von seiner Partnerin verlassen. Die Kinder Juana (7) und Lauand (5) erzieht er allein. FOTO: A. Bretz
Düsseldorf. Seit 1978 erfassen Stadt und Land die Zahl der Düsseldorfer Eheschließungen und Scheidungen. Über die Jahre gesehen gehen beide Zahlen zurück. Trennungen nehmen trotzdem zu. Viele Paare leben ohne Trauschein zusammen. Von Jörg Janssen

Seit 2008 ist die Zahl der Scheidungen in Düsseldorf rückläufig. So kamen 2014 auf 100 registrierte Eheschließungen 44,2 Scheidungen. In absoluten Zahlen standen 2858 Trauungen 1263 Trennungen vor Gericht gegenüber. Am niedrigsten war der Anteil der Scheidungen gleich zu Beginn der Aufzeichnungen. 1978 kamen auf 100 Hochzeiten nur 13,7 Trennungen am Richtertisch. Danach ging es mit der Zahl zerbrochener Ehen - von Ausreißern in einzelnen Jahren abgesehen - erstmal steil bergauf. Im vergangenen Jahrzehnt erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. 2005 und 2006 kamen auf 100 Eheschließungen mehr als 63 Scheidungen, 2008 waren es sogar 64,5. Dann folgte die Trendumkehr.

Experten, die Menschen in Trennungssituationen beraten, warnen angesichts dieses Rückgangs vor falschen Schlussfolgerungen. "Viele Menschen leben ohne Trauschein zusammen, auch dann, wenn sie gemeinsame Kinder haben. Solche Trennungen werden statistisch nicht erfasst", sagt Maria Loecken. Die 50-Jährige leitet bei der Diakonie das Krisenzentrum, das unter anderem Familien in Trennungen beisteht. Zu ihren Schützlingen zählt Tahssin Mohammad Abdulah. Neun Jahre lang lebte der Mann mit kurdischen Wurzeln im Nord-Irak mit der Tochter russlanddeutscher Spätaussiedler wie Mann und Frau. Beide bekamen zwei Kinder, auch um die Tochter, die seine Partnerin mitbrachte, kümmerte sich der 34-Jährige. Heute lebt er alleine mit den drei Kindern in Unterrath. Seine Partnerin verließ ihn im Oktober 2014, Kontakt haben die beiden kaum noch. Die Trennung, die keine Scheidung war, hatte weitreichende Folgen. Im Irak war der alleinerziehende Vater Polizist, in Düsseldorf arbeitete er lange am Airport als Flugabfertiger. Jetzt ist er ohne Job. "Ich kümmere mich um die Kinder, bringe sie zur Kita, zur Schule und zu Geburtstagen, wasche, koche, putze, mache einfach alles." Und woran ist das Paar gescheitert? "Es passte einfach nicht mehr."

Wie rasch Paar-Bindungen im Großstadt-Milieu zerbrechen, weiß Susann Sültemeyer, die beim Verein alleinerziehender Mütter und Väter den Fachbereich "Ein-Eltern-Familien" verantwortet. Für das Scheitern von Beziehungen macht sie zwei Entwicklungen verantwortlich: Die Möglichkeit, in Zeiten rasch lösbarer Bindungen schnell einen neuen Partner finden zu können sowie eine überzogene Anspruchshaltung vor allem bei jenen, die sich erstmals fest binden. 500 telefonische und 200 persönliche Beratungen leisten sie und ihre Kolleginnen pro Jahr rund um die Themen Trennung/Scheidung/Sorgerecht.

"Manchmal erinnert die heutige Partner- an eine Wohnungssuche. Es gibt Kriterienkataloge und unheimlich hohe Erwartungen, die fast zwangsläufig zum Scheitern führen müssen", berichtet die Beraterin. "Manchen sage ich: Ist es euch wirklich wichtig, dass der Kerl einen BMW fährt oder die Frau Bikini-Größe 36 hat? Befindet ihr euch im Werbeblock eines privaten TV-Senders oder sucht ihr den Partner fürs Leben?"

Freilich gibt es ihrer Beobachtung nach auch positive Entwicklungen. "Die Gesellschaft ist offener geworden, zweite Anläufe mit neuen Partnern haben eine bessere Chance zu gelingen." So weit ist es bei Tahssin Abdulah noch nicht. "Im Moment wünsche ich mir nur, dass es meinen Kindern gut geht und dass sie eines Tages nicht die Fehler ihrer Eltern wiederholen."

Quelle: RP
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