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Serie "Kriegsende"
Wie Bauernkinder den Krieg erlebten

Serie "Kriegsende": Wie Bauernkinder den Krieg erlebten
Karl Radmacher (v.l.), Hubert Schröder, Karl-Josef Sonnen, Adolf Hilgers und Alois von Holtum erlebten als Kind das Kriegsende in Wittlaer. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Wer zum Kriegsende als Kind auf dem Land wohnte, hatte anders als die Städter genug zu essen. Bei der Ernte, der Fahrt zum Großmarkt und bei anderen Arbeiten ersetzten die Kinder die in den Krieg eingezogenen Männer. Von Sonja Schmitz

Der Hunger hatte Düsseldorf zum Kriegende und in den Jahren danach fest im Griff. Anton Kucken war im April 1945 13 Jahre alt. Der Urdenbacher erinnert sich, wie er mit seinem Onkel im Morgengrauen mit einem Paddelboot über den Rhein nach Zons setzte, um bei Verwandten etwas Essbares zu holen. Später fuhr er mit dem Fahrrad zu Bauern im Umland, um dort Wasch- und Spülmittel gegen Lebensmittel einzutauschen. "Das Waschmittel stammte aus Lastkähnen von Henkel, die für die Bevölkerung freigegeben wurden", erzählt Kucken. Und er erinnert sich, dass er einmal bis nach Duisburg-Ruhrort fahren musste, weil in ganz Düsseldorf kein Brot zu bekommen war.

Die Kinder von Bauern selbst hatten genug zu essen, denn die Familien hatte Tiere, es gab Gemüse, Eier und Kartoffeln. Aber konfrontiert mit der Not der Städter waren sie schon. "Ich erinnere mich, dass jemand den langen Weg aus der Stadt zu uns kam, um einen viertel Liter Milch zu kaufen", erinnert sich Karl-Josef Sonnen, der bei Kriegsende 15 Jahre alt war. Den damaligen Literpreis kennt er noch: 35 Pfennig.

Heute bauen die Landwirte Blumen an, damals zogen ihre Familien Gemüse. "Viele Gemüsejungpflanzen verkauften sie an Gartenbesitzer in der Stadt, die sich selbst versorgten, dort auch Ziegen und Hühner hielten, um nicht nur Fleisch, sondern auch Milch und Eier zu haben", erzählt Karl Radmacher. Dünger gab es im Krieg nicht, also wurde mit Kuhmist gedüngt: Bio-Gemüse - aber die Bezeichnung gab es damals noch nicht.

Weil die Männer in den Krieg eingezogen waren, mussten die Kinder mit anpacken. "Wer bei der Kartoffelernte half, brauchte keine Hausaufgaben zu machen und bekam ein Butterbrot", erinnert sich Adolf Hilger, der zum Kriegsende elf Jahre alt war. Nach der Ernte wurde der Acker noch einmal von armen Städter mit der Hacke durchgewühlt, um die kleinen, übrig gebliebenen Kartoffeln mitzunehmen. In Unterrath war die Lage durch die Nähe zur Stadt noch angespannter. Damit der Acker nicht schon während der Ernte von den Menschen gestürmt wurde, musste die Polizei Wache halten.

Alois von Holtum erinnert sich daran, wie einige auf den Feldern Raps ernteten. Ausgebreitet auf einem Tuch wurde ein auf den Sattel gestelltes Fahrrad mit den Pedalen angetrieben. Die Rapspflanzen wurden dann an die sich drehenden Speichen gehalten, die Rapssamen fielen auf das Tuch. Weil nachts immer mehr Diebe durch die Viehställe und Felder streiften, gingen Soldaten mit einigen Dorfbewohnern auf Nachtwache. Als dabei der Vater von Adolf Hilger einem Dieb gegenüberstand, zückte dieser ein Messer und stach ihn in den Rücken. Dem Vater fiel der Spaten aus der Hand, mit dem er zuschlagen wollte. "Das war ein Glück, sagte er später. Er wäre sonst seines Lebens nicht mehr froh geworden", berichtet Hilgers.

Für Alois von Holtum, der damals 14 Jahre alt war, zählte es zu den Pflichten, die Ernte mit Pferd und Wagen auf den Markt nach Unterrath zu fahren. Als die Amerikaner vor dem Einmarsch nach Wittlaer standen, hatte er einen weiteren Einsatz mit seinem Pferd. Die Zugangsstraße zum Dorf war zuvor mit den abgesägten Stämmen der Straßenbäume barrikadiert worden. Die Amerikaner setzten eine Frist zur Räumung, andernfalls würden sie das Dorf unter Beschuss halten. Alois von Holtum legte seinem Pferd das Zuggeschirr an und half, die Baumstämme fortzuräumen. Er machte den Befreiern den Weg frei.

Quelle: RP
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