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Düsseldorf
Wie ein Sinto den Holocaust überlebte

Düsseldorf. Am Walter-Eucken-Berufskolleg berichteten auch junge Sinti und Roma aus Düsseldorf über ihre Situation. Von Sonja Schmitz

Zoni Weisz spricht im Januar vor den Vereinten Nationen, 2011 sprach er vor dem Bundestag. Aber der 78-jährige niederländische Sinto nimmt gerne jede andere Gelegenheit wahr, um auf das Schicksal der Sinti und Roma aufmerksam zu machen und zu mahnen, entschlossen gegen Ausgrenzung, Hetze und Gewalt vorzugehen.

Im Walter-Eucken-Berufskolleg schilderte er gestern den Schülern auf packende und sehr berührende Weise sein Leben. Gespannte Stille herrschte, als er berichtete, wie er als Siebenjähriger auf dem Bahnsteig stand, der Zug mit seiner Familie zur Deportation nach Auschwitz bereit war und er mit seiner Tante das Menschengewühl nutzte, um auf einen anderen Personenzug aufzuspringen. Seine Eltern und seine Geschwister kamen im Holocaust um. Er kämpft dafür, dass ihr Schicksal und mit ihnen das von 500.000 ermordeten Sinti und Roma durch die Nazis nicht vergessen wird. "Das ist meine Pflicht", sagt Zoni Weisz.

Noch einmal an Dringlichkeit habe das Thema gewonnen, sagt Ordnungsdezernent Stephan Keller, durch die Ereignisse der vergangenen Tage. Am Montagabend hatte auf der Demonstration von Pegida in Dresden der deutsch-türkische Autor Akif Pirinçci geäußert: "...die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb". Er habe dies nicht für möglich gehalten, sagte Keller und machte auf die Verantwortung aller Beteiligten aufmerksam. "Wenn man diesen Ressentiments nicht entgegentritt, dann kann dies den Charakter der Unterstützung bekommen." Roman Franz, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma in NRW, ging noch einen Schritt weiter. "Hetzerische Reden und Stigmatisierung bereiten das Morden vor", sagte er. Dass Hass tatsächlich in Gewalt umschlägt, dafür lieferte erst am Samstag das Messerattentat auf die einen Tag später gewählte Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, ein schreckliches Beispiel.

"Nach Auschwitz geht das Leben weiter", mit diesem optimistischen Zitat einer Überlebenden war die Veranstaltung überschrieben. Für viele Sinti und Roma bedeutete das auch nach dem Ende des Naziregimes weitere Verfolgung und Diskriminierung. So auch für Nedmije Kurtesi, die 2002 mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Düsseldorf kam. Damals wie heute müssen Sinti und Roma in den osteuropäischen Ländern wie Ungarn, Bulgarien, Slowenien oder Serbien um ihr Leben fürchten. Als Flüchtlinge werden sie meist dennoch in diese Länder zurückgeschickt, kritisierte Jasar Dzemailovski auf dem Podium. "Ich frage mich, was für eine Politik die Bundesrepublik da betreibt."

Der 22-jährige ist in Düsseldorf geboren und hat sein Abitur am Schloss-Gymnasium gemacht. Zurzeit studiert er Politikwissenschaften und unterstützt junge Roma bei der Planung ihrer beruflichen Zukunft. Seine Mutter und Großmutter hatten ihm geraten, nicht darüber zu sprechen, dass er Roma sei. Dadurch entstünden ihm nur Nachteile. Doch in der sechsten Klasse outete er sich. "Ich bin stolz, Roma zu sein", sagt er. Erst wenn sich die erfolgreich integrierten Roma zu ihrer Herkunft bekennen, meint Roman Franz, könne sich das schlechte Image ändern. Wie jeder soziale Aufstieg verläuft der Weg dahin nur über Bildung. "Ich lerne jeden Tag", sagt Zoni Weisz. Er begann in Amsterdam als Florist und studierte Garten- und Landschaftsarchitektur. Bei der Krönung von Königin Beatrix und auch ihrem Sohn Willem Alexander lieferte er den Blumenschmuck.

Quelle: RP
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