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Neues Wahlfach an der Uni Düsseldorf
Wie funktioniert Flüchtlingsmedizin?

Neues Wahlfach an der Uni Düsseldorf: Wie funktioniert Flüchtlingsmedizin?
Insgesamt 15 Medizinstudenten nehmen an dem neuen Wahlfach "Flüchtlingsmedizin" der Universität Düsseldorf teil. Auf dem Foto sind Studenten und Dozenten der Diakonie Düsseldorf zu sehen. In der Mitte steht die 23-jährige Alina Kypke. FOTO: Susanne Hamann
Müssen Flüchtlinge zum Arzt, verursachen Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede Probleme. An der Uni Düsseldorf sollen Medizinstudenten darauf vorbereitet werden. Ein Besuch im deutschlandweit ersten Unterricht für "Flüchtlingsmedizin". Von Susanne Hamann, Düsseldorf

Stellen Sie sich vor, Sie wären Hausarzt. Eine junge Frau kommt mit ihrem Sohn zu Ihnen. Sie heißt Nesrin und ist 34 Jahre alt, ihr Sohn Arian ist 14. Die beiden leben in einem Wohnheim, sprechen Paschto und ein wenig Farsi. Der Junge kann auch ein paar Brocken Englisch. Wie gehen Sie als Arzt mit dieser Situation um? Welche Probleme stellen sich ihren Praxishelfern? Wovor könnten sich die Patienten fürchten?

Es ist eines der Gedankenspiele, die der Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin, Stefan Wilm, den 15 Teilnehmern des Wahlfachs Flüchtlingsmedizin an der Universität Düsseldorf mitgebracht hat. Das Fach hat sich aus einer Studenteninitiative entwickelt. Seit rund einem Jahr begleiten Medizinstudenten und freiwillige Übersetzer Flüchtlinge zum Arzt. Der Bedarf in den Unterkünften und die Begeisterung bei den Studenten war so groß, dass daraus ein Wahlfach gemacht wurde. Das heißt, es ist keine Studienvorraussetzung, sondern die Studenten belegen es aus persönlichem Interessse.

In Zusammenarbeit mit Medizinern, Psychiatern und der Diakonie Düsseldorf lernen Medizinstudenten in drei Blockseminaren, welche Herausforderungen im Praxisalltag auf sie zukommen. Außerdem begleiten sie Flüchtlinge gemeinsam mit freiwilligen Übersetzern mindestens fünfmal zu Arztterminen. Der Unterricht ist deutschlandweit einmalig. 

Krank ist nicht gleich krank

Im Blockseminar heute geht es um das Verständnis von Medizin und Patient abhängig vom Kulturkreis. "Je verunsicherter Sie sind, desto geeigneter sind Sie dafür, einen Flüchtling zum Arzt zu begleiten", sagt Wilm. "Denn diese Situation erfordert, dass Sie alles, was sie im Medizinstudium als gesichert gelernt haben, über Bord werfen."

Was in Deutschland als krank gilt, mag im Irak noch als gesund gewertet werden. Eine Krankheit, gegen die hierzulande eine Pille verschrieben wird, könnte in anderen Ländern durch Säfte kuriert werden. Die Beschreibung von Schmerz kann je nach Sprache völlig anders ausfallen. "Wenn Sie mit Flüchtlingen arbeiten, müssen Sie das Erklärungsmodell des Patienten über die Krankheit herausfinden", sagt Melanie Böckmann vom Centre for Health and Society an der Universität Düsseldorf. Mit anderen Worten: Ein guter Mediziner ist gedanklich Arzt und Patient zugleich - gerade wenn er Menschen aus anderen Kulturen behandelt. 

Manchen im Raum fällt diese Empathie leichter als anderen. Der 23-Jährige Wassim Daly beispielsweise stammt selbst aus Tunesien. Er sitzt heute hier, weil es seine Art ist, sich gegen ungerechte Regierungssysteme aufzulehnen, wie sie in der Türkei, im Libanon oder auch in Pakistan herrschen. "Ich lege damit von Deutschland aus ein Veto ein, auf meine Art, indem ich die Flüchtlinge unterstütze", sagt er. Deshalb übersetzt er nicht nur bei Arztterminen, sondern auch für Traumatisierte in einer psychosozialen Einrichtung. 

Auch Ärzte sind nur Patienten

Dann lädt Böckmann die Studenten ein, selbst die Perspektive zu wechseln. "Besprechen Sie in der Gruppe eine Situation, in der Sie zum Arzt gegangen sind und sich missverstanden oder ungerecht behandelt gefühlt haben", sagt Wilm. "Woran hat es gelegen? Was hätte der Arzt anders machen können?". Eigentlich sind für die Übung zehn Minuten angesetzt. Aber das Thema wühlt so auf, dass es gut doppelt so lange braucht, bis die Ergebnisse besprochen werden können. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, frustriert aus einer Arztpraxis zu gehen. Manche haben es mehrfach erlebt. Der wichtigste Punkt auf der Kritikliste: Ärzte tun Symptome oft als Lappalie ab. Außerdem erklären sie den Patienten ihre Situation nicht ausreichend. Und einige Studenten haben den Eindruck, man habe sie ohne Grund übertherapiert. 

"Sie merken, man kann sich nicht nur sprachlich missverstehen. Die Probleme zwischen Arzt und Patient können auch ganz andere Hintergründe haben", sagt Böckmann. Diese herauszufinden brauche allerdings Zeit. Zeit, die kaum ein Arzt im Praxisalltag hat. Wie es eben auch viele deutsche Patienten erfahren müssten. 

Den Arbeitsalltag per Gedankenspiel erleichtern

Auch Wilm, der selbst als niedergelassener Arzt Flüchtlinge behandelt, kann nur zustimmen. Das Beispiel von Mutter Nasrin und Sohn Arian stammt aus seiner Praxis. "Es ist nicht selten, dass Flüchtlinge zu uns kommen, und wir müssen erst einmal klären, aus welchem Land sie stammen und wie wir am besten mit ihnen umgehen". Inzwischen ist Wilm darin geübt, deswegen will er den Studenten sein Wissen mit auf den Weg geben.

Keiner im Raum weiß, dass Paschto eine Eigenbezeichnung für die Sprache Afghanisch ist. Einen Übersetzer hat man in der Regel nicht, der Junge müsste diesen Job also übernehmen. Doch ist es in Afghanistan in Ordnung, wenn der Sohn mit zur Behandlung der Mutter geht? Versteht die Mutter, wenn die Arzthelferin ihren Blutdruck messen will? Wie spricht man mit afghanischen Patienten über Krankheiten: gerade heraus oder muss man etwas beachten?

Empathisch und handlungsfähig zugleich sein

Mit jeder Frage entdecken die Studenten ein andere Facette des interkulturellen Praxisalltags - und beginnen ihre persönliche Suche nach Antworten. "Es ist unheimlich wichtig, dass Sie sich solche Fragen schon vorher stellen", sagt Wilm. "Denn nur so werden Sie irgendwann in der Lage sein, handlungsfähig zu bleiben, obwohl sie sich gleichzeitig immer wieder in die Lage Ihres Patienten versetzen müssen."

Zuletzt hinterfragt Wilm, warum die Studenten an dem Wahlfach teilnehmen. Ist es wirklich die pure Freude am Helfen? Oder doch die Sehnsucht nach Anerkennung? Vielleicht auch das Gefühl, man hätte die Pflicht, das zu tun? "Das war für mich besonders spannend", sagt die 23-jährige Alina Kypke. "Wenn man merkt, dass es darauf doch keine so einfache Antwort gibt."

Nach 90 Minuten sind alle verändert. Konkrete Handlungsvorschläge haben sie zwar nicht bekommen, "aber das Hinterfragen der eigenen Person als Arzt und als Patient zugleich hat mir neue Sichtweisen ermöglicht", sagt die 27-Jährige Juliane Okarna unter dem Nicken der anderen in der Feedbackrunde.

Neue Sichtweisen, die die 15 Teilnehmer am Ende zu besseren Ärzten machen könnten – egal, um welche Patienten es sich handelt. 

Wer sich in der medizinischen Flüchtlingshilfe als Übersetzer einsetzen oder das Wahlfach im Sommersemester belegen will, findet hier alle wichtigen Informationen und Ansprechpartner. 

(ham)
 
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