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Düsseldorf: Thomas Geisel im Gespräch
Wie schwäbisch darf ein Oberbürgermeister sein?

Düsseldorf: Thomas Geisel im Gespräch : Wie schwäbisch darf ein Oberbürgermeister sein?
Thomas Geisel empfindet es nicht als „sonderlich bedrohlich“, als Schwabe im Rheinland als OB-Kandidat anzutreten. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Am Telefon ist er gleich zu verstehen, der Spätzle-Dialekt kommt nicht breit daher. Aber wenn am anderen Ende der Leitung ein Schwabe sitzt, dann kann es sein, dass Thomas Geisel gleich in sein Heimatidiom verfällt. "Da sind die Situationen, wo man nicht nachdenkt, sondern gleich losschwätzt." Schwätzen heißt es, nicht babbeln, denn das tun ja nur die Hessen. Also ein Schwabe im Rheinland mit dem Griff nach dem OB-Sessel. Von Denisa Richters und Uwe-Jens Ruhnau

Hat er da selbst eine Risikoabwägung angestellt, als die Aufgabe auf ihn zukam? "Nein, ich empfinde die Konstellation nicht als sonderlich bedrohlich", versichert der 49-Jährige, "Düsseldorf ist eine weltoffene Stadt, 80 Prozent der Bevölkerung sind ja gar nicht hier geboren." Sein Vater jedoch, 82 Jahre alt, habe ihm seine Skepsis mitgeteilt, dass es nämlich ein Schwabe im Rheinland nicht so leicht haben könnte. Schließlich ist er dort ja ein "Rein-gschmeckter", wie man in Schwaben so sagt.

Eine Sorge, die Düsseldorfs SPD-Parteichef Andreas Rimkus mit hohem rhetorischen Aufwand zerstreuen möchte. Er bemüht da sogar den verstorbenen CDU-OB Joachim Erwin. Der sei ja auch Anwalt und Marathonläufer und anderswo gebürtig gewesen, nämlich in Thüringen. Rimkus' Argumente beweisen, dass sich die Wahlkämpfer intensiv auf den Schwaben-Faktor eingestellt haben. Er zitiert zusätzlich das Vereinslied der Düsseldorfer Jonges mit der Zeile "Da wo ich minn Heimat fong, als ne Düsseldorfer Jong", die eben zeige, dass man Heimat finden könne und nicht nur von Geburt haben müsse. Wahlkampf-Philosophie, die im Satz mündet: "Thomas Geisel ist kein Import." Da schwingt die Erinnerung an die Niederlage von Geisels Vorvorgängerin Gudrun Hock mit, die gegen Erwin den Kürzeren zog.

Geisel selbst sieht die Sache sehr gelassen, vertraut auf das Urteilsvermögen der Düsseldorfer und verweist darauf, dass es zwischen Schwaben und Rheinländern ja eigentlich keine Antipathie gebe. "Zwischen Köln und Düsseldorf oder Baden und Württemberg ist die Konkurrenz viel größer. Manche finden es sicher auch gut, dass jemand unvorbelastet von außen kommt." Tatsächlich spielt die Herkunft des Herausforderers in der Strategie der CDU keine wesentliche Rolle. "Wir diskriminieren keinen, nur weil er aus Schwaben kommt", sagt Parteichef Klaus-Heiner Lehne. "Die Leute werden das merken und ihre eigenen Schlüsse ziehen. Dass Herrn Geisel das Schwäbische das kommunalpolitische Geschäft nicht erleichtert, liegt allerdings auf der Hand. Mancher Ur-Düsseldorfer dürfte da etwas fremdeln."

Sich den Akzent abzugewöhnen, hat Geisel nie ernsthaft versucht. Dabei gibt es solche Trainings für Manager. Doch im Konzern – der fünffache Vater war zuletzt Manager bei Eon-Ruhrgas – habe er ohnehin meist Englisch gesprochen. Das beherrscht er perfekt und akzentfrei. "Und das ist in einer internationalen Stadt wie Düsseldorf sicherlich wichtiger."
Für Gisela Piltz, Chefin der Düsseldorfer FDP, ist die Frage der Herkunft eines OB "in einer so toleranten Stadt kein Thema". Sie selbst ist gebürtige Kölnerin, aber seit mehr als 40 Jahren in Düsseldorf sozialisiert. Auch die politische Mitbewerberin Mona Neubaur weiß um die Toleranz der Landeshauptstadt: "Kann eine Bayerin seit sechs Jahren die Düsseldorfer Grünen führen und auch noch für den Bundestag kandidieren?", fragt sie und schiebt bayerisch nach: "Freilich!"

Fan der rheinischen Gelassenheit

Seine schwäbische Heimat sieht Geisel durchaus kritisch, hadert mit dem "Pietkong", wie Herbert Wehner die pietätisch-protestantische, ja manchmal spaßfreie und lustfeindliche Mentalität genannt hat. Oder positiv formuliert: "Ned schwätze, schaffe", sagt Geisel und lacht. Den Fleiß könnte sich mancher Rheinländer dann doch vom Schwaben abschauen. Aber umgekehrt gibt es weit mehr: "Offener zu sein, auch mal einen Fehler zu verzeihen, die Seele baumeln zu lassen – das können die Rheinländer." Seine Seele lässt er am liebsten am Ufer des Rheins baumeln. "Der Rheinufertunnel ist das genialste Bauwerk dieser Stadt."

Vielleicht ist es dieses Hadern mit der Heimat, das Schwaben in die Ferne treibt. Oft geballt. Immerhin kriegt Düsseldorf mit Breuninger nicht nur ein schwäbisches Kaufhaus, mit der "Sansibar"-Dependance auch schwäbische Gastronomie aus Sylt und einen von Schwaben gestalteten Weihnachtsmarkt. "Die Schwaben sind eben neugierige Menschen", sagt Geisel, und viele kehrten später dann doch wieder in die Heimat zurück. Für ihn selbst ist das nicht mehr vorstellbar. Mit 19 Jahren hatte er "genug vom Landleben auf der Ostalb", zog in die Welt, erst Freiburg, später in die Vereinigten Staaten, und kehrte nicht mehr zurück.
Seine Heimat ist seit zehn Jahren die Landeshauptstadt, wo er mit seiner zweiten Frau Vera und vier seiner fünf Töchter lebt. Hier laden sie regelmäßig zu politischen Salons, auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gehörte schon zu den Gästen. Es gilt auch deshalb als sicher, dass sie bei der Auswahl des Kandidaten stärker beteiligt war als von SPD-Parteichef Rimkus gerne dargestellt.

2014 will Geisel das Rathaus seiner neuen Heimat erobern – und wäre dort auch nicht der erste Schwabe an der Spitze: Karl Arnold (CDU), Oberbürgermeister von Düsseldorf, später Ministerpräsident von NRW, kam aus Herrlishöfen. "Das ist ja sogar Oberschwaben!", sagt Geisel.

Wie sich der Kandidat im Düsseldorf-Quiz und im Platt Test geschlagen hat, lesen Sie hier
 

(ila)
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