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Interview mit Sanda Grätz
"Wir brauchen eine Frauenquote"

Interview mit Sanda Grätz: "Wir brauchen eine Frauenquote"
Sanda Grätz ist in Rumänien geboren und aufgewachsen. Im Herbst 1972 kam sie nach Deutschland und studierte Elektrotechnik in Bochum. In ihrem Fach war sie unter den Kommilitonen die einzige Frau. 1979 war Grätz die erste ElektrotechnikAbsolventin in der Geschichte der Ruhr-Universität Bochum. FOTO: Anne orthen
Düsseldorf. Für die Gleichstellungsbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität begann mit dem neuen Jahr der Ruhestand. Ein Rückblick auf elf Jahre Engagement für Frauen.

Frau Grätz, die Universität hat trotz aller Bemühungen nur 20 Prozent Professorinnen. Sind Veränderungen in der Wissenschaft besonders mühsam?

Grätz Veränderungen sind an Hochschulen vielleicht besonders zäh, das liegt wohl an den verschiedenen Berufskulturen: Man kann Mediziner schlecht mit Philosophen vergleichen. Aber immerhin hat sich die Zahl der Professorinnen in meiner Amtszeit, also in den letzten elf Jahren, auf 20,1 Prozent verdoppelt. Zufrieden stellen kann mich das nicht, deshalb brauchen wir eine Frauenquote.

Sie sind 2004 als Gleichstellungsbeauftragte angetreten, wie hat sich das Klima an der Uni seither verändert?

Grätz Zu Beginn meiner Amtszeit war es noch keineswegs üblich, in alle Gremien eingeladen zu werden, man hat mich gern "vergessen". Dabei waren die Rechte der Gleichstellungsbeauftragten ja per Gesetz definiert, bis dahin hatte sich nur niemand daran gehalten. Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit, meine Stellvertreterinnen und ich sind in allen Berufungskommissionen und allen anderen Gremien der Hochschule.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften einer Gleichstellungsbeauftragten?

Grätz Geduld und Beharrlichkeit. Es kann aber nicht schaden, dies mit einem Lächeln zu kombinieren.

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis: Frauen beflügeln die Wissenschaft. In Fächern, die männlich dominiert sind wie Physik, veröffentlichen sie mehr als ihre Kollegen, außerdem erweitern sie das Forschungsspektrum, weil sie sich eigene Nischen suchen. Nutzt man hier das Potenzial junger Frauen?

Grätz Gerade in den Fächern mit wenigen Frauen ist auch an unserer Uni Nochholbedarf. Allerdings bin ich mir sicher, dass die Wenigen, die dabei sind, gefördert werden. Ich war oft in den Berufungskommissionen der Physik und Mathematik, da wurden immer die passenden Kandidatinnen zum Gespräch eingeladen.

Bis zur Promotion läuft alles bestens an der Uni, 65 Prozent der Absolventen und knapp 50 Prozent der Doktoranden sind junge Frauen. Aber dann kommt der Karriereknick. Woran liegt das?

Grätz An unserer Uni ist in den letzten Jahren viel für die Vereinbarkeit von Beruf/Studium und Familie getan worden, das kann also heutzutage kaum noch der Grund sein. Aber wenn man bedenkt, dass eine Professur ja oft auf 30 Jahre angelegt ist, liegt es nahe, dass der Wandlungsprozess nicht von heute auf morgen funktioniert.

Seit einem Jahr steht an der Spitze der Universität Rektorin Anja Steinbeck. Was hat sich seitdem verändert?

Grätz Sie wird anders wahrgenommen, die Rektoratssitzungen sind im Gegensatz zu früher, wo sie oft bis in die Nacht dauerten, kürzer und das kommt den Mitgliedern des Rektorats, die Kinder haben, sehr entgegen.

Frauen scheinen oft selbst an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, welche Möglichkeiten gibt es, sie zu stärken?

Grätz Etwa mit unserem Selma-Meyer-Mentoring-Programm, das zu den größten und besten in der Bundesrepublik zählt - und auf das ich sehr stolz bin. Wir haben dieses Programm, das zurzeit 130 junge Wissenschaftlerinnen fördert, sehr stark differenziert und auf die unterschiedlichen Karriereschritte in den verschiedenen Fächern zugeschnitten.

Sie haben immer für eine Frauenquote plädiert, nun hat sich die Universität kurz vor Weihnachten dazu durchgerungen. Was wird sich dadurch verändern?

Grätz Die Anzahl der Professorinnen soll in den nächsten fünf Jahren nach einem gestaffelten System steigen. Sie richtet sich immer nach der Quote der jeweils niedrigeren akademischen Stufe. Heißt: Wenn 30 Prozent der Promotionen von Frauen erreicht werden, dann sollen in fünf Jahren 30 Prozent aller Professorenstellen von Frauen besetzt sein. Außerdem sollen die einzelnen Fächer künftig geeignete Kandidatinnen aktiv zu einer Bewerbung ermuntern. Aber ehrlich gesagt wäre mir eine feste Quote, die vom Ministerium vorgegeben würde, lieber gewesen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft koppelt ihre Fördermittel daran, wie familienfreundlich eine Hochschule ist. Wie steht's damit in Düsseldorf?

Grätz Unsere Universität wurde bereits dreifach als "familiengerechte Hochschule" ausgezeichnet. Auf meine Initiative hin haben wir 2006 ein Familienberatungsbüro eingerichtet, das stark genutzt wird. Mittlerweile sind auf dem Campus mehrere Kitas mit über 250 Plätzen. Leider immer noch nicht genug, das Rektorat hat eine weitere Million Euro für den Bau einer neuen Kita zur Verfügung gestellt.

Über Ihrem Schreibtisch hängt ein Plakat, das für die sogenannte Väterzeit wirbt. Ein Erfolgsmodell?

Grätz Ja, immer mehr Väter an der Uni nehmen Elternzeit, auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert dies.

Sie selbst haben Ende der 1970er Jahre als erste Frau an der Ruhr-Universität Bochum Elektrotechnik und Informationstechnik studiert und waren die erste Diplom-Ingenieurin. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Grätz Da ich die Einzige war, konnte ich mich nicht beklagen, ich hatte eine sehr gute Studienzeit, da ich unter den Jungs kaum auffiel und als Frau eigentlich gar nicht wahrgenommen wurde. Als Ehemalige unterhalte ich mich immer mit den Studentinnen von heute, es hat sich nicht viel geändert, denn es studieren leider immer noch zu wenige Frauen die technischen Fächer.

Welchen Rat geben Sie jungen Frauen?

Grätz Nicht aufgeben, sich weiter qualifizieren. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist machbar!

Zum Jahreswechsel begann für Sie ein neuer Lebensabschnitt. Wird die Frauenförderung dabei noch eine Rolle spielen?

Grätz Aber ja, ich bin Mitglied im Gleichstellungsausschuss des Rates der Stadt Wuppertal und in verschiedenen politischen Gremien, die sich mit dem Thema befassen, zurzeit besonders mit der Novellierung des Landesgleichstellungsgesetzes. Da bleibt noch viel zu tun.

UTE RASCH FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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