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Düsseldorf
"Wir müssen für den Frieden kämpfen"

Düsseldorf: "Wir müssen für den Frieden kämpfen"
Josef Schnitzler in seinem Heim in der Kolpingsiedlung. Dort hat er seine Biografie "Die Zeit meines Lebens mit Höhen und Tiefen" aufgeschrieben. FOTO: A. Bretz
Düsseldorf. Als Soldat geriet Josef Schnitzler 1944 in den Kessel von Mons und die Kriegsgefangenschaft. Über sein Leben hat er ein Buch verfasst. Von Jörg Janssen

Glück hat Josef Schnitzler im Krieg gleich mehrfach gehabt. Dass er bis heute ein erfülltes Leben führt, verdankt er aber nicht nur der Tatsache, dass ihn Granaten um ein paar Meter verfehlten. "Einige Zeit, nachdem ich eingezogen worden war, wollte ich mich freiwillig für ein Kommando auf der von den Russen eingeschlossenen Krim melden", berichtet der heute 93-jährige Vennhauser. Eine Freundin hatte damals an seinen Ehrgeiz appelliert. "Sie sagte: Du bist immer noch in der Etappe, hast noch kein Eisen im Kreuz", erinnert sich Schnitzler. Doch sein Hauptmann ("ein feiner Mann") war schlauer als die Freundin. Er schrie dem jungen Soldaten ins Gesicht "Kommt nicht in Frage. Raus hier" und bewahrte ihn so vor einem Einsatz, der ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gekostet hätte.

Gefährlich blieb es für den jungen Düsseldorfer trotzdem. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie geriet er während des Rückzugs der Wehrmacht in den Kessel von Mons in Belgien. Drei Tage dauerte der Kampf, über den Monate später auch das US-Magazin "Life" berichtete. "Nicht einmal beten konnte ich, dafür war kein Raum in meinem Kopf", erinnert sich der gläubige Katholik, dessen Vater ihn am liebsten gar nicht erst im Jungvolk und der Hitlerjugend angemeldet hätte. "Aber wie alle in meinem Alter wollte ich nicht abseits stehen", sagt der später selbstständige Bürotechniker.

Diese Karte schickte der junge Kriegsgefangene am 19. März 1946 nach Düsseldorf. "Auch wir wollen ein neues Leben beginnen", schreibt er. FOTO: Jörg Janßen

1944 geriet Schnitzler in englische und amerikanische Kriegsgefangenschaft, arbeitete unter anderem in sengender Hitze an der Seite von Afroamerikanern auf den Baumwollplantagen in Louisiana und lernte in dieser Zeit besonders die Fairness und den Gerechtigkeitssinn der Amerikaner und Briten schätzen. Zwei seiner Brüder waren russische Kriegsgefangene. "Dort herrschten ganz andere Verhältnisse", sagt er.

Was ihn, den jungen Mann Anfang 20, in den drei Jahren bewegte, dokumentiert eine Karte, die er im März 1946 an seine Eltern und Geschwister in Golzheim richtete. "Ich erinnere mich an die Namenstage, als ich klein war. ... Ich bekam von Mutter, was das Herz begehrte. Es waren wirklich Tage des Glücks. Und heute? Niemand weiß, was mit uns geschehen wird. Wir brauchen die Heimat! Der Frühling kehrt ein. Neues Leben erwächst in der Natur. Auch wir wollen ein neues Leben beginnen, sobald wir Gelegenheit haben."

Die Gelegenheit sollte sich Josef Schnitzler bieten. Im November 1947 kehrte er zurück. "Ich drückte kurz meine Mutter, schmiss meinen Seesack in den Flur und rannte als erstes zum Rhein, der mir so sehr am Herzen lag", erinnert er sich. Vier Jahre später lernte der Heimkehrer beim Tanzen im Lokal Wolters am Stadion seine Frau kennen. "Die Limo, die 70 Pfennige kostete, konnte er mir nicht ausgeben, so wenig Geld hatten wir damals, aber verliebt habe ich mich trotzdem", sagt Irmgard Schnitzler und kann heute über die doch so andere Nachkriegszeit schmunzeln.

Seit 65 Jahren sind die beiden, die vier Kinder, zehn Enkel und vier Urenkel haben, ein Paar. 1959 kauften sie für rund 50.000 Mark das Haus in Vennhausen, in dem sie bis heute leben. "Das lief über die Kolpingfamilie, zu der ich gehörte, und es war unser Glück", sagt der Senior, der besonders die Gartenarbeit schätzt. Zuvor hatte das Ehepaar sieben Jahre auf ein eigenes Heim warten müssen, in dieser Zeit mit den beiden ersten Kindern bei ihren Eltern gewohnt. "Das können sich viele heute gar nicht mehr vorstellen", sagt das Paar, das vor wenigen Wochen auf der anderen Rheinseite seine Eiserne Hochzeit feierte.

Aufgeschrieben hat der 93-Jährige das und noch viel mehr aus seinen neun Lebensjahrzehnten in einer gut 200 Seiten starken Autobiografie, die er in einem ersten Schritt erst einmal Verwandten und Freunden zugänglich gemacht hat. Die Zeit als Soldat umfasst nur wenige Kapitel. Die sind ihm aber wichtig. Mit Sätzen wie dem des AfD-Politikers Alexander Gauland, die Deutschen hätten das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen, kann er "absolut nichts anfangen". Wichtiger ist ihm eine ganz andere Botschaft: "Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, dafür müssen wir kämpfen - in allen Generationen."

Quelle: RP
 
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