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Wirbel um internes Papier
"Jeder sexuelle Übergriff im Schwimmbad ist einer zu viel"

Wirbel um internes Papier: "Jeder sexuelle Übergriff im Schwimmbad ist einer zu viel"
Wie sicher sind unsere Schwimmbäder? FOTO: dpa, hei lre Ken kde
Düsseldorf. In NRW hat die Polizei seit Jahresanfang 103 Strafanzeigen wegen Sexualdelikten in Badeanstalten aufgenommen. Bei 44 davon waren die Beschuldigten Zuwanderer. Diese Zahlen nannte das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD). Die Bädergesellschaften warnen aber vor Panikmache. Von J. Kuschnik, T. Reisener, U.-J. Ruhnau und E. Senf

"Die Vorwürfe reichen von Beleidigungen über exhibitionistische Handlungen bis zur Nötigung und Vergewaltigung", sagte ein LZPD-Sprecher. Den Anteil der Anzeigen mit Zuwanderer-Bezug nannte er "überproportional". Auch ein internes Papier der Düsseldorfer Polizei hat am Montag für Wirbel gesorgt. Wie die "Bild"-Zeitung berichtete, gehe aus einer internen E-Mail des Kriminalkommissariats 12 hervor, dass es "einen enormen Anstieg" bei Sexualdelikten zu verzeichnen gebe.

Angezeigt würden vor allem junge Männer, darunter viele Migranten, die vor allem in Gruppen aufträten und grapschten oder drängelten. Deshalb erhielten Streifenpolizisten Verhaltenstipps, um Beweise besser sichern zu können. Es sei wichtig, Verdächtige in den Bädern zu fotografieren und wichtige Daten wie Telefonnummern und Aufenthaltsorte zu dokumentieren. Die in dem Papier festgehaltenen Erfahrungen der Polizei beziehen sich allerdings nicht nur auf Vorfälle in Bädern, sondern beinhalten die Silvester-Übergriffe, bei denen in mehreren Städten zum Jahreswechsel Frauen ausgeraubt und sexuell bedrängt worden waren, betonte ein Polizeisprecher.

"Delikte unterschiedlicher Schwere"

2014 gab es laut Polizei in Düsseldorfer Bädern sieben Verdachtsfälle, 2015 waren es 17 und in diesem Jahr bislang acht; insgesamt also 32 Fälle in zweieinhalb Jahren. Brisant in dem Papier ist vor allem die Beschreibung der Täter. Laut der Düsseldorfer Polizei haben die ermittelten Tatverdächtigen "zu einem großen Anteil" einen Migrationshintergrund. Der Begriff Sexualstraftaten umfasst aber eine Vielzahl von Delikten von unterschiedlicher Schwere. So erging Anzeige gegen einen 16-Jährigen, der zwei Mädchen (elf und zwölf) beobachtete und ihnen hinterherlief. Andere Taten sind zum Beispiel das Filmen oder Fotografieren unter Wasser oder in der Umkleide.

In Düsseldorf stand ein 20-jähriger Syrer vor Gericht, weil er eine 14-Jährige festgehalten und auf den Oberarm geküsst hatte. Aber es gibt auch Fälle von deutschen Tätern, die zwei Mädchen unter Wasser unsittlich berührt haben, bewusst in die Damendusche hineingelaufen sind oder sich in der Schwimmhalle nackt gezeigt und sexuelle Handlungen an sich vorgenommen haben.

Eine Sprecherin der Düsseldorfer Bädergesellschaft erklärt, ihr seien aktuell keine Fälle von sexueller Belästigung oder Vergewaltigung bekannt. In der Hausordnung für die Düsseldorfer hieße es deutlich: "Unsere Badegäste dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen. Sie dürfen ferner nichts unternehmen, was der Sicherheit, Ruhe und Ordnung schadet. Sexuelle Belästigungen, z. B. durch anzügliche Gesten, Äußerungen und körperliche Annäherungen sind nicht erlaubt." Ein tatsächliches Problem sei jedoch, dass Flüchtlinge oft nur unzureichend schwimmen können, heißt es in einer Pressemitteilung weiter.

Auch in Köln sei die Situation nicht dramatisch, so Bädersprecher Achim Fischer. "Es gibt natürlich Fälle, die uns nicht gemeldet werden, in denen die Betroffenen direkt zur Polizei gehen. Wir arbeiten inzwischen aber eng mit dieser zusammen, da ist in den vergangenen Monaten nichts bei uns eingegangen."

"Keine Vergleichszahlen"

Die Stadt Bornheim bei Bonn hatte Mitte Januar männlichen Flüchtlingen den Zugang zum Hallenbad verboten, weil sich Besucherinnen und Angestellte über sexuelle Belästigungen durch Männer aus einer nahegelegenen Asylbewerberunterkunft beschwert hatten. Der Sozialdezernent besuchte das Heim persönlich und klärte über das richtige Verhalten im Schwimmbad auf. Nach fünf Tagen wurde das Verbot wieder aufgehoben, Vorfälle habe es seitdem nicht gegeben, sagte ein Stadtsprecher gestern: "Unsere Maßnahmen haben wohl gewirkt."

Vergleichszahlen aus dem Vorjahr existieren in NRW nicht. "Das Schlagwort ,Zuwanderer' wurde erst zu Jahresanfang in unserer Statistik eingepflegt", so der Sprecher. Offenbar als Reaktion auf die Vorgänge in der Kölner Silvesternacht, in der Hunderte Frauen von überwiegend nordafrikanischen Männern bestohlen, sexuell belästigt und vergewaltigt wurden. Damals war NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) dem Vorwurf ausgesetzt, er habe die Herkunft der Täter zunächst verschweigen wollen. Monika Düker, flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, sagte: "Jeder sexuelle Übergriff in unseren Schwimmbädern ist einer zu viel. Bei den vorliegenden Zahlen allerdings von einem ,enormen Anstieg' oder gar ,Sex-Mob' zu sprechen, wird dem Ausmaß der Übergriffe nicht gerecht." Der LZPD-Sprecher warnte auch davor, die Zahl der 103 Strafanzeigen falsch zu interpretieren: "Das sind zunächst mal nur Anzeigen. Wir wissen nicht, was dahinter steckt." Gerade im Bereich der Sexualdelikte würden Strafanzeigen später oft wieder zurückgezogen, "zum Beispiel weil es dann doch einvernehmlicher war, als zunächst behauptet", so der Sprecher.

Joachim Heuser, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, erklärt, dass einige Fälle relativ harmlos seien, etwa wenn jemand "drei Sekunden zu lange auf einen Bikini schaut oder in die falsche Umkleidekabine geht, weil er das Wort ,Damen' nicht lesen kann". Innenminister Jäger sagte: "Wenn es zu sexueller Belästigung oder gar schlimmen Übergriffen kommt, sollen sie sofort die Polizei rufen und Anzeige stellen. Hier darf nicht verharmlost werden."

Einen Kommentar zu dem Thema lesen Sie hier: "Nicht jeder Blick ist auch ein Übergriff"

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