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Wo bitte geht es hier zur Szene?

Heimatreport: Wo bitte geht es hier zur Szene?
Die letzte echte Szenigkeit von Flingern: das Künstleratelier "Verrückte Liebe" an der Ackerstraße. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Unser Autor hat sich in Flingern rund um die Ackerstraße nach Szenigem umgesehen und bei seiner Suche viel Kopfschütteln geerntet. Von Frank Lorentz

Plup" ist der Name eines Ladens an der Ackerstraße, eine Abkürzung für "Planet Upcycling". In dem Laden kann man unter anderem Designobjekte kaufen, hergestellt aus weggeworfenen oder ausrangierten Materialien. Zum Beispiel Notizbücher zum Preis von 25 Euro, deren Deckel aus rechteckig zugeschnittenen Vinylschallplatten bestehen. Beim Stöbern entdeckte ich eine Scheibe von Depeche Mode, denen ein solches Upcycling zum Vorteil gereicht, aber auch eine von Johnny Cash - eine Schöpfung dieses musikalischen Übervaters in einen Notizbuchdeckel zu verwandeln, mag materielles Upcycling sein, aus ethisch-moralischer Sicht ist es Downcycling bis in den untersten Höllenkreis. Okay, dachte ich. Das hier müsste einer dieser Läden sein, die alle Welt veranlassen, Flingern für "szenig" zu halten und in den höchsten Tönen von Flingern zu schwärmen. Wie ich im Folgenden darlegen werde, ist Flingern, zumal die Ackerstraße - der zentrale Versammlungsort der angeblichen Szene -, in Wahrheit jedoch höchstens mal szenig gewesen.

Mein erster Besuch in der Ackerstraße galt einem Künstleratelier. Angelockt von dem Schild "Verrückte Liebe" über einer Toreinfahrt spazierte ich in einen Hinterhof, an dessen Ende die knallbunt bemalte Mercedes-E-Klasse des Künstlers C. E. Bourget parkte, der aber nicht da war. Dafür war sein Nachbar da, Martin Pletowski, ebenfalls Künstler. Er stand, mit dem Rücken zur offenen Eingangstür seines Ateliers, vor einer Leinwand. Ich: "Guten Tag, wo bitteschön ist hier die Szene, von der alle reden?" Pletowski drehte sich um, kam ein paar Schritte auf mich zu und sagte, hm, er wisse nicht so genau, was mit dem Ausdruck gemeint sei. Vielleicht, dass es in Flingern früher mal bezahlbaren Wohnraum und günstige Ateliers gegeben habe. Er zuckte mit den Achseln, lächelte und resümierte: "Das war's schon."

Ich gab mich im weiteren Verlauf meiner Recherche als Tourist aus, dem Freunde ans Herz gelegt hatten, bei meinem Düsseldorfbesuch unbedingt Flingern zu besuchen, weil das so szenig sei. Das war noch nicht mal gelogen, denn Tourist und Journalist ist ja fast das Gleiche: Beide streunen in Gefilden herum, von denen sie meist wenig Ahnung haben, bilden sich ruckzuck eine Meinung, und dann fahren sie heim und gucken Tatort.

Ich spazierte also ahnungs- und vorbehaltlos durch die Ackerstraße und fragte Passanten, wo denn die berühmte Szene zu finden sei. Ein Mann in den Sechzigern antwortete, das Wort "szenig" sage ihm nichts. "Für mich ist das alles normal hier." Eine Frau von Mitte sechzig riet mir, ich solle es in der Innenstadt versuchen, dort gäbe es viel zu sehen. Ehe man mir vorhält, ich hätte nur nicht-szeniges Volk befragt: Ich bin auch im Café Rekord gewesen, das viele gängigen Merkmale eines Szene-Cafés (Retrolook usw.) aufweist. Einer der Gäste, ein junger Typ mit szenigem Siebentagebart, sagte mit verlegenem Lächeln, das mit der Szene in Flingern sei "alles etwas übertrieben. Das ist nicht Berlin hier".

Ich bin ein Anhänger der Parallelwelttheorie. Jeder, finde ich, lebt in einer Art Parallelwelt. Je länger meine spontane nicht-repräsentative Studie zur Ermittlung des Wahrheitsgehalts gängiger Zuschreibungen von Stadtteileigenschaften dauerte, umso intensiver fragte ich mich: Aber in welcher Parallelwelt leben die, die behaupten, Flingern sei szenig? Die Etikettierung hält keiner empirischen Überprüfung stand. Das ist eine Mogelpackung, Hokuspokus, lauter Zirkus mit Worten.

Es stimmt ja, dass in Flingern das Paul-Janes-Stadion zu finden ist, die historische Spielstätte von Fortuna Düsseldorf. Es stimmt auch, dass Flingern mal ein Arbeiterwohnquartier war. Und es ist richtig, dass es hier Boutiquen mit süßen Namen wie "privat" oder "Glückskauf" gibt sowie Lokale, die nicht "Zum Goldenen Bock" heißen, sondern "485°" und modische Slogans an den Fenstern kleben haben wie "Konsequent. Nachhaltig. Die Pizza". Aber szenig? Alle, die ich mit dem Wort konfrontierte, schüttelten den Kopf, manche so, als wäre es ihnen peinlich, mit etwas Szenigem in Verbindung gebracht zu werden. Alle, außer der Verwaltungsmitarbeiterin der Anne-Frank-Realschule, die ich betreten hatte, weil ich dachte, wenn es einen Ort gibt, an dem ich eine seriöse, nicht von Marketing-Behauptungen überschminkte Antwort kriegen könnte, dann eine Schule. "Ja", sagte sie, "Flingern ist szenig. Wegen der Künstler hier."

Schlagartig begriff ich - und lief zurück in den "Verrückte Liebe"-Hinterhof, wo die Tür zum Atelier von Martin Pletowski immer noch offenstand. Er saß in einer Ecke und las Zeitung. Dann blickte er auf und sah mich an. Ich sagte: "Ich weiß jetzt, wo die Szene ist. Die Szene, das sind Sie." Er vertiefte sich wieder in die Zeitung, dann legte er sie weg und sprach: "Szene - oder Auflösung von Szene." Früher hätte es in Flingern viele Künstler gegeben. Heute dagegen gebe es vor allem "teure Boutiquen und Restaurants", die alle rufen: "Wir sind die Szene!" Dabei seien die das gar nicht. "Wenn ein Viertel szenig heißt, dann ist die Szene meistens weg."

Flingeraner, schützt eure Künstler, wenn euch eure Szenehaftigkeit lieb ist und ihr verhindern wollt, dass die letzten Künstler von der Ackerstraße die "Verrückte Liebe" vom Schild streichen und "Konsequent. Nachhaltig. Die Kunst" hinpinseln. Was mich betrifft, so wollte ich zu guter Letzt ein Restaurant testen. Es hieß "Beansandbacon" und lag in einem Hinterhof. Ich war der einzige Gast. Es gab nur einen Tisch, er war voller Krempel. Die Stühle sahen aus wie für den Sperrmüll. Durch ein offenstehendes Fenster sah ich einen Mann vor einem Bildschirm hocken. Ich erkannte, dass ich auf einen szenigen Firmennamen reingefallen war, fragte aber sicherheitshalber ins Fenster hinein: "Guten Tag, ist das ein Restaurant hier?" Der Mann, ohne mich anzusehen: "Das ist mein Büro!" Ich: "Was arbeiten Sie denn so?" Er wurde leicht ungehalten, sagte irgendwas mit Bewegtbild und Video und rief schließlich: "Zieh bitte beim Rausgehen die Gittertür hinter dir zu, die steht aus Versehen offen." Ich haute sofort ab. Nicht dass mir der Mann noch eine Szene machte.

Quelle: RP
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