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Serie Düsseldorfer Geschichte(n)
Wo die Liebe hinfällt

Serie Düsseldorfer Geschichte(n): Wo die Liebe hinfällt
Paul und Helen Allison haben an Spieltagen ihre Routinen - dazu gehört auch ein Besuch ihrer Stammkneipe Schnuff II in Stockum. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Aus England reisen Paul und Helen Allison fast jedes zweite Wochenende nach Düsseldorf, um Fortuna spielen zu sehen. Von Jan Wiefels

Es gibt viele Wege, Fan einer Fußballmannschaft zu werden. Einigen Menschen wurde die Wahl in ihrer Jugend von ihren Vätern abgenommen. Andere haben als Kind eine Entscheidung getroffen, die sich wahlweise am besten Freund, der Trikotfarbe oder der Nähe zum Wohnort orientierte. Für Paul (42) und Helen Allison (40) trifft keiner dieser Punkte zu. Sie leben im südenglischen Brighton und haben als Erwachsene beschlossen, Fortuna Düsseldorf zu unterstützen - ein Verein, der in einem anderen Land beheimatet ist, dessen Historie und Gesänge sie nicht kannten und der auch kein Smalltalk-Thema bei ihren Arbeitskollegen ist. 2007 kauften sie sich erstmals eine Dauerkarte und fahren seitdem zu fast allen Heim- sowie einigen Auswärtsspielen. Auf durchschnittlich 22 Partien kommen sie pro Jahr. Dafür reisen sie am Spieltag-Wochenende rund 1000 Kilometer.

Warum tun sie sich das an? Die Antwort auf diese Frage hat viel mit der Suche nach Wahrhaftigkeit und Romantik in einem Sport zu tun, der sich zu einem Milliarden-Geschäft entwickelt hat. Paul und Helen Allison gehören zu einer Gruppe von Fußballfans, die mit den Vereinen in England nicht mehr viel anfangen können. Viele Klubs sind im Besitz von ausländischen Investoren. In der Premier League, der ersten Fußballliga Englands, stieg der Gesamtumsatz (ohne Transfererlöse) laut der "Annual Review of Football Finance" der Beratungsgesellschaft Deloitte zuletzt auf 4,87 Milliarden Euro. Selbst ein durchschnittliches Team wie der FC Southampton, der in der vergangenen Saison Achter wurde, hat einen Marktwert von 250 Millionen Euro - mehr als das 15-fache von Fortuna Düsseldorf. Dieser Unterschied setzt sich bei den Ticketpreisen fort: Die günstigste Dauerkarte beim FC Arsenal beispielsweise kostete diese Saison 970 Euro. Bei Fortuna konnten Nicht-Mitglieder dieses Jahr ein Saisonticket ab 195 Euro bekommen. Dementsprechend anders setzt sich das Publikum in den Stadien diesseits und jenseits des Ärmelkanals zusammen.

Es war aber weit mehr als eine nüchterne Kostenkalkulation, die Paul und Helen Allison nach Düsseldorf brachte. Mitte der 2000er begannen sie, sich in Europa nach Alternativen umzuschauen. Paul hatte 1998 erstmals bei einer Tour zur Weltmeisterschaft in Frankreich Reisen und Fußball miteinander verbunden und Gefallen daran gefunden. Deutschland mochten beide. Am Anfang stand eine rationale Abwägung: Von ihrer Heimat in Südengland waren drei Städte mit Profi-Vereinen in der Bundesrepublik per Flugzeug oder Bahn gut zu erreichen: München, Hannover und eben Düsseldorf. Über die NRW-Landeshauptstadt wussten beide zu diesem Zeitpunkt kaum etwas. Nur als Standort des Flughafens und als Schauplatz einer britischen TV-Serie aus den 80er Jahren war ihnen die Stadt ein Begriff. Die erste Recherche ergab direkt einen Pluspunkt für die NRW-Landeshauptstadt. "Ich habe damals gesehen, dass Düsseldorf auch ,die längste Theke der Welt' genannt wird", sagt Paul. Der zweite Sympathiepunkt kam hinzu, als er bei einem Probe-Besuch in Düsseldorf ("viel gutes Bier und freundliche Leute") am Flughafen ein Fortuna-Trikot entdeckte. Er fragte die Verkäuferin nach dem Grund für das große Totenkopf-Logo auf dem Jersey und hörte, dass eine bekannte Punkband namens Die Toten Hosen das Sponsoring übernommen habe. Paul Allison erinnerte dies an seine ursprüngliche Heimat in Schottland. Dort warb die Band Wet Wet Wet ("Love is all around") in den frühen 90er Jahren auf den Trikots eines Fußballsvereins der Kleinstadt Clydebank nahe Glasgow. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war für beide klar: Wir kommen wieder.

Schnell wurden die Besuche in Düsseldorf regelmäßig. Auf das erste Spiel im Februar 2005 beim KFC Uerdingen folgte zwei Jahre später die erste Dauerkarte. Mit der Zeit lernten sie die Gesänge und knüpften Kontakte zu anderen Fans. Sie erlebten mit, wie Fortuna von der Regional- in die erste Liga auf- und wieder in die zweite Liga abstieg. Sie feierten Siege und ärgerten sich über Niederlagen - ein ganz normales Fanleben, bloß eben in einem anderen Land.

Beide zahlen nicht nur einen finanziellen Preis dafür, Fortuna im Stadion zu sehen. Auf klassische Urlaube verzichten sie größtenteils. Stattdessen nutzen sie ab und an die Zeit, die sich zwischen zwei Spielen bietet, um in Deutschland ein paar Tage auszuspannen. Zum Beispiel an der Mosel. Zuletzt gönnten sie sich ausnahmsweise eine zweiwöchige Reise nach Kanada. Ohne Flexibilität in ihren Jobs wäre all das nicht möglich. Paul arbeitet für ein internationales Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen und kann auch auf Reisen am Laptop arbeiten. Helen ist für eine Rentenanstalt tätig und hat Bürozeiten von Montag bis Donnerstag.

Über die Jahre haben beide Routinen entwickelt, die zu jedem Heimspieltag dazu gehören. Sie übernachten in einem Hotel in Mörsenbroich. Vor dem Spiel geht es immer in ihre Stammkneipe, den Brauereiausschank Schnuff II am Sandweg. Ihre Plätze im Stadion sind auf der Südtribüne im Block 150. Auch ein Besuch in der Stadtmitte oder Altstadt ist obligatorisch. Sie sind dann zum Beispiel im Schumacher an der Oststraße oder im Knoten an der Kurze Straße. Die rheinländische Mentalität und die Vielfalt an besonderem Bier sind zwei Aspekte, die sie an Düsseldorf schätzen.

Angesichts der Entwicklungen in England hat die Zahl der Briten zugenommen, die regelmäßig Spiele in deutschen Stadien besuchen. In NRW nimmt Borussia Dortmund unter anderem aufgrund seines Stadions und der internationalen Erfolge der zurückliegenden Jahre eine herausragende Position ein. Der BVB hat sogar einen eigenen Fanclub auf der Insel. Einen britischen Fortuna-Fanclub gibt es bislang nicht, dafür aber eine andere beständige Verbindung. Seit 2006 besuchen sich Anhänger des englischen Zweitligisten Ipswich Town Football Club und von Fortuna gegenseitig. Vom 12. bis 14. Januar reist wieder eine Düsseldorfer Gruppe mit rund 100 Fans in zwei Bussen zum Spiel Ipswich gegen Leeds United nach England. Im März geht es zudem zu einem Auswärtsspiel von Ipswich gegen Sheffield Wednesday.

Fortuna-Fan Ulli Münsterberg, der die Reisen nach England organisiert, hat beobachtet, dass der deutsche Fußball bei englischen Fans in den vergangenen Jahren an Ansehen gewonnen hat. "In England hat ein gewisser Tourismus eingesetzt, weil viele Fans meinen, dass die Stimmung in deutschen Stadien besser ist", sagt er. Ein Eindruck, den er durch eigene Stadion-Besuche bestätigt sieht. So habe er bei einer Partie von Aston Villa erlebt, dass mit Lautsprecher-Beschallung versucht wurde, Atmosphäre zu erzeugen. Auch niedrigere Ticketpreise, die Existenz von Stehplätzen und die Tatsache, dass man Bier mit auf die Ränge nehmen kann, seien Gründe, weshalb Fortuna und andere deutsche Vereine für Engländer eine interessante Alternative geworden sind. Wie groß die Zahl der Anhänger ist, die für Fortuna regelmäßig aus Großbritannien anreisen, kann Münsterberg nicht einschätzen. Fakt sei jedoch: Paul und Helen Allison sind bei weitem nicht die einzigen.

Ein Problem ist in Deutschland wie in England gleich: Spielansetzungen für den Montagabend sind unbeliebt. Zur Begegnung gegen Dresden können Paul und Helen dieses Mal nicht kommen. "Bei Montagsspielen am Ende des Jahres ist es schwierig, Urlaub zu bekommen", sagt Paul. Dafür sind sie gegen Nürnberg am 11. Dezember wieder dabei.

Quelle: RP
 
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