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Gastbeitrag Burkhard Hintzsche
Womit Düsseldorf 2030 punkten kann

Gastbeitrag Burkhard Hintzsche: Womit Düsseldorf 2030 punkten kann
FOTO: Andreas Bretz
  • Burkhard Hintzsche (52) ist Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaftler.

Die Landeshauptstadt ist ein attraktiver Standort. Bürgerinnen und Bürger, Besucherinnen und Besucher sowie Unternehmen aus dem In- und Ausland schätzen ihre Vielfalt. Düsseldorf ist ein Hotspot im Zugang zu den regionalen und internationalen Märkten und für ausländische Direktinvestitionen. Die Stadt, Unternehmen, Gastronomie, Hotels, Handwerk, Gewerbe und Dienstleistungen profitieren von dieser Entwicklung. Öffentliche und private Bildungsangebote bieten hervorragende Rahmenbedingungen, um den künftigen Fachkräftebedarf zu decken. Sie sind wichtige Basics, damit sich Unternehmen auch zukünftig für den Standort Düsseldorf entscheiden. Spitzenplätze in nationalen und internationalen Rankings sind Auszeichnungen für richtige Weichenstellungen in der Vergangenheit, weisen aber auch auf künftige Fallhöhen hin. Denn Attraktivität - äußere und innere - ist keine Selbstverständlichkeit, sie unterliegt dem Wandel und muss gestaltet werden.

Düsseldorf wird weiter wachsen, vermutlich stärker als bislang prognostiziert. Bis zum Jahr 2030 rechnen die amtlichen Statistiker mit einem Anstieg der Bevölkerung von heute 635.704 Einwohnern auf 659.299 Einwohner. 45 Prozent des Wachstums entfällt auf die Altersgruppe der unter 25-Jährigen. Auch die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, der Alleinerziehenden und der älteren Menschen steigt. Die - ohne die Stadtstaaten - nach der Bevölkerungszahl viertgrößte Stadt (!) Deutschlands ist im Konzert der Großstädte ein Scheinriese. Auf lediglich 217 Quadratkilometer nicht vermehrbarer Fläche müssen Bevölkerungswachstum und zum Teil konkurrierende Nutzungsansprüche in Einklang gebracht werden - ohne an Attraktivität einzubüßen. Die Trennung bis hin zur Abschottung der Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit korrespondiert jedenfalls weder mit den faktischen Möglichkeiten einer wachsenden Großstadt wie Düsseldorf, noch dem urbanen Lebensgefühl seiner Menschen, das sich durch Nähe und Freiheit auszeichnet. Wer in Düsseldorf wohnt und arbeitet, schätzt die kurzen Wege zur Arbeit, zu den Bildungs-, Freizeit-, Sport- und Kulturangeboten. Maßvolle Verdichtung und intelligente Flächenbewirtschaftung, wie die Mehrfachnutzung von Räumen und Gebäuden, sind für die Prospektivität Düsseldorfs unverzichtbar. Alles andere bedeutet Stillstand.

Die Landeshauptstadt muss dauerhaft attraktiv sein für Einheimische, Zuwanderinnen und Zuwanderer und Expats. Das ist eine wichtige Basis, damit privates Geld hier und nicht anderswo investiert wird. Die öffentliche Hand muss als Treiber für private Investitionsentscheidungen ihr - auch finanzielles - Engagement insbesondere in den Bereichen Kita, Schule, Freizeit und Wohnen verstetigen, um den Kurs vorzugeben oder das vorherrschende Tempo zu beschleunigen. Im Jahr 2015 war in einer Verwaltungsvorlage aus meiner Feder zu lesen, dass mit dem bisherigen Tempo der weitere Ausbau des W-Lans an Schulen rund 45 Jahre in Anspruch nehmen würde. Was augenzwinkernd aufrütteln sollte, wurde von einigen als humorlose Zielvorgabe fehlinterpretiert. Bei der Benennung von Zukunftsthemen ist also Vorsicht geboten, von Ironie ist abzuraten. Tatsache ist: 2018 wird der W-Lan-Ausbau an Schulen abgeschlossen sein und wir können endlich einen Medienentwicklungsplan für alle Schulen auflegen. Düsseldorf kann im Wettbewerb um die besten Köpfe seine Vorrangstellung festigen und ausbauen, wenn es gelingt, mit Bildungs- und Freizeitangeboten zu punkten, auf den demographischen Wandel zu reagieren und den Zusammenhalt zu stärken - und das auch auf kleinem Raum.

Stichwort Bildungsinfrastruktur: Von 2015 bis 2020 werden allein 700 Mio. € für den Neubau und die Erweiterung von Schulen fließen, um steigende Schülerzahlen in den jeweiligen Schulformen beschulen zu können. Hinzu kommen Investitionen für die Umstellung der gymnasialen Laufbahn auf G9. Insgesamt ist es nicht nur das größte Schulbauprogramm in der Geschichte der Landeshauptstadt, auch über alle städtischen Investitionen hinweg wird in den nächsten Jahren, also über 2020 hinaus, jeder zweite Euro, den wir investieren, in den Bildungsbereich fließen. Die neuen Schulbaurichtlinien der Landeshauptstadt gehen nicht mehr von den klassischen Raumprogrammen aus, sondern von Clusterlösungen und Raumzuschnitten mit Mehrfachnutzungen. Wir müssen also insgesamt mehr Flächen für die Bildung in Anspruch nehmen, aber innovative Raum- und Lernkonzepte erlauben es, dabei weniger Fläche am einzelnen Baukörper als im klassischen Schulbau zu verbrauchen. Mit dem öffentlichen Schulbau setzen wir deutschlandweit Maßstäbe. Aber wir sehen auch, dass sich private Bildungsanbieter in Düsseldorf niederlassen oder ihre Angebote hier konzentrieren, weil sie hier einen zukunftsfähigen Markt sehen. Sie sind herzlich willkommen.

Stichwort Sportinfrastruktur: Über die Investitionen in Bildung schaffen wir auch mehr als 20 zusätzliche Sport-Hallenkapazitäten, die nach dem Schulunterricht dem Vereinssport zur Verfügung stehen. Wir brauchen mehr Kooperationen von Sportvereinen, um Sportflächen besser auszulasten. Mehrheitlich treiben die Düsseldorfer allerdings abseits der Vereine Sport, sozusagen im öffentlichen Raum. Neue Angebote wie "Sport im Park", "Multifunktionale Sportflächen für jeden Stadtbezirk" oder "Laufen unter Flutlicht" verbreitern das Sportangebot, verringern die Flächeninanspruchnahme und berücksichtigen die individuellen zeitlichen Möglichkeiten, Sport zu treiben. In den nächsten Jahren werden die städtischen Bäder in Flingern, Oberkassel, Benrath und Unterrath durch Neubauten ersetzt. Die städtischen Bäder werden nicht nur nach modernen Maßstäben für das Bäderpublikum weiter entwickelt und verbessert, sondern es findet auch eine Konzentration der Flächen statt.

Stichwort Leben im Alter: Die geburtenstarken Jahrgänge um das Geburtsjahr 1965 werden im Jahr 2030 zu einem Anstieg in der Altersklasse "65 bis unter 80 Jahre" um 6,2 Prozent (plus 5300 Personen) führen. Auch die Zahl der über 80-Jährigen nimmt mit 17,6 Prozent (plus 6000 Personen) überproportional zu. Sie alle wollen möglichst in der eigenen Wohnung und soweit wie möglich autonom leben. Dagegen nehmen die familiennahen Unterstützungspotenziale ab und weniger als fünf Prozent der Wohnungen sind alten- oder behindertengerecht. Wir brauchen also nicht nur mehr Wohnungen für eine wachsende Bevölkerung, sondern auch andere Wohnqualitäten.

Die Ausschreibung für das städtische Grundstück Merowinger Straße in Bilk ist beispielgebend auch für andere Quartiere. Inmitten eines lebendigen Sozialraumes entsteht hier eine Mischung aus vollstationärem Pflegeangebot, ambulant betreuten Wohngruppen und Wohnen für Auszubildende. Auch die Projekte "Wohnen für Hilfe" und der Tausch von zu großen oder nicht altersgerechter Wohnungen gegen eine bedarfsgerechte kleinere Wohnung werden von der Stadt und vielen Wohnungsunternehmen und -genossenschaften unterstützt. Dies schont nicht nur die Flächeninanspruchnahme, sondern fördert auch das Zusammenleben von Jung und Alt. Ältere Menschen, auch die, die auf Pflege angewiesen sind, gehören nicht an den Rand, sondern - auch örtlich gesehen - in die Mitte unserer Gesellschaft.

Stichwort Zusammenhalt: Düsseldorf vereint auf einer vergleichsweise kleinen Fläche die unterschiedlichsten Stadtteile und Quartiere, deren strukturelle Brüche oft innerhalb von 1000 Metern sichtbar werden. Und die Düsseldorfer identifizieren sich stark mit ihrem Wohnumfeld, mit "ihrem Viertel". Deshalb wird es in Zukunft darauf ankommen, den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu stärken und die Individualität der Quartiere zu bewahren. Deshalb schaffen wir Kitas, die gleichzeitig als Familien- und Beratungszentrum dienen. Deshalb schaffen wir Bürgerbüros, die gleichzeitig Versammlungsstätten sein können. Deshalb vernetzen wir unsere Zentren Plus mit Jugendfreizeiteinrichtungen. Eben alles, was auch immer vor Ort Sinn macht, um Raumsynergien so kreativ und flexibel zu nutzen, dass sich die Lebensqualität der Anwohner erhöht.

Düsseldorf bleibt also in Bewegung - und das ist der beste Weg, dauerhaft attraktiv zu bleiben.

Quelle: RP
 
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