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Offizieller Besuch in Düsseldorf
Zehn Dinge, die Sie unbedingt über Tatarstan wissen sollten

Offizieller Besuch in Düsseldorf: Zehn Dinge, die Sie unbedingt über Tatarstan wissen sollten
Die Bronzeskulptur stellt Musa Cälil dar, einen tatarischen Dichter, der 1944 im Berliner Gefängnis Plötzensee exekutiert wurde. FOTO: Shutterstock
Düsseldorf. Am Mittwochmittag beehrt der Präsident der Republik Tatarstan Düsseldorf mit einem Besuch. Tatarstan? Ja, das gibt es wirklich. Die wichtigsten Fakten, um die Kollegen in der Kaffeepause zu beeindrucken. Von Helene Pawlitzki

Die Basics zuerst: Tatarstan ist eine Republik im russischen Föderationskreis Wolga. Republiken sind in Russland weitgehend autonom, gehören aber zur russischen Föderation. Der Präsident Tatarstans, Rustam Minnichanow, besucht am Mittwoch das Düsseldorfer Rathaus und wird sich ins Goldene Buch der Stadt einschreiben.

Blick über die Hauptstadt Kasan. FOTO: Shutterstock
  1. Das Wichtigste zuerst: Sauce Tartare kommt nicht aus Tatarstan. Und Tatar-Steak auch nicht. Das kulinarische Lexikon "Gourmet-Handbuch" behauptet, die Angst vor dem Reitervolk der Tataren, das in Europa viel kaputt gemacht habe, hätte dazu geführt, dass "in allen europäischen Sprachen die erinnerte Angst das Wort zu (…) Tartar verwirrte und immer Zerhacktes, Zersäbeltes, Zermustertes assoziierte".
    Deswegen heißen eine Sauce, die aus gehackten Eiern, Zwiebeln, Kapern und Schnittlauch besteht, und ein Hacksteak heute nach den Tataren. Und etwas mit Brotkrümeln überbackenes heißt in der gehobenen Küche "à la tatare".
    Kann gut sein, dass sich die europäischen Köche so geirrt haben. In der Geschichtswissenschaft gelten heute die Tataren allerdings als erste Opfer der Mongolen unter Dschingis Khan. Sie wurden von diesem Reitervolk einfach verschluckt und hatten dann vielleicht gar keine Wahl, als Europa mit zu zerhacken.
  2. "Tatar" schreibt man mit einem "r" – nicht mit zwei.
    Dass es manchmal auch Tartar statt Tatar heißt, hat vermutlich damit zu tun, dass die Römer beim Anblick der einfallenden Hunnen dachten, diese kämen direkt aus der Hölle – griechisch: Tartaros. Und für die West-Europäer sahen offenbar alle Menschen aus dem Osten ziemlich gleich aus – Hunnen, Mongolen, egal. Also hießen alle kriegerischen Reitervölker mit den asiatischen Gesichtszügen als nächstes: Tartaren.
  3. Tatarstan ist das Bayern Russlands.
    Sagen jedenfalls Auslandshandelsexperten. Und meinen dabei vor allem zwei Dinge: Tatarstans Wirtschaftskraft, die im Vergleich mit anderen russischen Regionen ziemlich groß ist. Und sein leichtes Bürsten gegen den Strich des föderalen Mainstreams – "mia san mia" halt.
    Tatarstans Reichtum kommt daher, dass das Land auf reichen Ölverkommen sitzt. Außerdem ist es wirtschaftlich sehr gut vernetzt. In Russland läuft so eine Art Wettbewerb, welche Region (trotz Sanktionen) die meisten Auslandsinvestitionen sammeln kann. Und Tatarstan ist darin allen Rankings zufolge sehr, sehr gut. Experten nennen besonders die exzellente Infrastruktur in der Sonderwirtschaftszone als wichtigen Faktor. Dort zahlen ausländische Unternehmen so gut wie keine Steuern. Außerdem ist der tatarische Präsident sehr gut im Pflegen von Kontakten. Was man ja auch daran sehen kann, dass er persönlich nach Düsseldorf kommt.
    Was die Autonomie angeht: Im Föderationsvertrag mit Moskau 1994 konnte sich Tatarstan Sonderrechte sichern. Und auch heute bewegen sich die Tataren manchmal jenseits der offiziellen Linie – zum Beispiel in ihren Beziehungen zur Türkei.
  4. Russland und Tatarstan sind sich nicht ganz grün.
    Denn die Tataren wären schon lieber unabhängig – wie sie es bis Mitte des 16. Jahrhunderts waren, als Iwan der Schreckliche einfiel und das Khanat Kasan, wie es damals noch hieß, Russland einverleibte.
    Immerhin hat es Tatarstan geschafft, sich im Gegensatz zu vielen anderen Republiken und Regionen ein bisschen Autonomie zu bewahren – eine Freiheit, die durch seine Wirtschaftskraft abgesichert ist. Trotzdem: Die engen Beziehungen Tatarstans zur Türkei gefielen Wladimir Putin wegen der Sache mit dem Kampfjet neulich gar nicht. Moskau hat es Türken seitdem sehr schwer gemacht, nach Russland zu reisen oder im Land Geschäfte zu treiben. Wie die Financial Times im Februar berichtete, will sich die Kasaner Regierung damit aber nicht unbedingt abfinden
  5. Tatarstan macht gern Geschäfte mit Ausländern.
    Die Türken sind ein wichtiger Wirtschaftspartner. Auch weil Türkisch und Tatarisch sprachverwandt und beide Länder muslimisch geprägt sind. Aber auch mit deutschen Regionen wie beispielsweise Thüringen strebt Tatarstan eine Kooperation an. Im April war Ministerpräsident Bodo Ramelow in Kasan.
    Diese Kooperationen mit dem Ausland zahlen sich aus. Während das russische Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr wegen der Wirtschaftssanktionen um knapp vier Prozent sank, blieb das tatarische gleich. Allerdings machen sich auch die Tataren sorgen, denn durch den politischen Streit mit der Türkei nach dem Abschuss eines russischen Jets brechen auch ihre Wirtschaftsbeziehungen zusammen. Kein Wunder also, dass der tatarische Präsident sich auf die Reise macht, um neue Kooperationen anzuleiern.
  6. Mehr als die Hälfte der Bewohner des Landes sind ethnische Tataren, die meisten von ihnen Muslime.
    Das Volk der Tataren geht zurück auf die Goldene Horde, ein mongolisches Großreich, das sich im Mittelalter von Osteuropa bis Westsibirien erstreckte. Im 14. Jahrhundert islamisierte sich dieses Reich. Nach seinem Zerfall entstand 1437 das Khanat Kasan als Vorläufer des heutigen Tatarstans.
    54 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Tataren, der Rest Russen oder Angehörige ethnischer Minderheiten. Und fast alle Tataren sind Muslime – trotz hartnäckiger und jahrhundertelanger Christianisierungsversuche durch die russisch-orthodoxe Kirche. In der Hauptstadt stehen christliche Kirchen und Moscheen einträchtig nebeneinander – Tatarstan gilt als Musterland des christlich-islamischen Miteinanders. Die riesige Kol-Sharif-Moschee im Zentrum sieht ungefähr so aus wie eine muslimische Version des Disney-Schlosses. In Kasan soll die erste gedruckte Version des Koran entstanden sein. "Der Koran wurde in der arabischen Welt offenbart, in Ägypten gelesen, in Istanbul abgeschrieben und in Kasan gedruckt", sagte der Kasaner Großmufti Kamil Samigullin dem Magazin "Christ und Welt" 2013
    Amtsprachen in Tatarstan sind übrigens Russisch und Tatarisch. Letzteres ist so eng mit dem Türkischen verwandt, dass Türken und Tataren sich in der Regel relativ gut verstehen können und die Sprache oft auch statt "Tatarisch" "tatarisches Türkisch" genannt wird.
  7. Tatarstan ist Fußball-WM-Austragungsort.
    2018 soll im Stadion der Hauptstadt Kasan um den Pokal gezockt werden. 2015 fand dort bereits die Schwimm-Weltmeisterschaft statt.
  8. Die Uni in der Hauptstadt Kasan hat einige berühmte Alumni.
    Die Kasaner Föderale Universität besuchten unter anderem Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin und Schriftsteller Lew Tolstoi. Im 19. Jahrhundert unterrichteten übrigens viele deutsche Professoren dort.
  9. In Kazan steht das Denkmal eines tatarischen Dichters, der 1944 in Berlin von den Nazis ermordet wurde.
    Die Bronzeskulptur steht am Eingang des Kremls in der Hauptstadt Tatarstans. Sie stellt Musa Cälil dar, einen tatarischen Dichter, der 1944 im Berliner Gefängnis Plötzensee exekutiert wurde.
    Als Offizier der Roten Armee war er 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Die Deutschen setzen ihn in einer Wehrmachts-Einheit ein, in der Tataren gegen Russen kämpften. Doch Cälil wurde bei Sabotage-Akten ertappt. Während seiner Haft in Berlin-Moabit schrieb er Gedichte, die als "Moabiter Hefte" in die Literaturgeschichte eingingen.
  10. Der Präsident Tatarstans ist erfolgreicher Motorsportler.
    Rustam Minichanow hat mehrere Marathon-Rallyes gewonnen. Seit er 2010 Präsident wurde, lässt er es aber offenbar etwas ruhiger angehen. Vorher war der Wirtschaftsexperte Finanzminister des Landes. Er gilt unter Experten als die treibende Kraft des tatarischen Wirtschaftswunders, weil er besonders gut darin sei, vor Ort Wirtschaftsbeziehungen zu knüpfen.
(hpaw)
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