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Düsseldorf
Zeitung von heute ist Pappe von morgen

Düsseldorf: Zeitung von heute ist Pappe von morgen
Geschäftsführer Matthias Gerstung im Rohstofflager der Papierfabrik. 1900 Tonnen gepresstes Altpapier lagern dort unter freiem Himmel. FOTO: Bernd Schaller
Düsseldorf. Industrie im Wohngebiet: Mitten in Bilk wird aus 350 Tonnen Altpapier täglich der Rohstoff für Kartons, Küchenrollen und sogar Möbel. Vor mehr als 120 Jahren lag die Papierfabrik noch am Stadtrand, dann wuchs die Stadt um sie herum. Von Oliver Burwig

Durch die Schluchten zwischen den fünf Meter hohen Türmen aus Altpapier huscht eine einsame Ratte. Niederlassen kann sich das Nagetier nicht, denn in wenigen Tagen sieht die Landschaft auf dem Hof der Bilker Papierfabrik schon wieder ganz anders aus. Jeden Monat verarbeitet die Fabrik 9000 Tonnen Altpapierbündel zu Papier, aus dem später die Innenrollen für Küchen- und Toilettenpapier und sogar Schrankteile werden. Was viele Anwohner im Stadtteil nur als Ursache für unangenehmen Geruch kennen, ist aus Sicht des Unternehmens ein Beispiel für effiziente und nachhaltige Produktion bei einem Minimum an Umweltbelastungen.

In der Halle an der Fruchtstraße arbeiten rund um die Uhr zwei 60 Meter lange Papiermaschinen, an deren einem Ende mit Wasser versetztes Altpapier hinein und am anderen Ende fertiges Papier hinaus kommt. Dort wickelt es sich auf Rollen, die dann fast sieben Tonnen wiegen und die eine Schneidemaschine in transportable Scheiben zerteilt. Alles wird angetrieben von einem Kraftwerk, das nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kupplung aus Dampf Energie macht.

So hoch der Wirkungsgrad all dieser Maschinen auch sein mag, ein unmittelbarer und unangenehmer Nebeneffekt bleibt: der Geruch. Der rangiert in Teilen der Halle irgendwo zwischen muffigen Abflüssen und Schwefel und darf daher an maximal 15 Prozent der Produktionsstunden nach außen dringen - in diesem Jahr lag der Wert bei etwa acht Prozent. "Am Geruch sind wir immer dran", sagt Geschäftsführer Matthias Gerstung. Altpapierverwertung ohne Geruchsbelastung sei schlichtweg unmöglich. Der Geruch entstehe durch die Zersetzung der Stärke im Altpapier durch Bakterien. Die Fabrik leite diese Gerüche keinesfalls auf die Straße, sondern durch Kamine in höhere Lagen. Der weithin sichtbare Backsteinschlot auf dem Gelände gehört allerdings zum Verbrennungskraftwerk, das der Fabrik im Falle eines Stromausfalls Energie liefern soll.

"Der Geruch ist ein komplexes Thema", gibt Gerstung zu, die 100 Mitarbeiter der Fabrik hätten sich allerdings "noch nie" beschwert. Auch die Beschwerden der Anwohner sollen über die Jahre abgenommen haben und sich mittlerweile im einstelligen Bereich bewegen. Mehrmals täglich umrundet ein Pförtner die Fabrik, prüft die Geruchsbelästigung an verschiedenen Punkten auch außerhalb des Geländes und nimmt die Daten auf. Gerstung will seine Fabrik nicht auf die - übrigens ungiftigen - Gerüche reduziert wissen: "Es ist doch eine tolle Sache: Wir machen aus Altpapier ein neues Produkt!" Er verweist auf die sehr geringe Lärmbelastung, die Geräusche aus der Fabrik werden zusätzlich durch das aufgestapelte Altpapierlager im Hof gedämpft.

Auch der Wasserhaushalt sei vorbildlich, nach der Modernisierung im Jahr 2003 weist die Papierfabrik einen nahezu geschlossenen Kreislauf auf. Das Wasser ist Kühlmittel, Dampf für die Turbine, Heizmedium für die Trockenwalzen und durchläuft die Produktionsstrecke viele Male. Obwohl das Altpapier in einem Verhältnis von 1:100 mit Wasser gemischt werden muss, verbraucht die Fabrik auf eine Tonne Neupapier nur zwei Tonnen Wasser.

Die Ursache für den Schädlingsbesuch im Außenlager sieht Gerstung im nachlässigen Recycling der Bürger: "Wie viele Leute werfen ihre Pizzaschachteln einfach zum Altpapier?" Auch Folien schauen aus den kubikmetergroßen Bündeln aus Werbe- und Tageszeitungen heraus. Um den Nager muss sich aber niemand kümmern: Wenige Augenblicke später schleicht sich auch noch eine Katze durch den Hof, womöglich auf Beutesuche.

Quelle: RP
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