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Anhänger und Aussteiger
Zeugen Jehovas – die Glaubensfrage

Anhänger und Aussteiger: Zeugen Jehovas – die Glaubensfrage
Marcel und Myriam Nau gehören den Zeugen Jehovas an. Hier missionieren sie auf dem Gertrudisplatz in Eller. FOTO: Chris Poltorak
Düsseldorf. In der Welt der Zeugen Jehovas scheint es nur Schwarz und Weiß zu geben, Befürworter und Gegner. Unsere Autorin Verena Kensbock hat mit beiden Seiten gesprochen: den Anhängern Marcel und Myriam Nau und dem Aussteiger Michael Spengler. Von Verena Kensbock

Einen Moment, in dem ihm alles klar wurde, gab es nicht. Es war mehr wie ein Puzzle, sagt Marcel Nau. Ein Baustein reihte sich nahtlos an den anderen und ergab irgendwann ein stimmiges Bild. Nach diesem Bild leben Marcel Nau und seine Frau Myriam heute. Sie glauben an die Lehre der Zeugen Jehovas, an die Werte der Bibel. "Die Bibel ist der zuverlässigste Ratgeber überhaupt", sagt Marcel Nau. "Dahinter muss jemand stecken, der aufrichtig an uns interessiert ist."

Darum hat das Düsseldorfer Paar sein Leben den Zeugen Jehovas gewidmet. Schon ihre Eltern waren Teil der Gemeinschaft, beide sind mit der Religion groß geworden. Und beide haben sich taufen lassen, als sie 14 Jahre alt waren. Die Kindstaufe gibt es bei den Zeugen Jehovas nicht. "Es ist kein blinder Glaube, den man übernimmt, weil die Eltern ihn haben", sagt Myriam Nau. "Man muss selbst feststellen, ob das etwas für einen ist." Gezweifelt habe sie nie, aber Zweifel seien auch das falsche Wort. "Geprüft", sagt Myriam. "Mein Glaube muss sich schließlich auf Beweise stützen."

Und ihr Beweis ist die Bibel. Fragen aus dem Bauch heraus beantworten kann Marcel Nau nicht. Er muss sich nichts selbst erklären, nichts mutmaßen oder einschätzen. Auf all seine Fragen findet er die richtigen Antworten in der Bibel, auf seinem Tablet. Die Zeugen Jehovas haben eine digitale Version ihrer Bibelübersetzung. Der 39-Jährige scrollt hoch und runter zwischen den heiligen Zeilen, klickt Querverweise an und öffnet Bibelstellen.

Tägliches Bibellesen

Täglich lesen sie die Bibel, zwei Mal wöchentlich treffen sie sich zu den Zusammenkünften in Oberkassel oder Lierenfeld. Sie machen in der Gemeinde Seelsorge, zusätzlich sind sie für die Missioniertätigkeit auf der Straße und an den Haustüren unterwegs. 20 bis 30 Stunden in der Woche, schätzt Marcel Nau, nimmt die Arbeit für die Zeugen Jehovas ein. Beide haben Halbtagsjobs, er bei einer Versicherung, sie bei der Stadtverwaltung. 2015 hat Marcel Nau seine Arbeitszeit reduziert, eine bewusste Entscheidung, ein persönliches Ziel. Denn zusätzlich hat sich das Paar verpflichtet, 70 Stunden im Monat als Pioniere für die Gemeinschaft zu arbeiten. Das sei freiwillig. Eine Karriereleiter innerhalb der Gemeinschaft gebe es nicht. Und selbst wenn Marcel und Myriam Nau in den Urlaub fahren, nehmen sie die Gemeinschaft mit. Sie liegen nicht nur am Strand oder wandern in den Bergen, sie gehen auch in den Gottesdienst.

Die Zeugen Jehovas nutzen die Neue-Welt-Übersetzung. Eine, wie sie sagen, ursprüngliche Version, die ein eigenes Übersetzungsbüro der Zeugen anfertigt. Die Geschichten und Lehren sollen möglichst einfach zu verstehen sein und sie nennen den Eigennamen Gottes, Jehova, an den Stellen, wo sonst Herr oder Gott steht. Die Bibel ist für Marcel und Myriam Nau nicht nur Ratgeber, sie ist ihr Lebensmittelpunkt. Immer wieder sprechen sie von den Wertmaßstäben in dem heiligen Buch, nach denen sie leben. Diese zu nennen fällt ihnen aber schwer - das sei zu viel, um es zusammenzufassen. "Ein intaktes Familienleben zum Beispiel", fällt Marcel Nau ein. "Und natürlich die zehn Gebote."

Auch der Verzicht auf Drogen gehöre dazu. "Natürlich haben wir nichts gegen Menschen, die Probleme hatten mit Alkohol oder Drogen, oder die im Gefängnis saßen." Davon gebe es sogar viele in der Gemeinschaft. Aber wer Zeuge Jehovas sein möchte, der muss seine Probleme ablegen. "Dann kann man sich entscheiden, ob man leben möchte." Erst nach gründlichem Bibelstudium sei man bereit für die Taufe und das Leben in der Gemeinschaft.

"Der Glaube gibt mir eine unglaublich tiefe Zufriedenheit", sagt Marcel Nau. "Ich habe ein tiefes Verhältnis zu Gott, zu meinem Schöpfer. Das möchte ich nicht aufs Spiel setzen." Darum investiert das Paar so viel Zeit ins Missionieren. Zurückweisung und Kritik stört sie nicht. Im Gegenteil - an den Trolleys und Haustüren führten sie nette Gespräche. Bei Einwänden, sagt Marcel Nau, hört er zu, fragt, was genau die Leute kritisieren. "Die Grundlage unseres Glaubens ist die Bibel, eine Kritik am Glauben ist also eine Kritik an der Bibel. Das nehme ich nicht persönlich." Doch was ist, wenn jemand gar nicht glaubt? "Jeder glaubt an irgendwas", sagt Myriam Nau. Deshalb ist das auch immer ihre erste Frage: Glauben Sie an Gott?

Michael Spengler war Zeuge Jehovas. Mit Mitte 20 löst er sich von der Gemeinschaft. Er engagiert sich im "Netzwerk Sektenausstieg". FOTO: Andreas Bretz

Michael Spengler kann viele Geschichten über die Zeugen Jehovas erzählen. Davon, wie er in einem Schwulenclub auf einen früheren Glaubensbruder traf, der sich bewusst mit HIV angesteckt hatte, um sich für seine Sünden zu bestrafen. Oder davon, wie sein Vater nur knapp eine Krebserkrankung überlebte, weil er sich nicht mit Blut behandeln ließ.

Der heute 49-jährige Wahl-Düsseldorfer war selbst Zeuge Jehovas. Bereits als Kind hatte Spengler schlechte Augen, war schon immer extrem kurzsichtig, "fast blind", wie er selbst sagt. Sein Vater findet nach einer langjährigen Alkoholsucht Zuflucht bei den Zeugen Jehovas - auch in der Hoffnung, dass sein Sohn Michael zur "Vollkommenheit geführt wird" und normal sehen kann. Mit dem Beitritt seines Vaters und dessen neuer Frau ist Michael aber nicht automatisch Zeuge. Er entschließt sich mit 16 Jahren dazu, sich taufen zu lassen. "Ich habe es damals wirklich geglaubt", sagt er heute. "Ich hatte aber auch nicht so viele Informationsmöglichkeiten."

Sieben Jahre lang verbringt er einen Großteil seiner Freizeit in den Zusammenkünften, nach der Schule trägt er die Botschaft der Zeugen Jehovas von Tür zu Tür. Mit 19 aber kommen ihm erste Zweifel. Wenn Michael Spengler heute von dieser Zeit spricht, fällt häufig das Wort "Scheinheiligkeit". Materialismus zu verpönen, aber einen Benz fahren - das kam ihm scheinheilig vor. Also beginnt er mehr und mehr, sich abzunabeln, sich mit Freunden zu treffen, heimlich in die Disco zu gehen. "Als Zeuge kann man sich nicht mit Kultur oder Sport beschäftigen, man kann nicht rebellieren, seine Sexualität nicht entwickeln, seine Pubertät nicht ausleben."

"Ich wollte nur mein eigenes Leben leben"

Seine Rebellion bleibt nicht ohne Folgen: Mit 23 bittet seine Stiefmutter ihn, auszuziehen. Was ihm erst wie eine große Ungerechtigkeit vorkommt, stellt sich später als wichtiger Schritt für seine Selbstständigkeit heraus. "Ich konnte mich endlich von der Gemeinschaft lösen." Offiziell ausgetreten ist er damals nicht, er ist einfach nicht mehr zu den Zusammenkünften gegangen - auch, um seinem Vater zu ersparen, dass er den Kontakt zu ihm abbrechen muss. Seine Glaubensbrüder und -schwestern versuchen nicht, ihn aufzuhalten. "Die meisten schien es gar nicht zu interessieren, dass ich mich abkapsele", sagt Michael Spengler. Nur ein befreundeter Zeuge kam noch eine Zeit lang vorbei, brachte ihm die Zeitschriften. Auch das ebbte bald ab. "Ich wollte nur mein eigenes Leben leben. Das System habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht hinterfragt, das kam erst viel später."

Vor sieben Jahren liest der Bankkaufmann einen Kommentar über die Zeugen Jehovas, die sexuelle Übergriffe auf Kinder toleriert haben sollen. Und er beginnt zu recherchieren, beschäftigt sich mit der Historie der Religionsgemeinschaft und schließt sich einem Forum für ehemalige Mitglieder an. Heute ist er selbst aktiv im Verein "Netzwerk Sektenausstieg".

Spengler kann reflektiert auf seine Zeit als Zeuge Jehovas zurückblicken, er erzählt von den guten und schlechten Seiten der Gemeinschaft. "Die Zeugen bieten auf das komplexe Leben einfache Antworten", sagt der 49-Jährige. Für ihn hat die anerkannte Religionsgemeinschaft dennoch sektenähnliche Züge. "Die Gemeinschaft kontrolliert das Verhalten, die Gedanken, die Emotionen und die Informationen, die man als Mitglied bekommt. Das sind eindeutige Merkmale einer Sekte." Vor allem die Beeinflussung von Kindern sieht er heute noch kritischer als zu seiner Zeit. "Die Kleinen lernen schon früh, zu predigen, und Andersgläubige für ihr Leben zu verurteilen." Auch höhere Bildung und eine Karriere seien verpönt, Überstunden materialistisch.

Das sei im Leben der meisten Zeugen Jehovas aber auch kaum möglich. Vor einigen Jahren habe die Religionsgemeinschaft das Vertreterprinzip zurückgefahren. Das neue System nennt sich "Metropolitan Public Witnessing". Das heißt, die Zeugen stehen mit ihren Trolleys, mit Büchern und Zeitschriften, an öffentlichen Orten und versuchen, die Passanten für ihren Glauben zu interessieren. Die Pioniere an den Wagen müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um auf der Straße missionieren zu dürfen - unter anderem ein ansprechendes Äußeres. "Darum sieht man so viele junge Menschen auf der Straße", sagt Spengler.

Quelle: RP
 
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