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Nach Angriff auf Helferin in Düsseldorf
Zivilcourage zeigen – und sich selbst schützen

Fotos: Zeugin nach Unfall mit Kind in Düsseldorf angegriffen
Fotos: Zeugin nach Unfall mit Kind in Düsseldorf angegriffen FOTO: Gerhard Berger
Düsseldorf. Sie wollte wahrscheinlich nur schlichten und liegt nun im Krankenhaus: Der Fall einer Zeugin, die nach einem Verkehrsunfall attackiert wurde, berührt Düsseldorf. Wann ist es sicher, in die Konfrontation zu gehen - und wie geht Deeskalation? Von Helene Pawlitzki

Die 49-Jährige hatte am Samstag einen Verkehrsunfall in Flingern beobachtet, bei dem ein Kind angefahren worden war. Als sie die aufgebrachten Angehörigen des Mädchens beruhigen und die Fahrerin in Schutz nehmen wollte, wurde sie von einem oder zwei Männern niedergeschlagen. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.

Tim Bärsch ist Trainer für Deeskalation, Gewaltprävention und Zivilcourage aus Essen. Er hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht.

Viele Menschen haben Angst vor Konfrontation – und das hindert sie dann daran, voller Zivilcourage einzugreifen, auch wenn sie eigentlich sehr anständige Menschen sind. Was ist aus Ihrer Sicht die Faustregel, nach der man entscheidet: Greife ich jetzt ein oder ergreife ich die Flucht?

Tim Bärsch Eine Kosten-Nutzen-Analyse ist immer eine gute Idee: Was kann ich hier gewinnen, was habe ich zu verlieren? Was stehen für Werte auf dem Spiel? Wenn jemand am Bahnsteig dreißig Zentimeter neben der Raucherzone an einer Zigarette zieht, fände ich es nicht sinnvoll, jemanden in barschem Ton darauf aufmerksam zu machen, dass er sich falsch verhält. Selbst wenn sich der Mensch dann woanders hinstellt, habe ich ja nicht viel gewonnen – aber die Gefahr der Eskalation ist natürlich trotzdem gegeben. Wenn es dagegen um die Gesundheit einer anderen Person geht, sollte man so schnell wie möglich reagieren.

Fälle von Gewalt gegen Einsatzkräfte 2016

Das Problem ist, dass man oft in solchen Situationen kaum Zeit zum Nachdenken hat oder die Lage schnell unübersichtlich wird.

Bärsch Wenn viele Leute beteiligt sind und der Stresspegel hoch ist, übernimmt oft unser Reptilienhirn. Unsere Urinstinkte kommen hoch, wir denken nur noch an Flucht oder Angriff. Dann ist es schwierig, die Situation zu kontrollieren. Schon sich selbst unter Kontrolle zu haben, ist extrem schwierig, geschweige denn eine Gruppe von Menschen.

Und dann?

Bärsch Einmal kurz durchatmen und damit den Stress ablegen. Schauen: Wen habe ich noch als Verbündeten in der Situation? Wen kann ich ansprechen? Immer wieder sind Leute überfordert. Sie würden gerne helfen, trauen sich aber nicht. Wenn man sie direkt anspricht, helfen sie oft bereitwillig.

Und dann gibt es natürlich dieses tolle Schlagwort "Deeskalation". Was steckt da eigentlich dahinter?

Bärsch Deeskalation fängt bei der Eigen-Deeskalation an. Wenn ich Stress habe, wirke ich aggressiver oder ängstlicher. Das erste ist also: Stressbewältigung, um seine Hirnregionen wieder so unter Kontrolle zu bringen, dass man wieder vernünftige Ideen hat. Meistens entsteht die erste Beleidigung oder ein zu scharfer Ton ja deshalb, weil ich mich schon vorher in die Situation hineingesteigert habe. Bevor ich den Menschen anspreche, der nicht im Raucherbereich raucht, stelle ich mir schon vor, dass er aggressiv reagieren wird. Das wird dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Das heißt, erst mal selbst beruhigen. Und dann?

Bärsch Es geht darum, dem anderen zu zeigen, dass es keinen Grund für Gewalt und Aggression gibt. Deswegen funktioniert Deeskalation vor allem zwischen Menschen, die keine gemeinsame Vorgeschichte haben.

Aber wenn ich in der Bahn oder auf der Straße angepöbelt werde, kenne ich mein Gegenüber ja meist nicht. Was für einen Grund kann derjenige denn haben?

Bärsch In der Regel gibt es drei Möglichkeiten. Der erste Grund ist: Der andere will etwas haben, was mir gehört. Deeskalierend wäre es dann, diese Sache dem anderen zu geben. Das ist nicht immer schön, aber vermutlich ist es besser, ohne Portemonnaie oder Handy nach Hause zu gehen, als ohne Portemonnaie oder Handy im Krankenhaus zu landen. Der zweite Grund: Manche Menschen tanken Energie daraus, andere Menschen zu verprügeln. Und wenn sie dann jemanden treffen, von dem sie glauben, ihn herumschubsen zu können, tun sie das auch. Dagegen hilft, am Selbstbild zu arbeiten und möglichst selbstbewusst zu wirken. Der dritte Grund ist meist Stolz oder Ehre. Wenn sich jemand auf die Füße getreten fühlt, weil er glaubt: Der andere hat das Sagen. Er tritt so auf, als stünde er in der Hierarchie über mir. Dem zeige ich's!

Da hilft dann natürlich wieder Eigen-Deeskalation, oder?

Bärsch Genau. Da gibt es keine Universalrezepte, aber Untersuchungen zeigen: Es ist fast immer sinnvoller, das Opfer aus der Situation herauszuholen, als die Täter von der Gewalt abbringen zu wollen.

Gelten für Frauen die gleichen Regeln wie für Männer, wenn es um Zivilcourage und Deeskalation geht?

Bärsch Im Prinzip ja. Ich habe schon zierliche Frauen um die 1,50 Meter kennengelernt, die die Situation viel besser beherrscht haben als Zwei-Meter-Männer. Und statistisch gesehen sind Männer sogar eher in Gefahr. Bei der Polizei zum Beispiel hat man mal geschaut: Welche Beamten werden am ehesten angegriffen? Antwort: Männliche Kollegen unter 30, die größer als 1,80 Meter sind. Früher in den 90er Jahren habe ich im Sicherheitsgewerbe gearbeitet. Damals setzte man noch starke, große Männer als Türsteher ein. Heute stehen die immer öfter in der zweiten Reihe, und vorne steht eine hübsche junge Frau. Einfach, weil man gemerkt hat: Dann kommt es seltener zu Schlägereien mit betrunkenen Gästen.

Und stellen Sie Unterschiede fest, was Menschen mit und ohne Migrationshintergrund angeht?

Bärsch Nein. Ich gebe häufig Trainings im Ruhrgebiet, und da gibt es in bestimmten Gegenden mehr oder weniger junge Männer mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Was die Aggressions-Bewältigung oder die Zivilcourage angeht, sehe ich aber keine Unterschiede. Der Comedian Kayar Yanar hat ja mal Franzosen und Araber verglichen und gesagt: Wenn sich Franzosen beleidigen, klingt das trotzdem wie ein Gedicht. Wenn sich Araber nur unterhalten, wie eine Kriegserklärung. Das stimmt schon auch. Auf der anderen Seite ist die Frage: Wie reagiert jemand auf eine gewalttätige Situation? Und das ist einfach eine Frage der Persönlichkeit. Ich beispielsweise werde in Stresssituationen total ruhig – und kriege dann anschließend weiche Knie. Andere Menschen klappen direkt zusammen. Da ist jeder anders.