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Düsseldorf
Zuhause ist an der Platte

Düsseldorf: Zuhause ist an der Platte
Sieben Mal ist Jochen Wollmert bei Paralympischen Spielen angetreten. Fast immer hat er Edelmetall geholt. Mehrmals die Woche trainiert er im Olympiastützpunkt Düsseldorf. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Zehn Medaillen hat Jochen Wollmert bei Paralympischen Spielen im Tischtennis gewonnen. Sechs davon sind golden. Ohne seinen Trainingsstützpunkt in Düsseldorf wäre er nie so weit gekommen, ist der gebürtige Wuppertaler überzeugt. Von Laura Ihme

Tennis, Fußball, Handball, Badminton - Jochen Wollmert hat in seiner Jugend viele Sportarten ausgetestet. "Keine hat mich aber so richtig gepackt", sagt er. Bis in der Tischtennis-Mannschaft eines Freundes noch Leute zum Mitspielen gesucht wurden. "Da bin ich einfach mitgekommen, habe Tischtennis ausprobiert und bin dabei geblieben." Damals war Wollmert 17 Jahre alt - zu alt für eine Karriere als Leistungssportler. Eigentlich. Tatsächlich ist der gebürtige Wuppertaler heute einer der Erfolgreichsten seiner Disziplin, hat Titel über Titel geholt und kann zehn Medaillen von Paralympischen Spielen sein Eigen nennen.

Der Familienvater hat ein Handicap, eine Versteifung der Hand- und Fußgelenke. Dass er sich Tischtennis als Sportart ausgesucht hat, ist deshalb eigentlich verwunderlich: "Ich kann keine richtige Rückhand spielen, sondern muss mich schnell mit meinem Körper drehen, um eine Rückhand anzunehmen. Das erschwert das Spiel für mich", sagt der 51-Jährige. Statt mit Kraft arbeitet er vor allem mit Technik und Taktik in seinem Spiel. Mit Erfolg: 1989 spielte er seine erste EM, 1990 die erste Weltmeisterschaft und 1992 trat er das erste Mal bei den Paralympischen Spielen an - und holte sowohl im Einzel als auch mit der Mannschaft Bronze.

"Für diese Spiele habe ich erstmals in Düsseldorf bei Borussia trainiert", sagt er. Das seien "göttliche Zustände" gewesen. "Die meisten Tischtennisvereine - so auch der Verein, bei dem ich damals im Bergischen trainiert habe - nutzen die Sporthallen von Schulen. Da ist die Zeit sehr begrenzt. Um 17 Uhr fängt dort das Training der Jugendlichen an und um 22 Uhr ist spätestens Schluss." Wer unter diesen Umständen für Spiele gegen Tischtennisnationen wie China oder Japan trainieren will, hat kaum die Chance, sie später zu besiegen. "Da war es in Düsseldorf schon anders. Ist es bis heute: Wer will, kann im Olympiastützpunkt 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche trainieren. Man trifft viel mehr Spieler, mit denen man gemeinsam spielen und trainieren kann", sagt Wollmert.

Fortan trainiert er für internationale Wettkämpfe fast immer in Düsseldorf, nur zwischendurch verlagert er sein Training nach Stuttgart, da er aus beruflichen Gründen für einige Zeit dort mit seiner Familie lebt. Die Erfolge reißen indes nicht ab: Gold in Atlanta, Sydney und Athen mit der Mannschaft, in Sydney, Peking und London 2012 holte er zudem im Einzel die Goldmedaille. In diesem Jahr in Rio hat es dagegen leider nicht für Edelmetall gereicht. "Da waren meine Gegner einfach besser", sagt er. Keine Spur von Frust ist dabei in seiner Stimme zu erkennen - Wollmert ist eben ein Sportsmann, gönnt seinen Gegnern den Sieg. Dieses faire Verhalten fällt auf: Mehrfach wurde der Tischtennisspieler schon als besonders fairer Sportler ausgezeichnet.

Dass er und die übrigen Athleten aus Deutschland bei den Paralympischen Spielen in Rio nicht so erfolgreich waren wie noch vor vier Jahren, führt er aber auch auf die Professionalisierung des Behindertensports im Ausland zurück. "Der Chinese, gegen den ich in Peking gewonnen habe, hätte für eine Goldmedaille ein Haus und eine Rente bekommen." Entsprechend könne sich dieser auch auf den Sport konzentrieren, während Sportler wie Wollmert, der bei einer Versicherung angestellt ist, noch einer ganz normalen Arbeit nachgehen müssen.

"Das Tischtennis ist und bleibt ein Hobby", sagt er. Natürlich erhalte man gerade vor großen Turnieren auch finanzielle Hilfe. Eine Familie - Wollmert hat fünf Kinder - könne man davon aber sicher nicht ernähren. "Düsseldorf ist trotzdem vorbildlich. Hier wird mehr für Sportler getan als in anderen Städten. Das zeigen auch die jüngsten Ideen zu einer Art Olympia-Rente für erfolgreiche Athleten", sagt er.

Für sein Hobby opfert er trotzdem viel Zeit: Vor den Spielen trainierte er fünf Tage die Woche. "Dabei mache ich auch Krafttraining und Physiotherapie, all sowas." Die Tischtennisplatte ist dennoch in Zeiten wie diesen so etwas wie ein Zuhause. Langweilig wird es Wollmert dabei fast nie. "Mich fasziniert beim Tischtennis, dass man ständig ganz viele kleine Einzelentscheidungen treffen muss, mit denen man das Spiel lenken kann - oder eben nicht. Wenn man mal vier schlechte Bälle gespielt hat, kann sich das Blatt wenden." Jedes Spiel bleibe damit eine Herausforderung. Und das übrigens im Behinderten- und Nicht-Behindertensport, denn für beides ist Jochen Wollmert für die Borussia, die inzwischen sein Verein ist, im Einsatz.

Als letztes Ziel seiner Sportlerkarriere peilt er die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio an. Es wären seine achten. Danach will er sich vor allem seiner Familie widmen. Von seinen Kindern spielt keines Tischtennis. "Sie sollen machen, was ihnen Spaß macht", sagt Wollmert.

Quelle: RP
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