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Abschiedsbrief an eine Düsseldorfer Traditionskneipe
Mach's gut, Zwiebel!

Zwiebel in Düsseldorf: Abschiedsbrief an eine Traditionskneipe
An der Ecke Mertensgasse/Mühlenstraße liegt die Zwiebel, eine der bekanntesten Kneipen der Altstadt. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die Zwiebel in der Düsseldorfer Altstadt wird im Mai nach 42 Jahren schließen. Für unseren Autor ist es der Abschied von einer alten Bekannten. Bevor es endgültig vorbei ist, hat er der Zwiebel noch ein paar Sätze zu sagen.  Von Christian Herrendorf

Liebe Zwiebel,

ich möchte diesen Abschiedsbrief mit Herbert Grönemeyer beginnen, denn was er über seine Heimatstadt Bochum gesungen hat, passt auch wunderbar zu Dir: Du bist keine Schönheit. Du liebst Dich ohne Schminke. Und – der ist allerdings von mir – Du kannst echt nicht tanzen.

Am 22. Mai wirst Du 42 Jahre alt. Wenn Du 42 Jahre und eine Woche alt bist, feierst Du Deine letzte Party, dann ist Schluss. Das haben wir am Wochenende im Internet gelesen. Du bist auch nur eine Kneipe in der Düsseldorfer Altstadt, aber Du bist eben nicht irgendeine Kneipe.

Kennengelernt haben wir uns noch zu Schulzeiten. Das meint ebenso die Jahre wie die Stunde (natürlich waren wir nur da, wenn bei uns wirklich der Unterricht ausfiel). Wir kamen Dich besuchen, um Billard zu spielen. Wer an den Tisch wollte, schrieb seine Namen über die anderen an der Tafel, legte eine Münze an den Rand des Tisches (vermutlich eine Mark) und wartete: bis die, die sich inzwischen einen Queue gekauft hatten, ihre Mätzchen beendet, bis die Stümper die schwarze Acht natürlich im falschen Loch versenkt und bis die Mädchen dem Tisch die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hatten – um anschließend doch mit denen mitzugehen, die mit dem Queue angaben.

Kneipen wie Dich gab es früher häufiger. Die Quetsche, den Eulenspiegel, Läden eben, die einfach nur Kneipen waren, aber nicht so aussahen, als würden wir unsere Eltern dort treffen. Kneipen, die irgendwie immer offen zu haben schienen, die nichts, aber wirklich gar nichts Besonderes brauchten, um Publikum anzulocken, denn Bier und anständige Musik reichten immer. Na gut, eine Besonderheit gab es schon. Wir kamen nicht ihretwegen, aber wir gingen auch selten, ohne sie begrüßt zu haben: das Zwiebelchen. Jede Kneipe hat ja ihre Spezialität, meistens Marke Eigenkreation, aber in dieser Kategorie schlug Dich keiner. Denn das Zwiebelchen war ein einmaliger Treffer zwischen nicht zu hart und nicht zu süß. Was drin ist, haben wir mehrfach gefragt, aber auch mindestens genauso oft vergessen.

Das ist die Düsseldorfer Altstadt FOTO: Hans-Juergen Bauer

In all den Jahren warst Du wie der Kumpel, mit dem man sich eigentlich nie gezielt verabredet, aber über den man sich immer freut, wenn man ihn trifft. Feierte ein Freund Geburtstag und peilte mit seinen Gästen einen Laden an, der dann zu voll war, wusste er und wussten wir, dass in der Zwiebel noch Platz für uns sein würde. Fing es an zu regnen, obwohl wir noch zu viele Meter von unserem eigentlichen Ziel in der Altstadt entfernt waren, wussten wir immer, wir würden es nicht bereuen, wenn wir jetzt an der Ecke von Mühlenstraße und Mertensgasse bleiben. Im Zweifel würden wir an der Theke stehen und "Wetten, dass..?!" ohne Ton gucken, mindestens Zeuge der seltsamen Tanzgewohnheiten des Hauses werden, und die Mädchen würden mindestens einen nicht ganz ernstzunehmenden Heiratsantrag zu hören kriegen.

Irgendwie hattest Du es ja auch mit der Romantik. Wir haben am Wochenende von einigen gelesen, die sich in der Zwiebel kennengelernt haben und die zum Abschied in den nächsten Wochen sogar ihre Kinder mitbringen können und wollen. Wir erinnern uns an einen Abend, an dem der DJ eine der schönsten Kneipenansagen der Altstadtgeschichte machte: "…und da an der Tür haben sich mal wieder zwei gefunden und knutschen. Und wem habt Ihr das zu verdanken? Eurer Zwiebel". Und dann haben viele, vielleicht auch alle "Zwiebel, Zwiebel" gerufen.

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