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Duisburg
17. Juni im Rathaus: Erinnerung an die "Kleinarbeit"

Duisburg. Seit 2003 führt die Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V." jährlich im Rathaus der Stadt Duisburg eine Veranstaltung zum Gedenken an die Freiheits- und Arbeiterbewegungen Osteuropas durch. In diesem Jahr wird erstmals die Opposition in der späten DDR der 1980er Jahre gewürdigt.

Am Freitag, 17. Juni, wird in einer Gemeinschaftsveranstaltung mit der Volkshochschule um 17.30 Uhr im Rathaus (Burgplatz) der Zeitgeschichtler Christoph Wunnicke (Berlin) zur Entwicklung im letzten Jahrzehnt vortragen und im Anschluss die Zeitzeugin Dr. Maria Nooke (Berlin) im Gespräch mit Stefan Braun (Duisburg) aus ihren Erfahrungen in der Bewegung berichten. Abgerundet wird die Veranstaltung von einer kleinen Diskussion, die Dr. Günther Neumann moderiert. Bei den bisherigen Gedenkveranstaltungen standen die großen Versuche der Änderung - der Aufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, der ungarische Volksaufstand vom Sommer 1956, die polnischen Bewegungen von 1956, 1968 oder 1979 im Mittelpunkt.

Diesmal ist es die beharrliche und unter schwierigsten persönlichen Bedingungen geleistete Kleinarbeit, die in den Blick genommen wird. Als Vorlauf für die rasche Umwälzung von 1989 lässt sich deren Bedeutung fassen. Das in seinem Kern sehr überschaubare Milieu der Bürgerrechtler würdigte Dr. Kazimierz Wóycicki, Aktivist der polnischen Solidarnosz, später erster Leiter des Polnischen Kulturinstitutes in Düsseldorf, bei der Gedenkveranstaltung am 17. Juni 2014 an gleicher Stelle sinngemäß: Die DDR-Bürgerrechtler habe er immer wegen ihrer inneren Unabhängigkeit und ihrer Standhaftigkeit bewundert. Denn in Polen seien, bis weit in den Staatsapparat hinein, alle Nichtoppositionellen menschliche Außenseiter gewesen; in der DDR seien die wenigen Bürgerrechtler sozial weitgehend isoliert worden und isoliert geblieben.

In diesem Kompliment des Erfolgreichen für den eher Erfolglosen wird noch einmal die widersprüchliche Sonderstellung des deutschen Teils des Ostblocks unter den anderen Völkern deutlich: Der frühe Aufstand 1953, das Wetterleuchten für die gesamte Herrschaftssphäre der ehemaligen Sowjetunion, einerseits; andererseits, bei aller inneren Unrast, bei allen Enttäuschungen, formelle Loyalität der innerlich illoyalen Bevölkerung bis Fünf nach Zwölf. Zur Verdeutlichung und daher durchaus pointiert: Als nach der Rede Erhard Epplers im Deutschen Bundestag am 17. Juni 1989, in der die Bedingungen und Konturen einer möglichen Einigung umrissen wurden, erst die Massenflucht aus der DDR und danach die Massendemonstrationen in der DDR einsetzten, waren zwei Wochen zuvor, am 4. Juni 1989, die ersten halbfreien Wahlen in Polen durchgeführt worden.

So nah und doch so fern - das galt damals auch für DDR und BRD und für deren jeweiliger Bevölkerung. Im Rückblick die unterschiedlichen Entwicklungen verstehbar und nicht bloß "verständlich" zu machen, dies ist das Ziel für diesen Abend im Duisburger Rathaus.

(wb)
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