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Duisburg
300 neue Lehrer für Flüchtlingskinder

Duisburg: 300 neue Lehrer für Flüchtlingskinder
Die syrischen Geschwister Majid (15, l.) und Taverz Amar (15) berichten in einer Seiteneinsteigerklasse der Duisburger Gesamtschule Globus von ihren Erfahrungen. FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Mit Hilfe der neuen Stellen sollen Flüchtlingskinder in NRW schnell eingeschult und integriert werden. Den Schulen drohen jedoch vor allem räumliche Kapazitätsprobleme - wie der Duisburger Gesamtschule Globus am Dellplatz. Von Marcel Kleifeld und Frank Vollmer

Für einen Augenblick verschwindet das Strahlen aus seinem Gesicht. Sein Dauerlächeln verblasst. Seine Lippen sind zwar zu einem Lächeln geformt, es ist jedoch kein Ausdruck der Freude. Es ist ein gequältes Lächeln. Majid Amar möchte stark bleiben. "Es ist traurig, wenn man fliehen muss, weil man unterdrückt und bedroht wird", erzählt der 15-Jährige. Wie auf Knopfdruck ist der Moment der Erinnerung vorbei. "Hier in Deutschland", sagt er, "ist alles anders. Hier sind alle gleich." Er strahlt wieder.

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Majid Amar ist Schüler der Gesamtschule Globus am Dellplatz in Duisburg. Mit seiner fast gleichaltrigen Schwester Taverz besucht er eine Regelklasse der Jahrgangsstufe acht. Die beiden haben die syrische Staatsangehörigkeit, in Syrien lebten sie jedoch nie. Ihre Eltern stammen aus Syrien, sind vor knapp zwei Jahrzehnten nach Armenien und wegen der auch dort anhaltenden Unterdrückung weiter nach Russland geflüchtet - samt den Kindern. Taverz ist in Armenien geboren, Majid in Russland. Seit zwei Jahren lebt Familie Amar in Duisburg, zuerst im Flüchtlingsheim, inzwischen in einer Wohnung.

Das NRW-Schulministerium dringt auf eine schnelle Integration und Einschulung von Flüchtlingskindern - wie bei Majid und Taverz geschehen. Wie Schulministerin Sylvia Löhrmann gestern in Düsseldorf mitteilte, sollen die aktuell 3000 Integrationsstellen um 300 zusätzliche Stellen erweitert werden. Das führe zu Mehrbelastungen des Landeshaushaltes von etwa 15 Millionen Euro. Durch die zusätzlichen Stellen soll die Wartezeit bis zur Einschulung minimiert werden. Denn: "Sobald die Familien fest in den Kommunen untergebracht sind, besteht Schulpflicht", sagt Löhrmann und verweist auf das NRW-Schulgesetz.

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In diesem Schuljahr sei die Zahl der ausländischen Schüler aus Zuwandererfamilien in NRW um 10 000 Kinder gestiegen. Löhrmann spricht von "großen Herausforderungen", die dadurch entstünden. Das Ministerium hat aber ebenso wenig wie die Bezirksregierungen Zahlen darüber, wie viele minderjährige Flüchtlinge in NRW leben. Die Sicherstellung der Schulpflicht sei Aufgabe der Ausländerbehörden und der Kommunalen Integrationszentren, heißt es vom Ministerium.

Taverz Amar öffnet ihre großen Augen noch weiter. Sie nickt intensiv. Natürlich gehe sie gerne zur Schule, sagt sie. Sie mag vor allem Mathe, Hauswirtschaft und Sport und möchte Friseurin werden. Die Geschwister haben die erste Stufe der Integration hinter sich. Sie schufen an der Globus-Schule in einer sogenannten Seiteneinsteigerklasse die sprachlichen Grundlagen für die Teilnahme am Regelunterricht. "Die beiden sind Paradebeispiele für gelungene Integration", sagt Ute Hoppen, Gesamtschuldirektorin und examinierte Migrationspädagogin. Majid, der Geige und Klavier spielt und Opernstücke singt, wurde von den Rotariern ausgezeichnet.

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Die Amar-Geschwister sind zwei von 1633 Flüchtlingen, die Ende September in Duisburg lebten. Die Stadt hat nach eigenen Angaben keine zuverlässigen Daten, wie viele Minderjährige dazuzählen. Seit dem Schuljahr 2012/13 bis heute besuchten der Stadt zufolge 239 minderjährige Flüchtlinge eine Duisburger Schule.

Flüchtlingskinder seien häufig traumatisiert und würden mitunter physische Erkrankungen aufweisen, sagt Ute Hoppen. Sie bräuchten eine intensive Betreuung in kleinen Lerngruppen. Deshalb besuchen die vier Seiteneinsteigerklassen der Gesamtschule Globus mit je maximal 15 Schüler. Neben Flüchtlingskindern werden dort Kinder aus Zuwandererfamilien unterrichtet.

In einer solchen Klasse in Duisburg steht gerade Kunst auf dem Stundenplan. Die Schüler, alle um die zwölf Jahre alt, malen Porträts von ihren Mitschülern oder Fantasiefiguren. Es ist ruhig. Die Kinder arbeiten konzentriert und hören einander und der Lehrerin Aliza Efraim zu. Die israelische Künstlerin lobt das Bild eines Mädchens. "Das Gesicht ist sehr schön geworden. Jetzt kannst du noch das hier malen", sagt sie. "Wie heißt das?", fragt Efraim und tippt das Mädchen oberhalb des Rückens an. "Schulter", antwortet die Schülerin.

Der Unterricht in Seiteneinsteigerklassen wird an der Duisburger Gesamtschule Globus trotz seiner Bedeutung zum Problem. "Im nächsten Schuljahr können wir aus Kapazitätsgründen kaum noch Seiteneinsteigerklassen anbieten", sagt Hoppen. Die Schule expandiert. Die Klassenräume, die von den Seiteneinsteigerklassen genutzt werden, werden für den Regelunterricht benötigt. Ohne zusätzliche Räume drohen erhebliche Engpässe. Andere Duisburger Schulen haben ähnliche Schwierigkeiten. Der Stadt sind diese Probleme bewusst. Man arbeite an Lösungen, die eine Erhöhung der Klassengrößen (mehr Schüler, mehr Lehrer) beinhalte.

Auch andere Städte stehen vor massiven Herausforderungen. In Dortmund werden intensiv Lehrkräfte gesucht, die im Unterrichten von Deutsch als Zweitsprache ausgebildet sind. In Gelsenkirchen sind nach städtischen Angaben zuletzt 18 Kinder und Jugendliche pro Woche zugewandert. Die Einrichtung weiterer Seiteneinsteigerklassen sei unumgänglich. Durch die hohe Zahl von Zuwanderern und Flüchtlingen entstünden Kapazitätsprobleme in Regelklassen, in die Flüchtlinge zeitnah integriert werden sollen. Zudem könne ein wohnortnaher Schulbesuch in Zukunft nicht mehr garantiert werden.

Quelle: RP