| 13.20 Uhr

Duisburger Schülerin abgeschoben
"Aus pädagogischer Sicht unverantwortlich"

Abschiebung von Bivsi R. - "Die Schüler sind unglaublich wütend"
FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Vor den Augen ihrer Mitschüler wurde die 14-jährige Bivsi R. aus der Klasse geholt und nach Nepal abgeschoben. Im Interview berichten Schulleiter Ralf Buchthal und Klassenlehrer Sascha Thamm über den für die Kinder verstörenden Vorgang. Von Tim Harpers

Herr Buchthal, Herr Thamm, wie haben Sie den Tag der Abschiebung erlebt?

Ralf Buchthal: Ich war völlig überrascht. Am Montagmorgen bekamen wir einen Anruf von der Ausländerbehörde. Dabei hat man uns mitgeteilt, dass gleich zwei Mitarbeiter in der Schule vorbeikommen würden, um Bivsi nach Hause zu bringen, weil am Nachmittag ihre Abschiebung anstehen würde. Kurz darauf standen die Mitarbeiter schon bei uns in der Türe. Sie baten uns, das Mädchen in der zweiten Stunde aus dem Unterricht zu holen. Das haben wir dann getan. Als wir ihr im Lehrerzimmer erzählten, worum es ging, ist sie in Tränen ausgebrochen. Ihre Eltern hatten ihr offenbar nichts davon erzählt.

Sascha Thamm: Ich war zunächst völlig überfahren. Bis zur großen Pause wussten wir alle nicht, worum es wirklich ging. Als ich dann informiert wurde, stand ich von einem Moment auf den anderen vor einer unglaublich schwierigen Aufgabe. Ich musste geschockten, zum Teil traumatisierten Schülern erklären, was da gerade eigentlich vorgefallen war.

Das stelle ich mir schwierig vor...

Thamm: Das war es auch. An normalen Unterricht war danach nicht mehr zu denken. Die Schüler waren wütend, geradezu fassungslos. Wir sind dann zusammen mit einem anderen Kollegen und den Kindern nach draußen in den Park gegangen, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Bivsi war ein wichtiger Teil unserer Klassengemeinschaft. Die Kinder haben zusammen Pläne gemacht, ihre Oberstufenkarriere und Urlaube geplant. Das ist ihnen von einem auf den anderen Moment genommen worden. Bivsis beste Freundinnen waren besonders geschockt. Eines von den beiden Mädchen mussten wir von einem Krankenwagen abholen lassen - sie hat dringend Beruhigungsmittel gebraucht.

Herr Buchthal, haben sie als Schulleiter die Aktion als ungerecht empfunden?

Buchthal: Mich zur Rechtmäßigkeit der Abschiebung zu äußern, steht mir als behördlichem Vertreter nicht zu. Das Vorgehen der Ausländerbehörde finde ich aus pädagogischer Sicht aber unverantwortlich. Für Bivsis Mitschüler war der Tag traumatisierend. Und wir als Schule stehen jetzt vor der Herausforderung, den Kindern diesen Vorgang zu erklären.

Wie geht die Klasse mit der Situation um?

Thamm: Zu Beginn überwogen Unverständnis, Trauer, Wut und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Bivsis Freunde können nicht verstehen, wie es in einem Land wie Deutschland überhaupt dazu kommen konnte. Eine Schülerin hat mir zum Beispiel gesagt, dass der Staat mit Bivsis Abschiebung etwas getan habe, dass sie an Deutschland zweifeln lasse. Mittlerweile ist das Gefühl der Hilflosigkeit aber finsterer Entschlossenheit gewichen.

Tatsächlich? Inwiefern?

Thamm: Bivsis Mitschüler haben sich dazu entschieden, zu kämpfen. Sie wollen ihre Freundin um jeden Preis zurückholen. Jetzt sondieren wir erst einmal die Möglichkeiten. Die Kinder wollen sich an Institutionen wie Amnesty International und Pro Asyl wenden. 

Buchthal: Und dafür wollen wir ihnen in der Schule auch den nötigen Raum geben. Sie werden im Schulalltag Zeit bekommen, um sich für ihre Freundin einzusetzen. Natürlich müssen wir auch den normalen Bildungsbetrieb aufrechterhalten. Wir haben aber die Rückendeckung der Elternschaft. Es werden sich also Möglichkeiten finden lassen.

Und Bivsi? Haben sie von ihr gehört?

Thamm: Ja, die Schüler stehen über Handy und Internet mit ihr in Kontakt. Ich weiß allerdings nicht, wie lange das noch der Fall ist. Momentan hält sie sich noch in Kathmandu auf, ihre Eltern haben allerdings vor, in ein kleineres Dorf weiterzuziehen. Es ist noch nicht klar, wie es dort um die Netzverbindung bestellt ist. Bivsi erträgt ihr Schicksal tapfer und mit einem unglaublichen Maß an Empathie. Sie hat klar gemacht, dass sie nicht will, dass ihre Mitschüler unter ihrer Situation leiden. Vor kurzem hat sie ihnen geschrieben, dass es ihr gut gehe sie und sie sich jetzt erst einmal keine Sorgen um sie machen sollten. Schließlich stünden zwei Klassenarbeiten an. Das sei jetzt erst einmal wichtiger als ihr eigenes Schicksal.

 
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