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Duisburg
Albert Lucas überlebte den Holocaust

Duisburg. Die Wissenschaftlerin Hildegard Jakobs sprach im Kultur- und Stadthistorischen Museum über die jüdischen Duisburger Bürger, die während der Nazizeit ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert wurden. Von Alfons Winterseel

Über das Leben, Leiden und Sterben von Duisburger Juden im Ghetto Litzmannstadt (dem polnischen Lodz) sprach jetzt die Wissenschaftlerin Hildegard Jakobs im Rahmen der Ausstellung "Jüdisches Leben in Duisburg von 1918 bis 1945". Sie ist stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Den Bezug ihrer Arbeit zu Duisburg liefert die Tatsache, dass von Düsseldorf aus die Deportationen jüdischer Bürger für den gesamten Regierungsbezirk u.a. in das Ghetto Litzmannstadt organisiert wurden.

Wer nach Duisburgern sucht, die deportiert wurden, müsse auch unter ,Düsseldorf' suchen und werde fündig, lautet eines ihrer Forschungsergebnisse. Für ihren Vortrag hatte Hildegard Jakobs Namen, Zahlen und Fakten mit dem Bezug zu Duisburg aufbereitet.

27. Oktober 1941: Zu den 1003 der "zur Evakuierung vorgesehenen Juden" (so die damalige Amtssprache) gehören auch 50 Duisburger. Sie müssen mit dem Zug nach Düsseldorf fahren und werden für eine Nacht in dem mit Boxen und Trögen ausgestatteten Vieh- und Schlachthof eingesperrt. Hier werden sie und das Gepäck durchsucht. Wer mehr als 100 Reichsmark bei sich hat, muss es abgeben. Penibel wird darüber Buch geführt. Am nächsten Tag laufen sie von dort aus durch Düsseldorfs Wohngebiete zum Güterbahnhof. Hier wartet der Zug, der sie in das Ghetto bringen wird.

Organisiert wird die Deportation von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Düsseldorf, in Duisburg ist die Außenstelle unter der Leitung von Kriminalkommissar von Bauer, in Hamborn die Nebenstelle unter der Leitung von Kriminalsekretär Raschkewitz zuständig. Zuvor war den Deportierten längst alles Hab und Gut abgenommen worden. Das Finanzamt und andere Behörden hatten die Vermögenswerte festgestellt und eingezogen, Vermieter (oftmals aus Angst vor weiteren Zerstörungen bei den Raubzügen der NS-Schergen bei Durchsuchungen) die Wohnungen gekündigt.

Im Ghetto Litzmannstadt angekommen, finden sich die 50 Duisburger im ärmsten Teil des Armenviertels wieder. Eingezäunt und eingepfercht zusammen mit den dort bereits lebenden rund 20.000 polnischen Juden. Zwei Brücken bilden die einzigen Zugänge zum Ghetto. Unter den 50 Duisburgern ist auch Albert Lucas. Er wird der einzige von ihnen sein, der den Holocaust überlebt. Untergebracht werden die 1003 Deportierten aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf in einem Schulgebäude in Kollektivunterkünften: "57 Personen in einem Raum", fand Hildegard Jakobs bei ihren Forschungen heraus. Eine jüdische Verwaltung versucht im Ghetto Strukturen zu schaffen sowie Gerechtigkeit und Solidarität herzustellen. Davon zeugen Brotlisten, die sie im Archiv von Lodz gefunden hat. "Man hat versucht, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen."

Wer Arbeit bekommt, kann sich glücklich schätzen. Der zusätzliche Teller Suppe kann Leben retten. Viele Duisburger haben einen Vorteil: Sie sprechen auch Polnisch, finden so leichter Arbeit. Regen und Kälte fordern schnell Todesopfer: Schon im November und Dezember sterben zehn der 1003 Deportierten aus Düsseldorf, unter ihnen die Duisburgerin Julchen Philips.

Hildegard Jakobs stieß bei ihren Recherchen in Lodz auf zahlreiche Postkarten, die das Ghetto aber nie verlassen haben, weil die Zensur nicht nachkam und eine Postsperre erlassen wurde. "Es sind oft die letzten Spuren von den Menschen."

Am 4. Mai 1942 beginnt mit der "Aussiedlung" der aus dem "Altreich, Luxemburg, Wien und Prag" stammenden Juden der erste Massenmord an den Bewohnern des Ghettos Litzmannstadt: Wer "unproduktiv" ist, wird aussortiert und soll sterben — wovon die jüdische Ghetto-Verwaltung nichts ahnte. Nur wer nachweisen kann, dass er Arbeit im Ghetto gefunden oder als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg gedient hatte und ausgezeichnet worden war, wird wieder von der Liste gestrichen. Von den 1003 Menschen der ersten Deportation aus Düsseldorf werden anschließend im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) 474 ermordet, darunter 20 Duisburger.

Albert Lucas überlebte den Holocaust und wurde 1946 Mitglied der Jüdischen Gemeinde Mülheim. 1961 stellte er einen Antrag auf Rückerstattung für vor der Deportation eingezogene Kleidung und Wohnungseinrichtungen. Weil das Amt darüber keine Unterlagen hatte und er Belege nicht beibringen konnte, wurde sein Antrag zurückgewiesen.

Nächste Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung "Jüdisches Leben in Duisburg": Erzählcafé Lebendige Geschichte(n): Über Begegnungen mit ehemaligen jüdischen Duisburgern, 1. November, 15 Uhr, Kultur- und Stadthistorisches Museum.

Quelle: RP
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