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Duisburg
Alchemie trifft auf Stadtpfeifer-Musik

Duisburg. Bettina Rutschs anspruchsvolles und sehenswertes neues Tanztheaterprojekt "Blei zu Gold" richtet seinen inhaltlichen Fokus auf die Zeit des 16./17. Jahrhunderts, kommt dramaturgisch aber in der Neuzeit aus. Von Olaf Reifegerste

Ort, Form und Inhalt vereinen sich zu einem organischen Spiel aus Musik, Tanz, Literatur und Theater. Damit entspricht die Inszenierung der alchemistischen Weisheit, dass "Alles im Einen" ist. "Im Sommer vergangenen Jahres führte mich mein 'Shopping-Guide' in Rom in das Labor eines leibhaftigen Alchemisten", schreibt die Tänzerin und Literaturperformerin Bettina Rutsch im Programmheft zu ihrer neuen Tanztheaterproduktion "Blei zu Gold", die am Freitagabend im Kultur- und Stadthistorischen Museum Premiere hatte.

In einer winzigen Werkstatt, so Rutsch weiter, verwandelte dort ein Goldschmied alchemistische Symbole in multifunktionale Schmuckstücke. Eines dieser Symbole sei die aus der antiken Mythologie stammende Ouroboros-Schlange, die auch als kosmischer Drache bekannt ist. In der Alchemie steht sie für den in sich geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozess der Materie und symbolisiert die Wiedergeburt und damit die Unendlichkeit und Ewigkeit.

Mit dieser kulturphilosophischen Inspiration (und einem kleinen Schmuckstück - einer Kette mit Anhänger - in der Hand), verließ Rutsch zunächst die Goldschmiede und dann Rom, um in Duisburg wenige Tage später auf dem "Platzhirsch-Festival" das Konzert "The Stadtpfeiffers" in der St. Josef Kirche zu hören, welches vom Duisburger Komponisten und Pianisten Hans-Joachim Heßler entwickelt und ausgerichtet wurde. Das Außergewöhnliche dieser Aufführung war und ist, dass Heßler die Musik des späten Mittelalters, der Renaissance und des Barock mit der von heute konfrontiert und kombiniert.

Diese zunächst eher zufällige Begegnung führte bei beiden, bei Rutsch wie bei Heßler, aber zu dem unaufhaltsamen Willen, die Philosophie und Literatur sowie die Musik jener Zeit zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen. Rutsch, die in der "Blei zu Gold"-Produktion für Inszenierung, Choreografie und Darstellung verantwortlich ist, brachte dafür Anna Termöhlen für Kostümdesign und Dominyk Salenga für Lichtdesign und Lichttechnik sowie den bildenden Künstler Martin Schmitz für Lichtobjekte mit, während Heßler, der das Kompositionswerk schuf und das Pianospiel übernahm, Petra Naethbohm und ihre Blockflöten nebst Barockoboe und Oliver Birk als Schlagzeuger und Perkussionist dazugesellte.

Verschiedene Holzobjekte, die verborgen golden leuchteten, das Bild eines Ouroboros ("De Lapide Philosophico" von 1625) als Dia über dem Instrumentarium und eine Vitrine, die ein Goldkissen sowie ein schwarzes, ein weißes und ein rotes Kleid beherbergten war alles, was Rutsch im vom Geiste Gerhard Mercators bestimmten Museum als Bühnenraum für ihr Tanztheater benötigte. Dazu suchte sie Texte aus dem Neuhochdeutschen eines Georg Füegers, Andreas Gryphius' oder Quirinus Kuhlmanns aus, aber auch ein Sonnet von William Shakespeare bis hin zu zwei Gedichten von Else Lasker-Schüler und rezitierte diese verteilt über den Abend.

Das Wandelbare des Seins, genauso wie auch das Verwandelbare des Bewusstseins werden jedoch nicht allein nur literarisch und musikalisch in dem "alchemistischen Projekt", wie Rutsch ihre Produktion im Untertitel nennt, zum Ausdruck gebracht, sondern immer wieder auch tänzerisch bis theatralisch in Szene gesetzt.

So gelingen der Literaturperformerin herrliche assoziative Deutungsbilder, unbedeutend, ob sie eine Tanzfigur entwirft, die Balance und Ungleichgewicht zugleich darstellt, ob sie den unteren Teil einer Blockflöte als Fernrohr benutzt, um in den Museumshimmel und seine Sterne gucken zu können, oder ob sie mit dem Goldkissen auf dem Rücken die Last und die Lust von Vermögen und Geld gleichermaßen thematisiert.

Quelle: RP
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