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Griechenland
Als Helferinnen im Flüchtlingscamp

Griechenland: Als Helferinnen im Flüchtlingscamp
Zu Hause im Garten in Lüllingen: Inge und Vicky Koppers. FOTO: Zehrfeld
Duisburg. Vicky und Inge Koppers waren als Helferinnen im griechischen Flüchtlingslager Kara Tepe. Es gilt als Vorzeigebetrieb des südeuropäischen Landes. Trotzdem war die Situation der Menschen aufrüttelnd. Von Sina Zehrfeld

Ein Feld voller kaputter Schwimmwesten ist eines der Bilder, die sich Inge Koppers, die in Lüllingen in Geldern lebt, in den Kopf gebrannt haben. Eine riesige Müllhalde, die viele Helfer aus dem griechischen Flüchtlings-Camp Kara Tepe besuchen: "Die ist voll mit Teilen von Bootswracks und Schwimmwesten." Retten könnten diese Westen niemanden - sie bestehen aus billigem Schaumstoff, der sich vollsaugt. Im günstigen Fall werden sie von den Flüchtlingen weggeworfen, die es an die Küste von Lesbos schaffen. Unzählige aber werden angeschwemmt. Man darf sich ausdenken, was aus denen geworden ist, die sie mal anhatten.

Was sie im Alltag des Lagers Kara Tepe am meisten beeindruckt hat: "Das Elend", sagt Inge Koppers "Der Vergleich dazwischen, wie die Menschen leben müssen zur Zeit, und wie gut es uns geht."

Ein Blick in das Camp Kara Tepe. Es ist wie ein Dorf, die Bewohner sind in Containern untergebracht. FOTO: Koppers

Mit der Hilfsorganisation "Because we carry" waren Inge (56) und ihre Tochter Vicky Koppers (30) im Januar für eine Woche als Hilfskräfte im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos. Der Anstoß dazu kam von Vicky Koppers. "Ich wollte so was schon lange machen, ursprünglich mit meinem medizinischen Hintergrund", sagt sie. Sie lebt in Duisburg und ist Krankenschwester. 

Bevor sie sich auf eine medizinische Mission einlassen wollte, wollte sie testen, wie sie mit so einer Extremsituation zurechtkommen würde, erzählt Vickey: "Wie ich das verarbeiten kann, wie das auf mich wirkt."

Jeden Morgen zogen die Helfer mit Wagen voller Lebensmittel durch das Camp und verteilten Brot, Obst, Gemüse. FOTO: Koppers

Ein Einsatz in Kara Tepe war das Richtige für diesen Anfang. Denn, so Vicky: "Kara Tepe ist ein Vorzeige-Modell der griechischen Regierung." 1200 Menschen leben dort unter Bedingungen, die, verglichen mit anderen Lagern, sehr human sind. Es ist eine Container-Stadt - vollgestopft, und die Bewohner sind quasi besitzlos.

Aber immerhin: Mit den Zuständen in anderen Lagern ist das kein Vergleich. In Kara Tepe ist der Abtransport von Müll und Fäkalien geregelt, es gibt soziale Angebote, ein wenig medizinische Versorgung, es wird Essen verteilt.

Dies ist nur ein Ausläufer der riesigen Müllhalde, auf der sich Wrack-Teile von Booten und unzählige Schwimmwesten häufen. Die Sachen wurden bestenfalls von den Geretteten weggeworfen, häufig jedoch an der Küste angeschwemmt. Regelmäßig besuchen Helfer aus Kara Tepe diese Stätte. FOTO: Koppers.

Letzteres gehörte zu den Aufgaben des Teams, in dem Mutter und Tochter Koppers gearbeitet haben: Täglich verteilten sie gemeinsam mit einigen Camp-Bewohnern Brot, Bananen, Gemüse. "Da ist man jeden Morgen mit zwölf Bollerwagen los und hat zu jedem Container die Sachen für die Leute gebracht, die da gemeldet waren", erzählt Vicky.

Eingekauft wurden die Lebensmittel von Spendengeld, das die Helfer selbst im Vorfeld gesammelt hatten. Zu dem Konzept der Organisation "Because we carry" gehört es, dass jedes Helfer-Team auf diese Weise seine eigene Arbeit finanziert. Darüber hinaus hatten Mutter und Tochter mit organisatorischen Arbeiten, sehr viel aber auch mit sozialer Betreuung zu tun. Und dabei bekamen sie einiges mit von dem, was den Geflüchteten passiert war, die es aus Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan hergeschafft hatten.

Sie haben eine Menge körperliches Leid gesehen: Viele wurden auf der Flucht verwundet. "Von den emotionalen Verstümmelungen mal ganz abgesehen", so Inge Koppers: "Die meisten sind traumatisiert." Da war der Mann, der in den Bergen auf dem Weg in die Türkei seine jüngste Tochter und seine Frau verloren hatte. Oder der kleine Bossolino, etwa zehn Jahre alt, vermutlich aus Ghana. "Der war so aggressiv und böse auf die Welt", beschreibt Inge Koppers: Immer laut, immer angriffslustig. Dann erfuhr sie von seiner Geschichte: "Wenn man als Kind sehen muss, wie seine Mutter erschossen wird, dann wird man halt böse." Das Camp war voll von Geschichten über Not, Angst und Hilflosigkeit. Aber es gab immer wieder auch, und das berührte Mutter und Tochter sehr, Momente von Gemeinschaft und Freude unter den Menschen.

Der kurze Einblick in die Situation geflüchteter Menschen hat viel bewirkt. Vicky hat die Antwort gefunden, die sie gesucht hat: "Ich habe festgestellt, dass ich dieses Leid aufnehmen und verarbeiten kann, ohne dass es mich selbst zu sehr verletzt." Sie will noch in diesem Jahr als Krankenschwester in einen Hilfseinsatz gehen.

Inge Koppers will sich weiter von zu Hause aus engagieren. "Ich habe gesehen: Wir können was bewegen." Das sagt auch Vicky eindringlich: "Auch, wenn es aus den Medien raus ist - es hat nicht aufgehört."

Quelle: RP
 
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