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Duisburg
Angst vor der Berührung mit Wasser

Duisburg: Angst vor der Berührung mit Wasser
Kinder schon im Babyalter mit dem Element Wasser vertraut zu machen, das ist schon einmal ein guter Start. Diese Babys haben durchaus Spaß im Schwimmbecken. FOTO: Malteser
Duisburg. In dieser Woche ist im Wolfssee ein 24-jähriger Asylbewerber ertrunken. Flüchtlinge kommen häufige ohne jede Schwimmkenntnis in unser Land. Aber auch jedes zweite hier lebende Kind kann nicht richtig schwimmen. Von Jan Luhrenberg

Schwimmen ist eine Art der Fortbewegung, die erlernt werden muss. Normalerweise geschieht dies in den ersten Lebensjahren eines Kindes, spätestens aber in der Grundschule. Doch dies scheint sich heutzutage geändert zu haben.

"Jedes zweite Kind aus Duisburg hat Probleme beim Schwimmen", erklärt Anke Dinter. Für den Duisburger Schwimm- und Sportclub koordiniert sie Crashkurse. 16 solcher Übungseinheiten seien in den vergangenen sechs Wochen durchgeführt worden, sagt sie. Dabei lernen die Kinder in 14 Tagen, wie sie sich im Wasser fortbewegen können.

Doch die Arbeit der Übungsleiter muss über das Schwimmen hinausgehen: "Von 20 Schülern sind etwa drei bis vier noch nie im Wasser gewesen", so Dinter. "Diese Kinder müssen erstmal an das Wasser gewöhnt werden und die Angst verlieren." Das hat viele Gründe: Manche Kinder hätten negative Erfahrungen gemacht. Am Anfang solcher Kurse gehe es demnach prinzipiell erstmal darum, dass die Kinder lernen, den Schwimmlehrern zu vertrauen und die Fortbewegung im Wasser auszuprobieren. "Dann ist der erste Monat aber schon vorbei", erklärt Dinter. Sie moniert deshalb, dass Kinder heutzutage länger brauchen, um Schwimmen zu lernen: "Die Lernzeit hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt".

Laut Dinter haben Kinder früher innerhalb von fünf Monaten das Schwimmen erlernt und ihr Seepferdchen erfolgreich absolviert. Mittlerweile dauere dies bis zu einem Jahr. Das sei auch Folge fehlender sportlicher Betätigung im Alltag: "Kinder bewegen sich zu wenig und bringen keine Grundlagen für Sport und Schwimmen mit", erklärt die Koordinatorin.

Ein großes Problem sieht Dinter in der Bereitschaft der Eltern, dem Kind nachhaltig Schwimmen beizubringen. "Meine persönliche Einschätzung ist, dass sich die Eltern einfach nicht die Zeit nehmen, um mit den Kindern ins Hallenbad zu gehen oder Kurse zu besuchen", so die Koordinatorin.

Der zeitliche Rahmen eines Kurses beträgt mit Anreise maximal drei Stunden, aber häufig sind beide Eltern berufstätig und können ihr Kind weder am Bad absetzen, noch während der Kurse begleiten. Zudem blockierten Schwimmvereine in den Abendstunden die Hallenbäder der Stadt, und die Nichtschwimmerkurse dort seien ausgebucht.

Besonders ausgeprägt sind die Schwimmdefizite bei den Ausländern und Flüchtlingen, so Dinter. Aufgrund der anderen kulturellen Herkunft rücke das Lernen der Fortbewegung im Wasser eher in den Hintergrund der Erziehung. Zudem erschwerten die Gegebenheiten in den Herkunftsländern die Situation. "Kindern aus Flüchtlingsländern wird oft verboten, ins Wasser zu gehen, weil dort Tiere oder andere Gefahren lauern können", erklärt die Koordinatorin. So komme es vor, dass neben Kindern auch erwachsene Flüchtlinge deutliche Probleme beim Schwimmen hätten.

Die fehlende Schwimmerfahrung ist ein Prozess, der sich über viele Jahre zieht. Im Kindergarten sollten eigentlich die Grundlagen des Schwimmens eingeübt werden. Doch das erweist sich als schwierig. "Die Betreuer sind dafür nicht ausgebildet", so Dinter. Auch eine Regelung, die mit der Stadt ausgearbeitet wurde, fruchte nicht. Die Kindergartenkinder könnten an ausgewählten Tagen in den Mittagsstunden von 12 bis 14 Uhr ins Schwimmbad gehen, wenn das Becken nahezu leer ist. Doch zu diesem Zeitpunkt sei Mittagspause im Kindergarten. An einer neuen Regelung werde zwar bereits gearbeitet, aber die Gespräche zögen sich schon seit fünf Jahren hin.

Ähnlich problematisch sei die Lage an Duisburgs Grund- und weiterführenden Schulen. Zwar bekämen die Schulen eine Ausschreibung für die Schwimmkurse des Sportclubs ausgehändigt, und diese werde auch an die Sportgruppen weitergeleitet. Aber die Zahl der Anmeldungen durch die Eltern sei relativ gering, obwohl die Stadt die Kosten für den Kurs im Fall von Arbeitslosigkeit übernimmt.

So kommt es vor, dass circa die Hälfte der Grundschulabgänger noch als Nichtschwimmer eingestuft werden. "Diese Kinder müssen dann auf der weiterführenden Schule in eine Schwimm-AG gehen", sagt Dinter.

Quelle: RP
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