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Duisburg
Arm, krank, ungebildet und ausgegrenzt

Duisburg: Arm, krank, ungebildet und ausgegrenzt
So kann Integration gelingen: Die Roma Familie Butu bei der Renovierung ihrer eigene Wohnung am Erlinghagenplatz in Rheinhausen. FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Wochenlang machte Duisburg vor zwei Jahren Schlagzeilen wegen der Integrationsschwierigkeiten von Südosteuropäern. Danach wurde es ruhiger. Doch die Probleme sind unverändert vorhanden. Von Hildegard Chudobba

Auf der Agenda des heute tagenden Sozialausschusses steht ein weiterer Sachstandsbericht der Verwaltung zum Thema Zuwanderung von Menschen aus Südosteuropa. Fazit: Die Anstrengungen dürfen nicht nachlassen; die finanzielle Förderung der Maßnahmen durch Bund und Land sind verbesserungswürdig; die Probleme werden auf absehbare Zeit nicht kleiner.

Sorgen macht den Verfassern, dass in einigen Stadtteilen der soziale Frieden gefährdet ist. Das gilt vor allem für Marxloh, wo neben Hochfeld und Bruckhausen der Anteil an Rumänen und Bulgaren besonders hoch ist. 60 Prozent leben dort. Die reinen Zahlen machen nicht unbedingt deutlich, dass der Zuzug der Südosteuropäer unvermindert anhält. Denn seit Februar vorigen Jahres überprüft die Meldebehörde, ob diejenigen, die an einer Adresse gemeldet sind, dort auch tatsächlich wohnen. Das Ergebnis führte dazu, dass die Gesamtzahl zunächst auf unter 10 000 sank. Doch inzwischen leben in unserer Stadt wieder rund 11 000 Rumänen und Bulgaren. Und monatlich kommen im Schnitt fast 200 Personen dazu. Darunter sind nach Erkenntnissen der Stadtverwaltung unverhältnismäßig viele Kinder bis zu 15 Jahren. Das könnte durchaus als Chance gewertet werden. Aber bis beispielsweise der Arbeitsmarkt von diesem Nachwuchs profitierten kann, sind Herkulesaufgaben zu lösen. Denn der Bildungsstand dieser unter 15-Jährigen ist schlecht.

Die prekären Lebensumstände der Familien in ihren Heimatländern bringen es mit sich, dass viele von der hier gültigen Schulpflicht nichts wissen. Manche Kinder haben gar nicht oder nur begrenzt in Bulgarien bzw. Rumänien die Schule besucht und können nicht - wie eigentlich vorgesehenen - nach zweijähriger "Erstförderung" in eine Regelklasse gehen. Um einen qualifizierten Schulabschluss zu bekommen, benötigen sie deutlich mehr individuelle Förderung, stellen die Verfasser des Berichtes fest. Den Jugendlichen und jungen Männern aus diesen beiden osteuropäischen Ländern mangelt es neben Sprachkompetenz in der Regel gleichfalls an fundierter Schul- bzw. Berufsausbildung. Die mit Hilfe des Jobcenters und der Agentur für Arbeit angestrengten Qualifizierungsmaßnahmen greifen hier nur zum Teil. Bislang kann ein Großteil der arbeitsfähigen Südosteuropäer allenfalls als "Hilfsarbeiter" beschäftigt werden. Doch dafür gibt es auf dem Arbeitsmarkt wenig Bedarf. Eine Folge: Mit 2047 Empfängern im Januar 2015 hat sich die Zahl der Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften gegenüber Januar 2014 mehr als verdoppelt. Schwierig bleibt es, die Wohnungsprobleme zu lösen. Auch wenn die Stadt sogenannte Problemimmobilien räumen lassen kann, ist der Prüfungsaufwand offenbar gewaltig. Mehr als ein "Objekt" könne pro Monat nicht abschließend kontrolliert werden, sagt die Verwaltung. Erst zehn Häuser mit 142 Wohnungen sind überprüft worden, weil dort menschunwürdige Wohnsituationen bestanden. Rund 60 Gebäude stehen noch auf der Liste. Ein weiteres Problem: Wird eine solche Schrottimmobilie geräumt, brauchen die Bewohner Ersatzwohnraum, und zwar möglichst nicht dort, wo der soziale Friede in Gefahr ist.

Handlungsbedarf sehen die Verfasser der Studie ebenfalls bei der gesundheitlichen Versorgung der Rumänen und Bulgaren. Nur mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher scheint sie möglich zu sein. Aber Zahnärzte beispielsweise hätten sich bislang noch nicht gefunden, die die Patienten (meist ohne Versicherungsschutz) unentgeltlich behandeln. Dabei scheint gerade hier der Handlungsbedarf sehr groß zu sein.

Quelle: RP