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Duisburg
Auf der Suche nach der Wahrheit

Duisburg: Auf der Suche nach der Wahrheit
Szene aus der Mülheimer "Woyzeck"-Inszenierung mit Rupert J. Seidl in der Titelrolle und Dagmar Geppert als Marie. FOTO: Andreas kühring (theater an der ruhr)
Duisburg. Roberto Cuillis "Woyzeck"-Inszenierung vom Theater an der Ruhr zum Abschluss der Saison im Duisburger Stadttheater. Von Olaf Reifegerste

Mit einem ziemlich heftig eingestrichenen und umgestellten Spieltext, entgegen der chronologischen Erzählstruktur des Autors folgend, und einer dazugehörigen sehenswerten "Woyzeck"-Aufführung im Gepäck, gastierte das Theater an der Ruhr aus Mülheim jetzt zum Abschluss der Schauspiel-Saison im Duisburger Stadttheater. Zwar waren die Stückpersonen und die Spielorte, wie Georg Büchner sie in seinem 1836 begonnenen Textfragment benannte, im Kern erhalten, doch die Ciulli-Inszenierung verfolgt unter anderem das Ziel, das herannahende Unheil, nämlich der Mord von Woyzeck an Marie, von Anfang an heraufzubeschwören, greift der Autor in seinem Drama doch auf eine wahre Begebenheit aus dem Jahre 1824 zurück.

So sitzt Woyzeck (gespielt von Rupert J. Seidl) allein auf einem Stuhl im Scheinwerferkegel nahe der rechten Seitenbühne mit Blick in die Gasse und ruft ins Off hinein: "Immer zu! Immer zu! Stich! Stich! (...) Still, alles still, als wär die Welt tot." Und wenig später erhebt sich aus dem Dunkel der Hinterbühne ein Orchester, das zugleich das Personal vom Hauptmann (gespielt von Steffen Reuber), über den Doktor (gespielt von Fabio Menéndez) bis zum Tambourmajor (gespielt von Albert Bork) abbildet, und musiziert düster daherkommende atonale bis disharmonische Klänge. Von daher heißt es beim Theater an der Ruhr und seinem "Woyzeck" im Untertitel stringent auch: "Ein musikalischer Fall".

Des Weiteren hängt von Beginn an ein von oben an einer Kette befestigter Eiswürfel tropfend über einem an Diogenes von Sinope erinnerndes Holzfass, sinnbildlich die Zeit ablaufend wie eine Sanduhr. Dieses Motiv dient zugleich als Schlussbild, wenn der Eiswürfel wie bei einer Guillotine auf Woyzeck fällt und dieser im Wasser ertrinkt, wie es bei Büchner heißt. Hier jedoch steht der Henker hinter ihm und das aufgebrachte und Marie-lynchende Volk johlt: "Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord."

Regisseur Roberto Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer vermengen Büchners Textfragment und die wahre Begebenheit zu einer Groteske, die die Widersprüche eines unzurechnungsfähigen Täters und seiner Hinrichtung sowie dem zweifelhaften Urteil und seiner Vollstreckung mit dem Verhalten der Gesellschaft, dem damaligen Bürgertum, mikroskopisch seziert und offenbart - letztlich auf der Suche nach Wahrheit oder wie Büchner seinen Woyzeck (zum Hauptmann) sagen lässt: "Es ist viel möglich. (...) Ja und wieder Ja - und Nein. Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld?"

Am Ende der 90-minütigen Aufführung bleibt von der Kleinfamilie nur das Kind (gespielt von Maria Neumann) übrig: "Mutter tot (gespielt von Dagmar Geppert), Vater tot", heißt es dort.

Das Publikum indes ist aber hellwach und dankt dem spielfreudigen und witzigen Ensemble mit großem Applaus.

Quelle: RP
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