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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Bürgeraufruhr gegen die Obrigkeit

Duisburg. Bürgerproteste sind kein Phänomen der Neuzeit. "Wutbürger" gab es schon im mittelalterlichen Duisburg. Auslöser war die Haushaltsführung der Stadtoberen. Steuerbelastung und Geldverschwendung führten zum Aufstand. Von Harald Küst

Ungerechte Steuerlasten, hoher Repräsentationsaufwand, mangelnde Kontrolle der Entscheidungsgremien, so lauteten vor gut 500 Jahren die Vorwürfe, die in vielen Punkten sich kaum von den heutigen Klagen der Duisburger über hohe Sätze bei Gewerbe- und Grundsteuern und Geldverschwendung unterscheiden. Vorsichtig formuliert, gab es zu jenen Zeiten eine gewisse Sorglosigkeit der Stadtspitze bei der Haushaltsführung. Haushaltsplanung und Rechnungsprüfung fanden verbunden mit großzügiger Bewirtung - natürlich auf Kosten der Steuerzahler - im Privathaus des Bürgermeisters statt. Einen Rentmeister - heute würde man ihn Finanzcontroller nennen - empfand man entbehrlich.

Im mittelalterlichen Duisburg herrschte eine kleine wohlhabende Oberschicht. Angehörige dieser Gruppe besetzten die wichtigsten städtischen Ämter. Das elitäre Netzwerk mit Bürgermeistern, Schöffen und Rat sicherte Macht und Pfründe.

Das wollte die in Gilden (Bruderschaften) organisierte bürgerliche Mittelschicht nicht mehr länger hinnehmen. Das neue städtische Selbstbewusstsein der aufständischen Duisburger war also eher politisch als sozial motiviert. Ziel der Auseinandersetzung war die Abschaffung der Privilegien der Obrigkeit und mehr Partizipationsrechte des Gildenbürgertums durch Aufstockung der Ratssitze.

Am 13. Februar 1513 eskalierte der Konflikt zwischen Gilden und Obrigkeit. Kein Wunder, dass die aufgebrachten Duisburger Bürger zornerfüllt, lärmend und gewaltbereit das "unterste nach oben kehren" wollten.

Die schwelende Unzufriedenheit der Bürger führte zu einer Versammlung vor dem Rathaus. Bürgermeister Jan Ellens gab dort zu, "dass der eine oder andere Amtsinhaber etwas falsch angeordnet habe, was er nicht sollte. Möglicherweise sei auch der Rechenschaftsbericht über die Finanzen nicht ausreichend gewesen". Er kündigte Reformen an. Das besänftigte die Aufrührer aber überhaupt nicht. Am Nachmittag verfassten die Gilden eine Resolution. Forderungen: Beseitigung aller Privilegien der Ratsmitglieder in der Stadtverfassung, ordnungsgemäße Haushaltsführung und Prüfung der Rechenschaftsberichte.

Am 14. und 15. Februar überschlugen sich die Ereignisse: Die 24 Volksvertreter nahmen den Torwärtern die Schlüssel als Insignien der Macht ab. Es folgte die Einberufung der Bürgerversammlung im Minoritenkloster , Abstimmung der Resolutionen, Verpflichtung der Bürger per Eid, die Forderungen mitzutragen und Übergabe der Resolution an den Rat, der in Anbetracht der revolutionären Stimmung versprach, einen Freibrief mit allen Forderungen auszustellen. Die Obrigkeit stand mit dem Rücken zur Wand. Man fürchtete um Leib und Leben. Der Freibrief wurde unverzüglich ausgestellt und dann in der Mariengilde aufbewahrt.

Hatte die Revolution gesiegt? Mitnichten. Duisburg gehörte zum Territorium des Herzogs von Kleve, Johann II. Dem Herzog wurde das revolutionäre Geschehen in Duisburg zugetragen.

Der Aufruhr der Gilden, aber auch das Finanzgebaren der Stadtspitze missfiel dem Herzog. Er fürchtete um seine Steuereinnahmen. Kriege und der Unterhalt seiner 63 unehelichen Kinder kosteten schließlich viel Geld. Johann II. zitierte Vertreter beider Gruppen zum Rechenschaftsbericht nach Kleve. Eine Machtdemonstration. Nach Klärung werde er die Schuldigen bestrafen. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, sperrte der Herzog die Überweisung von 40 Goldgulden an die Mariengilde aus dem Marktzoll der Stadt Orsoy. Das zeigte Wirkung. Stadtspitze und Aufständische machten sich auf den Weg nach Kleve.

Das Treffen verlief für Aufständische und Ratsvertreter eher unerfreulich. Die Stadt musste nach langen und schwierigen Verhandlungen gar ein Sühnegeld in Höhe von 400 Goldgulden zahlen. Die Gildenhäuser wurden als Unruheherde geschlossen. Der Bürgermeister wurde unter Strafe verpflichtet, eine ordnungsgemäße Abrechnung vorzulegen. Im Ergebnis hatte die "Duisburger Revolution" der Stadt und den Vertretern der Gilden geschadet. Die Kontrolle auf den Rat und die Stadt "von oben" wurde verschärft. Die angestrebte Selbstverwaltung der Stadt hatte einen Rückschlag erlitten. Andererseits hat aus Sicht einiger Historiker der Aufstand der Gilden langfristig die Beteiligungsrechte der Bürger gestärkt und eine Neuregelung der Finanzverwaltung vorangetrieben.

Steuerpolitik, Haushaltsprobleme, Krisenmanagement und Bürgerbeteiligung sind Themen, die auch heute die Duisburger beschäftigen. Es gibt eben Dinge von nahezu unheimlicher Dauer. Auf den ersten Blick ist der Haushalt 2016 ausgeglichen.

Allerdings wird die Finanzspritze des Landes für die Stadtkasse aus dem "Stärkungspakt" bis 2021 auf null sinken. Keine leichte Aufgabe für die neue Finanzdezernentin. Die Stadt bleibt in schwierigem Fahrwasser. Es bleibt nicht allzu viel Zeit, die strukturellen Probleme in den Griff zu bekommen.

Quelle: Prof. Dr. Arend Mihm, Die Chronik des Johann Wassenberch.

Quelle: RP
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