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Walter Smerling
Chinesische Tore werden weit geöffnet

Duisburg. Der Direktor des Museums Küppersmühle zeigt im kommenden Jahr deutsche Gegenwartskunst in acht Pekinger Museen.

Ab September 2017 wird mit "Deutschland 8 - German Art in Beijing" zeitgenössische deutsche Kunst so umfangreich wie nie zuvor in China zu sehen sein. In acht Ausstellungsinstitutionen in Peking sollen 40 wegweisende deutsche Künstler gezeigt werden. Erstmals wird dabei einem westlichen Land die Verbotene Stadt als Ausstellungsort zur Verfügung gestellt. Federführender Kurator auf deutscher Seite ist Walter Smerling, Vorsitzender der Stiftung für Kunst und Kultur und Direktor des Museums Küppersmühle in Duisburg. Smerling war schon Chefkurator bei "China 8". Mit Walter Smerling sprach Redakteur Peter Klucken.

Mit der Verbundausstellung "China 8" brachten Sie im vergangenen Jahr als Initiator und Kurator chinesische Gegenwartskunst in acht deutsche Städte an Rhein und Ruhr. Es war die größte Präsentation zeitgenössischer chinesischer Kunst im Ausland. Im kommenden Jahr bringen Sie mit der Stiftung Kunst und Kultur deutsche Kunst der Nachkriegszeit nach Peking. War für Sie von vornherein klar, dass es nach "China 8" eine Gegeneinladung geben würde?

Smerling Nein, die Einladung zu "Deutschland 8" durch den chinesischen Botschafter Shi Mingde und den Chef der Central Academy of Fine Arts, Fan Di'an, kam völlig überraschend am letzten Ausstellungstag. Die Partner in China hat vor allem fasziniert, wie "China 8" umgesetzt und aufgenommen wurde. Die Zusammenarbeit der Häuser an Rhein und Ruhr ist allerdings nicht zu vergleichen mit der Situation in Peking, und jetzt sind wir gespannt auf die Zusammenarbeit in China.

Wie werden die Werke für "Deutschland 8 - German Art in Beijing" ausgesucht, die ab September 2017 in acht Pekinger Museen ausgestellt werden sollen?

Smerling Als verantwortliche Kuratoren werden Fan Di'an und ich bis Mitte des Jahres die Künstler- und Werkliste erarbeiten und dann entsprechende Leihanfragen stellen. Wir möchten die Entwicklung der deutschen Kunst in den letzten 50 Jahren zeigen. Dabei geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität - eine solche Auswahl ist naturgemäß subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir werden uns auf rund 40 künstlerische Positionen verständigen, die aus unserer Sicht die Kunst in Deutschland maßgeblich geprägt haben.

Sind deutsche Gegenwartskünstler in China, über den Kreis der Eingeweihten hinaus, bekannt?

Smerling Deutsche Gegenwartskunst ist in China etwa so bekannt wie chinesische Gegenwartskunst bei uns - es gibt also einigen Nachholbedarf. Die chinesische Kunstszene ist natürlich besonders interessiert. Wenn man Akademien besucht, stellt man fest, dass das Kopieren nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, nach dem Motto: Wenn du so gut sein willst, wie dein Meister, dann arbeite wie er. Zu diesen Meistern zählen heute auch internationale Größen wie Baselitz, Polke oder Richter. Diese Künstler nach Peking zu bringen, ist der große Wunsch meines Kuratoren-Kollegen Fan Di'an. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit, wir haben uns in den vergangenen 15 Jahren immer wieder zu Gesprächen getroffen. Die Verabschiedung der Künstlerliste wird noch viele Diskussionen mit sich bringen.

Wird das Museum Küppersmühle der Hauptleihgeber werden?

Smerling Nein. Natürlich sind in der Sammlung Ströher als einer der größten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst wichtige Positionen, die ich gerne in Peking zeigen würde. Aber es gibt eine Vielzahl von weiteren Leihgebern, mit denen wir Kontakt aufnehmen werden. Es geht nicht um die Präsentation einer Sammlung, sondern der deutschen Kunstentwicklung, unabhängig von der Provenienz.

Was ist die größte Herausforderung bei der Realisierung der "Deutschland 8"-Ausstellung?

Smerling Logistik und Vermittlung. Der Verantwortungshorizont liegt bei diesem Projekt sehr hoch, darüber bin ich mir durchaus im Klaren. Diese Ausstellung ist eine ehrenvolle Aufgabe, aber auch eine immense Herausforderung. Der Umgang mit Kunst ist in China ist völlig anders, als wir das hier gewohnt sind. Von der inhaltlichen Auswahl bis zur Präsentation der Werke sind die Denk- und Vorgehensweisen und die praktischen Erfahrungen ganz andere. Das kuratorische Verständnis ist in China stark traditionsbasiert, da ist noch viel Dialog notwendig für den Umgang mit westlicher Kunst. Ich bin deshalb überzeugt, dass "Deutschland 8" auch in kuratorischer Sicht nicht nur für das Publikum, sondern auch für die junge Generation an Kuratoren und Kunstvermittlern in China von großem Interesse sein wird. Im Übrigen hoffe ich, dass wir die Unterstützung vom Goethe-Institut bekommen. Mein Treffen mit dem neuen Leiter in Peking, Herrn Treter, war jedenfalls von großer Aufgeschlossenheit geprägt. Die größte Herausforderung wird es aber sein, das Projekt logistisch auf die Beine zu stellen und die Kunstwerke zeitgleich an acht höchst unterschiedlichen Orten in Peking zu präsentieren. Absolutes Novum: Die Verbotene Stadt wurde bisher noch keinem westlichen Land für Ausstellungszwecke zur Verfügung gestellt. Für "Deutschland 8" werden die Tore erstmals geöffnet.

Bei "China 8" wurde mitunter kritisch die politische Dimension der Ausstellung thematisiert. Bei "Deutschland 8" wird man vermutlich auch zustimmende und kritische Stimmen hören. Wie sehen Sie die Ausstellungen?

Smerling "China 8" war von Vorurteilen begleitet. Obwohl es keinerlei Einschränkungen durch den chinesischen Staat gab, wollten manche Medienvertreter das nicht wahrhaben. Auch "Deutschland 8" wird frei von staatlichem Einfluss konzipiert und organisiert, so wie wir es hier gewohnt sind. Natürlich wird es zur Auswahl gleichermaßen Zustimmung und Ablehnung geben, bei uns und in China. Die Meinungen über Kunst gehen immer auseinander. Das muss auch so sein, ohne Auseinandersetzungen wäre eine solche Ausstellung langweilig. Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere, wie Ad Reinhardt einst treffend formulierte.

Quelle: RP
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